Der jüngste US-Militärschlag gegen Ziele in Venezuela markiert mehr als eine regionale Machtdemonstration. Er ist ein weiteres Signal dafür, dass sich die internationale Ordnung zunehmend von Regeln, Institutionen und multilateralen Absprachen löst – und stattdessen wieder entlang klassischer Einflusssphären organisiert. Was lange als Relikt des 20. Jahrhunderts galt, kehrt mit bemerkenswerter Offenheit zurück: Großmächte sichern Interessen, wo sie es können, und testen, wie weit sie gehen dürfen – solange andere Großmächte nicht intervenieren.
Die Konferenz von Jalta im Februar 1945 markierte einen historischen Wendepunkt. Die Alliierten – USA, Großbritannien und die Sowjetunion – legten dort nicht nur die Besatzungszonen im besiegten Deutschland fest, sondern definierten die politische Grundordnung Europas für Jahrzehnte. Auch wenn die eigentliche Blockbildung erst mit dem Kalten Krieg voll ausgeprägt wurde, war Jalta jener Moment, in dem Einflusssphären erstmals offen akzeptiert und faktisch legitimiert wurden. Die Nachkriegsordnung entstand nicht zufällig, sie wurde verhandelt – auf Kosten kleinerer Staaten und ohne deren Mitsprache.
Die Frage drängt sich auf: Stehen wir heute erneut an einem solchen Punkt – nur ohne Konferenz, ohne Protokoll und ohne formelle Beschlüsse?
Russland verfolgt seine Ziele offen. Die Ukraine ist dabei nicht End-, sondern Zwischenstation. Moskau strebt nach der Wiederherstellung verlorener Einflusszonen, nach strategischer Tiefe, „Pufferezonen” hin zum Westen und nach einer dauerhaften Schwächung der NATO und der westeuropäischen Demokratien. Der postsowjetische Raum soll erneut unter russische Kontrolle geraten, flankiert von wachsendem Einfluss in Teilen Afrikas, wo Sicherheitskooperation, Rohstoffzugang und politische Abhängigkeiten ineinandergreifen.
China agiert leiser, aber nicht weniger konsequent. Der Blick auf Taiwan wird zunehmend unverhohlen, während Peking parallel seine Machtprojektion in Südostasien ausbaut. Wirtschaftliche Durchdringung, politische Einflussnahme und rechtliche Grauzonen schaffen Fakten, lange bevor militärische Mittel zum Einsatz kommen müssen. In mehreren Nachbarstaaten – aber auch über tausende Kilometer hinweg bis Europa und sogar nach Österreich – kontrollieren chinesische Akteure bereits heute Schlüsselindustrien, Infrastruktur und Handelsströme. Mit langfristigen strategischen Folgen für Souveränität und Entscheidungsfreiheit.
Und die USA? Unter Donald Trump wurden zentrale sicherheitspolitische Konstanten der vergangenen Jahrzehnte aufgebrochen. Multilaterale Bündnisse gelten nicht mehr als strategischer Wert an sich, sondern als Kostenfaktor. Die bisherige NATO-Rollenverteilung wird offen infrage gestellt, europäische Partner aber auch einzelne EU-Staaten zunehmend als abhängige Nutznießer abgetan oder für „Deals” herausgelöst. Gleichzeitig treten klassische machtpolitische Reflexe wieder offen zutage – vom strategischen Interesse an Grönland bis zur demonstrativen Absicherung eigener Einflusssphären in der westlichen Hemisphäre, zuletzt unterstrichen durch einen präzise ausgeführten militärischen „Enthauptungsschlag” gegen die politische Führung rund um Präsident Nicolás Maduro in Venezuela.
Was also, wenn wir es nicht mit drei konkurrierenden Weltbildern, sondern mit drei sich überschneidenden Interessen zu tun haben? Was, wenn Wladimir Putin, Xi Jinping und Donald Trump erkannt haben, dass sie ihre jeweiligen Ziele leichter erreichen, solange sie sich gegenseitig nicht im Weg stehen? Kein neues Jalta mit Konferenztisch und Gruppenfoto, sondern ein stillschweigendes Einvernehmen: Jeder sichert seinen Raum, jeder testet die Grenzen – und Konflikte werden dort toleriert, wo sie den eigenen Interessen nicht widersprechen.
Für Europa wäre ein solches Szenario fatal. Denn wie schon 1945 wären es nicht die großen Mächte, die den Preis zahlen, sondern jene Staaten, die zwischen den Machtblöcken liegen. Die Lehre aus Jalta lautet nicht, dass Geschichte sich exakt wiederholt – sondern dass sie sich dann reimt, wenn Machtpolitik wieder wichtiger wird als Recht und Stabilität wichtiger als Freiheit.
