Neujahrskonzert im Opernhaus: Das Staatsorchester kann auch träumen Das Opernhaus in Stuttgart Foto: Wilhelm Mierendorf

Beim Neujahrskonzert im Opernhaus gibt’s regelmäßig ein volles Haus. Aber konnte das Staatsorchester auch die Erwartungen des Publikums erfüllen?

Während beim Neujahrskonzert in Wien ja schon Schnappatmung ausbricht, wenn der aus New York eingeflogene Dirigent zwischen all die Herren-Walzerei auch mal zwei Kompositionen von Frauen platzieren möchte, denkt sich das Staatsorchester in Stuttgart schon seit Jahren zum Start ins neue Jahr für jedes seiner Programme ein eigenes Thema, einen eigenen Schwerpunkt aus. Deswegen ist das Opernhaus am Eckensee auch regelmäßig ausverkauft, und das vollkommen zu Recht – man geht eigentlich hinterher immer mit dem guten Gefühl nach Haus, angesichts so viel belebender Musik könne das neue Jahr vielleicht ja wirklich richtig gut werden.

Zwei starke Solistinnen

„Was träumen heißt“ lautete die Überschrift in diesem Jahr, was sich am schlüssigsten auf den ersten Teil des frühen Abends beziehen ließ: Die Sopranistin Alma Ruoqi Sun und die Mezzosopranistin Ida Ränzlöv trugen je drei Orchesterlieder von Richard Straus vor. Und ob nun „Freundliche Vision“, „Winterweihe“ oder „Morgen“: Allesamt waren diese sehr verträumten, romantisch-elegischen Inhalts, wurden die Solistinnen wunderbar weich und satt begleitet vom Staatsorchester unter Leitung des Stuttgarter Kapellmeisters Luca Hauser. Sehr reizvoll dabei auch der stimmliche Kontrast zwischen den Sängerinnen; während Sun intensiv verinnerlicht interpretierte, strahlte Ränzlövs Stimme satt expressiv. Dadurch wurde die Zugabe zu ihrem Programmteil, die gemeinsam vorgetragene „Zueignung“ von Richard Strauss, zur schlau angesetzten Conclusio mit eigener programmatischer Aussage. Großer Beifall.

Präsentierte sich das Orchester im Liedteil konsequent als höchst solidarischer Diener, konnte Luka Hauser davor und danach ordentlich Schmackes geben: Prachtvoll schön geriet die Ouvertüre zur Richard Wagners Oper „Tannhäuser“; die Orchestermusiker bewiesen, dass sie schon voll im Wagner-Groove sind für die nächste große Premiere am Haus, die „Meistersinger“. Voll Dynamik und mit Schärfe, aber niemals zu hart in der Rhythmik, akzentuierte Hauser drei Slawische Tänze von Antonin Dvorak sowie den Csárdás aus Johann Strauss’ Oper „Ritter Pásmán“. Und mitten drin erklangen auch noch die Norwegischen Tänze von Edvard Grieg, die mitten im eiskalten Januar eine Ahnung von Mittsommernacht herbeizauberten; wunderbar.

Was Stuttgart anders macht als Wien

Zum Erfolg der Neujahrskonzerte trägt zweifellos auch bei, dass die bunt gemischte Truppe des Staatsorchesters eben nicht unten im Orchestergraben versenkt wird, sondern prominent unter zwei opulenten Lüstern beim Zusammenspiel auf der Bühne zu beobachten ist. Wie die Musiker zusammen wirken in größter Besetzung, eben nicht nur mit Pauken und Trompeten, sondern auch mit ordentlich Schlagwerk und Harfe, fabelhaft dirigiert von dem ebenso jungen wie einnehmenden Hauser, das macht einfach große Freude. Wien lebt vermutlich noch lange gut vom ewigen Déja-vu. Stuttgart baut derweil lieber neu zusammen. Und auch das ist ja eine Aussage zur Zeit.