
Stand: 03.01.2026 18:03 Uhr
Hinter Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) stecken immer häufiger Finanzinvestoren. Die Kassenärztliche Vereinigung in Schleswig-Holstein sieht darin eine Gefahr. MVZ-Betreiber wehren sich gegen die Vorwürfe.
Wer zum Arzt geht, vertraut darauf, dass er dort bestmöglich behandelt wird. Dass Mediziner Untersuchungen und Operationen durchführen, weil sie nötig sind und nicht weil sie viel Geld bringen. Doch wie ist das in Praxen, die von privaten Finanzinvestoren geführt werden? Steht hier Gewinnmaximierung über Patientenwohl?
Genau das befürchten Branchenkenner. Sie warnen davor, dass immer mehr Geldgeber in den Gesundheitssektor einsteigen. In Schleswig-Holstein sind Investoren laut Kassenärztlicher Vereinigung (KVSH) vor allem an ausgenärztlichen Praxen interessiert, steigen aber auch in den Bereichen Radiologie, Orthopädie und Zahnmedizin ein.
Was ist wichtiger: Geld oder Gesundheit?
Ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung betont auf Nachfrage von NDR Schleswig-Holstein: „Die KVSH sieht die zunehmende Verbreitung investorenbetriebener Medizinischer Versorgungszentren mit großer Sorge.“ Und mehr noch:
Dieses Modell stellt eine ernsthafte Gefahr für die eine patientenorientierte Versorgung dar.
Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein
Und auch die AOK Nordwest hat nach eigener Auskunft Bedenken, dass medizinische Entscheidungen zunehmend von Kapitalinteressen beeinflusst werden könnten, wenn die „ärztliche Unabhängigkeit nicht ausreichend geschützt“ wird.
Selbstzahlerleistungen: Zu wenig Aufklärung

Patientenberater berichten: Bei MVZ erfahren Patienten mitunter nicht alles, was sie im Vorfeld über Selbstzahlerleistungen wissen müssten.
Tatsächlich gehen bei der Patientenberatung der Ombudsmänner- und Frauen in Schleswig-Holstein auch Beschwerden ein. Demnach werden Patienten in Medizinischen Versorgungszentren mitunter nicht ausreichend aufgeklärt, wenn es um Untersuchungen und Eingriffe geht, welche die Patienten selbst bezahlen müssten und nicht von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Doch ob es sich in diesen Fällen um MVZ handelt, die von Medizinern oder Investoren geführt werden, ist nach Angaben der Ombudsstelle unklar.
Hilfe: Angebote für Patienten
Wenn Patienten Verdacht haben, dass sie falsch behandelt oder zu Eingriffen überredet werden, können sie sich an verschiedene Stellen wenden: Ansprechpartner sind die Krankenkassen, die Patientenombudsleute oder die Stiftung Unabhängige Patientenberatung. Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein empfiehlt generell, bei komplexeren Eingriffen eine zweite Meinung einzuholen. Konkret bietet die Verbraucherzentrale zusammen mit der Zahnärztekammer und der KVSH eine zahnmedizinische Beratung an, bei der unter anderem auch Kostenvoranschläge geprüft werden.
Die meisten MVZ in Kiel
Fest steht: Deutschlandweit greifen Spekulanten immer häufiger nach Medizinischen Versorgungszentren. Es sind größere Praxen, in denen mehrere Ärzte angestellt sind. Wirtschaftlich geführt werden diese Zentren von Kapitalgebern. In Schleswig-Holstein gab es laut Gesundheitsministerium zuletzt 139 Medizinische Versorgungszentren. Die meisten davon in Kiel (25), gefolgt von den Kreisen Schleswig-Flensburg (14), Pinneberg (11), Rendsburg-Eckernförde (11) und Lübeck (11). Doch die liegen nicht alle automatisch in den Händen von Investoren.
Forderung: Regulierung und Transparenzregister

Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU) ist für eine schärfere Regulierung von Medizinischen Versorgungszentren. Zusammen mit anderen Länderkollegen hat die Ministerin den Bund schon mehrfach zum Handeln aufgerufen.
Wer hinter den Praxen steckt, ist oft nicht zu erkennen. Die Inhaberstrukturen sind verschachtelt. Schleswig-Holstein und andere Bundesländer fordern daher ein sogenanntes MVZ-Regulierungsgesetz. Dazu soll gehören, dass Träger und Betreiber auf dem Praxisschild stehen und in einem Register erfasst werden müssen. Außerdem soll der Anteil an Medizinischen Versorgungszentren begrenzt werden. Das müsste bundesgesetzlich festgelegt werden. Das Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein sieht deshalb die Bundesregierung in der Pflicht.
Betreiber wehren sich gegen Kritik
Der Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren ist nach eigenen Angaben offen für ein solches Transparenzregister. Der Verband widerspreche aber Vorwürfen, Investoren stellten eine Gefahr für die patientenorientierte Versorgung dar.
Weder empirische Studien noch vorliegende Gutachten belegen, dass Patientinnen und Patienten in MVZ-Gruppen schlechter oder weniger patientenorientiert versorgt würden als in anderen ambulanten Versorgungsformen.
Alexandra Gutwein, Geschäftsführerin Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren
Verband: MVZ können ambulante Versorgung stärken
Investorengeführte Praxen bieten nach Ansicht von Fachleuten auch Vorteile für Patienten und Mediziner: So müssten sich die dort arbeitenden Ärzte zum Beispiel nicht um Verwaltungsaufgaben kümmern. Auch gingen sie kein wirtschaftliches Risiko ein, weil sie angestellt und nicht selbstständig seien. Und der Bundesverband der MVZ-Betreiber ist überzeugt, dass „Medizinische Versorgungszentren einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der ambulanten Versorgung“ leisten. Patientinnen und Patienten würden zum Beispiel von Investitionen in moderne Medizintechnik profitieren, aber auch von längeren Öffnungszeiten als in Einzelpraxen.