Kurzfassung des Artikels:
- Pia Klokkers und Lars Siering radeln in 140 Tagen vom Nordkap bis Athen über 8254 Kilometer durch Europa.
- Besonders in Südosteuropa erleben sie große Gastfreundschaft und Unterstützung bei Pannen.
- Nach fast fünf Monaten Alltag aus Wildcampen, langen Etappen und einfachen Mahlzeiten kommt ihnen ihr Urlaub in Athen wie Luxus vor.
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„Was soll das bloß werden?“ Das sind die Gedanken von Pia Klokkers, als sie und ihr Freund Lars Siering für die erste Nacht von vielen ihr Zelt aufschlagen, mitten im Schnee, irgendwo im Norden von Norwegen. Fast fünf Monate sind die beiden auf den Radwegen Europas unterwegs, vom Nordkap aus bis runter nach Athen. Das Paar hegt schon lange den Wunsch, nach dem Uni-Abschluss eine Radreise zu starten. Ursprüngliches Ziel ist Kanada. „Dann haben wir gedacht, Europa hat auch schöne Ecken, und es entstand der Plan, einmal von Norden nach Süden zu fahren.“
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Die Erfahrung, dass einen eine so lange Reise auch an die Belastungsgrenzen bringen kann, macht Pia Klokkers gleich zu Beginn: „Ich habe das am Anfang total romantisiert mit dem Wildcampen.“ Die harte Realität: fünf Grad, Schnee und ein Bärenhunger, nachdem es fast 100 Kilometer bergab und bergauf durch die Landschaft von Norwegen ging. „Das war mit Abstand der schlimmste Punkt der Reise“, erinnert sich die gebürtige Veldhauserin. Dennoch bereut sie nichts, denn so hart es auch war: Sie hat auf der Reise nicht nur eine Menge Eindrücke und Erfahrungen, sondern auch Freunde gewonnen.
Reisen mit Minimalgepäck
„Ursprünglich habe ich Radfahren gehasst“, erzählt die 27-Jährige. Ihr Freund hingegen, den sie während ihres Architekturstudiums in Münster kennengelernt hat, ist passionierter Radsportler, und so haben die beiden bereits im vergangenen Jahr eine Tour von Augsburg nach Verona unternommen.
Von Kleidung über Lebensmittel bis hin zu Medizin befindet sich alles, was die beiden brauchen, in ihren Fahrradtaschen.
Foto: Pia Klokkers
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Im Reisen im minimalistischen Stil haben die beiden also Erfahrung, und auch ihr architektonisches Wissen spiegelt sich in den Reisevorbereitungen wider: Pia Klokkers’ Gepäckliste zeigt ihr Fahrrad, gepunktete Linien weisen auf die Taschen, die an ihrem Rad befestigt sind. Am anderen Ende der Linie stehen aufgelistet die Utensilien, die sich in den jeweiligen Taschen befinden.
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Der „Kleiderschrank“ in den Taschen links und rechts vom Hinterrad besteht aus wenig Kleidung, die jedoch jeder Wetterlage angepasst ist. Vorne rechts am Lenker ihres Freundes befindet sich ihre „Küche“, bestehend aus Thermoskanne, Tassen, Lappen, Spülmittel, Tupperdosen und Lebensmitteln. Und so geht es weiter, bis jeder Platz perfekt ausgefüllt ist.
Nicht immer bietet das Wildcampen so viel Idylle wie hier, aber auch solche Abende gehören zur Reise von Pia Klokkers und Lars Siering.
Foto: Pia Klokkers
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„Eines muss einem klar sein: Eine Radreise wird kein Luxus“, sagt Klokkers. Sieben bis acht Stunden sitzen sie täglich auf dem Sattel, seit sie Anfang Juni mit all ihren Sachen am Flughafen Alta ankommen. Eine warme Dusche gibt es nur dann, wenn sie ihnen von Einheimischen angeboten wird. Über die App „Warmshowers“ (frei übersetzt: Warme Duschen) können heimische Radfahrer ihre Dusche für Radtouristen bereitstellen. Haben die beiden Glück, gibt es obendrauf noch eine warme Mahlzeit oder eine Couch zum Schlafen – für Klokkers und Siering eine willkommene Abwechslung zu Haferbrei und Schlafsack.
Viel Gastfreundschaft erfahren
Ganz nebenbei lernen sie dabei die Menschen und die Kultur der Länder kennen. „In Graz sind wir spontan mit auf einen Geburtstag gekommen“, erzählt Klokkers. Manche Bekanntschaften, die sie auf ihren Reisen machen, begleiten die beiden auch für mehrere Tage, oder sie treffen sich in anderen Städten erneut. „Wenn man Lust darauf hat, kann man viele neue Leute treffen.“ Auch über die Tour hinaus halten diese Begegnungen: In Pia Klokkers Kalender steht für Februar ein Eintrag für das Orgelkonzert eines Mitreisenden, der die beiden eingeladen hat.
Besonders die Gastfreundschaft in Südosteuropa ist der 27-Jährigen positiv in Erinnerung geblieben: „80 Kilometer vor dem Ziel hatte ich einen Platten, weshalb wir in einer Tankstelle nach einem Fahrradladen gefragt haben. Einer der Einwohner telefonierte daraufhin mit einem Inhaber, der dann extra aus der fünf Kilometer entfernten Stadt zu uns kommt. Allerdings hatte er kein Flickzeug dabei. Nachdem ich ihm erklärt habe, was ich brauche, ist er noch einmal zu seinem Laden und wieder zu uns gefahren“, berichtet Klokkers.
Die Grenze zu Griechenland erreichen die beiden Radler Anfang Oktober. Von dort aus geht es weiter nach Athen.
Foto: Pia Klokkers
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Luxus zum Finale: Waschmaschine und Dusche
Nach genau 8254 Kilometern kommen die beiden Mitte Oktober in Athen an. Die letzte Etappe – knapp 90 Kilometer auf 1100 Höhenmeter – ist noch einmal anstrengend. Deshalb war die Überforderung mit dem plötzlichen Ende der Reise auch „recht groß“, wie die 27-Jährige berichtet. Nach fast fünf Monaten, die sie direkt neben Wildschweinen geschlafen haben, mit der Bärenpfeife unter dem Kopfkissen, mit Temperaturen von fünf Grad in Norwegen bis 35 Grad im Spreewald und Haferschleim oder Nudeln mit Pesto als Hauptnahrungsmittel, kommt ihnen der anschließende, einwöchige Urlaub in Athen in einer Ferienwohnung mit Waschmaschine und Dusche wie Luxus vor.