Seit mehr als 100 Jahren gibt es den Leipziger Sport-Club 1901 in Schleußig. Mitten im Wohngebiet, was den allermeisten Menschen in der Nachbarschaft gut gefällt: Der Verein bietet Fußball, Hockey und Tennis für alle Altersstufen an. Doch seit etwa zwei Jahren kommen regelmäßig Beschwerden von einzelnen, dass der Sportverein zu laut sei – beim Training, bei Spielen, bei Veranstaltungen. Ende Oktober hat die Stadt Leipzig eine Verordnung erlassen, nach der jegliche Musikbeschallung auf dem Vereinsgelände verboten ist, nur bis 20 Uhr Hockey trainiert und die neu gebaute Tribüne nicht genutzt werden darf. Für den Verein eine massive Einschränkung. Es bedeutet nun einen hohen zeitlichen und bürokratischen Aufwand sowie eine große Unsicherheit, wie es in der Sommersaison mit dem Training weitergehen kann. 

Es ist ruhig in den Straßen des Wohngebiets in Schleußig. Hier stehen viele Einfamilienhäuser, mit Gärten und Garageneinfahrten. An das Wohngebiet grenzen ein Kleingartenverein, das Elsterflutbett, der Auwald – und das Gelände des LSC 1901. Wie der Name sagt, wurde er vor fast 125 Jahren gegründet, seit 1908 ist das Trainingsgelände am heutigen Standort in Schleußig. Inzwischen gibt es auf 8,5 Hektar Fläche die Möglichkeit, Fußball, Hockey und Tennis zu spielen. Mit mehr als 1.200 Mitgliedern gehört er zu den größten Sportvereinen in der Stadt und ist hauptsächlich ehrenamtlich organisiert. »Wir sind ein Mehrgenerationenverein«, erklärt Geschäftsstellenleiter Norbertas Sieber. »Vormittags spielen überwiegend Seniorinnen und Senioren Tennis, nachmittags trainieren Kinder und Jugendliche und abends sind dann die Erwachsenen an der Reihe.« Die abendlichen Trainingszeiten für den Hockeyplatz der letzten – meist berufstätigen – Gruppe werden durch die Verordnung der Stadt nun beschränkt. »Über einen längeren Zeitraum gingen vermehrt Lärmbeschwerden im Amt für Bauordnung und Denkmalpflege ein«, teilt uns die Stadt Leipzig auf Nachfrage mit. »Nach Recherche der Genehmigungslage konnte festgestellt werden, dass die zulässigen Trainings- und Spielzeiten nicht eingehalten wurden. Hinzu kam die Beschallung während der Trainings- und Spielzeiten mit Musik, welche nicht von der derzeitigen Genehmigungslage gedeckt sind«, heißt es weiter. 


Gute Nachbarschaft

Ob es wirklich so viele Beschwerden gegeben hat, darüber herrscht Uneinigkeit im Viertel. Auf einen Zettel im Briefkasten mit dem Angebot, sich zu dem Sachverhalt dem kreuzer gegenüber zu äußern, meldeten sich zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner zu Wort. Viele wohnen schon Jahrzehnte im Viertel und sehen den aktuellen Konflikt kritisch. »Wenn man in einem Wohngebiet mit direkter Nachbarschaft einer großen Sportanlage mit zugehörigem großen Verein wohnt, sollte man diese Gegebenheiten akzeptieren, sonst sollte man über einen Wohngebietswechsel nachdenken«, schreiben Liane und Frank Schaft, die schräg gegenüber der Einfahrt zum Vereinsgelände wohnen. »Für die ›Beschwerden‹ kann ich kein Verständnis aufbringen, da die positiven Punkte, die für den alteingesessenen Sportverein und die gern besuchte Stadtviertelgaststätte sprechen, in der Mehrzahl sind!«, schreibt Dorothee Ladewig, die seit 70 Jahren hier wohnt. Viele Rückmeldungen heben die wichtige Arbeit hervor, die der Verein für das Viertel und auch in der Kinder- und Jugendarbeit leistet. Zudem verweisen viele der Anwohnerinnen und Anwohner darauf, dass der Verein über Veranstaltungen rechtzeitig informiere und die Lautstärke die erwartbare nicht überschreite. 

Aber wir erhalten auch einzelne Beschwerden, mit der Bitte um Anonymität – man habe Angst vor Anfeindungen. In diesen Beschwerden ist von »unkontrollierter Musik« bei Fußballspielen die Rede, von Hockeygeräuschen, die an einen Schießstand erinnern würden, chaotischen Parksituationen an Spieltagen und Sprinkleranlagen, die nachts die Tennisplätze bewässern. Der Verein habe trotz mehrfacher Gespräche und E-Mails nicht auf Beschwerden reagiert. 

»Ich weiß nicht, mit wem diese Personen gesprochen haben, aber den Vorstand haben diese Beschwerden nie erreicht«, erzählt Sieber. »Wir haben erst über die Stadt Leipzig davon erfahren.« Man habe daraufhin mehrfach das Gespräch gesucht, um zu verstehen, welche Geräusche genau als besonders störend empfunden werden, und mehrere Maßnahmen ergriffen, um Geräusche zu minimieren. »Die C-Jugend war bei den Heimspielen der ersten Herrenmannschaft des LSC-Fußballs mit vollem Einsatz dabei und hat zum Anfeuern sogar kräftig getrommelt. Unser kleiner Fanclub ist jetzt aber offiziell Geschichte«, erzählt Sieber. Außerdem wurden an den Hockeytoren zusätzliche Matten angebracht, die Geräusche dämpfen, vor jeder Veranstaltung werden Aushänge gemacht, um die Nachbarschaft zu informieren. Inzwischen messen Vereinsmitglieder bei größeren Veranstaltungen ehrenamtlich die Lautstärke, die laut Sportvorstand unterhalb der Grenzwerte liegt. Aber die Beschwerden gehen weiter. 


Geräuschempfindlich oder nicht – das ist dem Gesetz egal

»Sport wird vom Recht klar privilegiert«, erklärt Moses Meerstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen Fakultät der Universität Leipzig und spezialisiert auf öffentliches Recht. In allgemeinen Wohngebieten wie in Schleußig dürfen Sportvereine tagsüber bis zu 55 Dezibel laut sein, in Sonderfällen auch 65 Dezibel. Das entspricht etwa einem normalen Gespräch. »Aber«, betont Meerstein, »beim Ankommenden darf es so laut sein.« Das Training an sich könne also wesentlich lauter sein, solange es im heimischen Garten lediglich in Zimmerlautstärke ankommt. Geräuschspitzen wie Jubelschreie beim Tor müssen allerdings toleriert werden. So ist es in der Sportanlagenlärmschutzverordnung festgelegt. Jedoch gelte auch der Prioritätengrundsatz, also: »Wer zuerst da war, hat Vorrang«, aber natürlich könnten sich Rahmenbedingungen ändern. An der Pistorisstraße, an der das Vereinsgelände liegt, reihen sich 13 Häuser direkt gegenüber den Tennis-, Hockey- und Fußballplätzen. Wo früher nur Sport gemacht wurde, wird heute dank tragbarer Boxen auch Musik gespielt und werden Lautsprecherdurchsagen gemacht. So ist es auch beim LSC, der schon wesentlich länger im Viertel ist als die meisten Anwohnerinnen und Anwohner, für die dieser Umstand aber größtenteils kein Problem darstellt. »Die Lärmbelastung ist absolut erträglich und hat sich in den letzten Jahren auch nicht über Gebühr erhöht. Ich glaube eher, dass inzwischen hier relativ viele neue Hausbesitzer eingezogen sind, die sich offensichtlich sehr wichtig nehmen«, schreibt Rainer Becker, der seit seiner Jugend im Viertel wohnt und Mitglied im Tennisverein ist. 

»Ob nun besonders geräuschempfindliche Menschen an einem Sportplatz wohnen oder solche, die den Lärm ignorieren können, ist für den Gesetzgeber erst mal unerheblich«, erklärt Meerstein. »Bau- und Lärmschutzrecht gehen nie vom Individuum aus, sondern vom Durchschnitt.« Denn auch wenn sportliche Betätigung wichtig ist und Sportanlagen gut erreichbar in der Nähe von Wohngebieten liegen sollen, ist auch Ruhe wichtig für die Gesundheit. Deshalb sei auch die Stadt in ihrer Entscheidung erst mal an Grenzwerte gebunden. »Aber es kann sich immer lohnen, miteinander zu reden. Wenn viele Menschen aus der Nachbarschaft zum Beispiel durch Unterschriften zeigen, dass sie sich nicht gestört fühlen, kann das für die Stadt ein Hinweis sein, wie hoch die Lärmbelästigung tatsächlich ist.« Unsere Interviewanfrage an Sport- und Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal lehnte die Stadt mit dem Hinweis ab, dass zu dem Sachverhalt zusätzlich zur Verordnung des Bauamtes nichts mehr zu sagen sei.

Von den gut zwanzig Rückmeldungen, die wir aus dem Wohngebiet erhalten haben, zeigen sich die allermeisten solidarisch mit dem Verein, verweisen darauf, dass bei einem Zuzug in das Wohngebiet die Geräusche des Sportplatzes einkalkuliert werden sollten, da er nicht zu übersehen sei. Zwei Anwohnende sprechen davon, dass die Musik in den letzten Jahren hörbar lauter geworden sei. In den drei E-Mails, deren Absender explizit um Anonymität bitten und die sich in der Ausdrucksweise auffällig ähneln, werden die Musikbeschallung und die »Rücksichtslosigkeit« des Vereins als extreme Belastung dargestellt. 

Das Amt für Bauordnung und Denkmalpflege stützt sich in seiner Bewertung der Situation vor Ort auf eine »umfangreiche Dokumentation« der Geräusche, die mutmaßlich durch den Sportverein verursacht wurden. Diese wurde nach kreuzer-Informationen von einer einzigen Person aus der Nachbarschaft erstellt, umfasst rund 200 Seiten sowie Fotos, Videoaufnahmen und detaillierte Lärmprotokolle. In unseren Gesprächen mit Anwohnenden kommt immer wieder der Hinweis, dass es sich bei den Beschwerdeführern lediglich um eine Familie handele, von der Teile erst seit Kurzem im Viertel wohnen. 


»Schutz Schleußig« will für Ruhe sorgen

Ein weiterer Akteur in diesem Konflikt ist eine Gruppe, die sich selbst »Schutz Schleußig« nennt und erstmals Ende 2024 in der Nachbarschaft in Erscheinung getreten ist – mit kleinem Infozettel in den Briefkästen der Nachbarschaft und dem Aufruf, »Sportplatzlärm« an die Immissionsschutzbehörde der Stadt zu melden. Anfang 2025 folgen weitere Anschreiben in den Briefkästen, in denen unter anderem die Einhaltung der Nachtruhe sowie der Verzicht auf Megafone, Trommeln und Musikabspielen durch den Verein gefordert wird und auf denen eine E-Mailadresse vermerkt ist, unter der Anwohnende eingeladen werden, mit der Gruppe in Kontakt zu treten. Wer dahintersteckt, dazu gibt es nur Vermutungen. Viele Anwohnerinnen und Anwohner kritisieren in ihren E-Mails an den kreuzer die »Blockwartmentalität« und das Verstecken hinter der Anonymität von »Schutz Schleußig« sowie dessen Namen, der sie an die Schutzstaffel der Nazis erinnere. Auf die Anfrage des kreuzer zu diesen Punkten antwortete die Gruppe nicht. 


Nachbesserungen durch den Verein

Ein weiterer Streitpunkt: die neu gebaute »Tribüne« des Vereins (siehe Foto). Deren Nutzung ist vom Amt für Bau und Denkmalpflege vorerst untersagt. Als Norbertas Sieber das Bauwerk zeigt, fällt es vor allem durch die rot-weißen Absperrbänder auf. Denn bei der »Tribüne« handelt es sich um sechs etwa 30 Zentimeter hohe Bänke, allerdings mit Betonfundament. »Sie ist so klein, dass wir dachten, dass keine Baugenehmigung erforderlich ist«, erklärt Sieber das Versäumnis des Vereins. Das führt dazu, dass die Bänke nun nicht genutzt werden dürfen, »Schutz Schleußig« feiert es in einer E-Mail an die Nachbarschaft als Erfolg. Der Verein habe »bewusst« gegen bestehende Auflagen verstoßen.

»Völlig unverständlich«, nennt es dagegen Georg von Salis-Soglio, der seit 25 Jahren unmittelbar gegenüber dem Sportverein wohnt. Ja, die Musik sei in den letzten Jahren lauter geworden, auch von der Sportlerklause, »aber nicht unaushaltbar«. Und das mit der Tribüne sei verrückt. »Wir hatten selbst unsere Kinder im Sportverein, da freut man sich als Eltern, wenn man bei den Spielen mal sitzen kann«, erklärt er uns. Er hoffe, dass die Tribüne bald wieder fürs Publikum freigegeben wird, das ja sowieso vor Ort ist, und dass »Schutz Schleußig« sich damit zufriedengibt, dass die Musik eingeschränkt wird. Das hofft auch der Sportverein und hat eine nachträgliche Baugenehmigung für die Tribüne beantragt. Was die Musikbeschallung angeht, »da haben wir vorerst wohl das Nachsehen«, sagt Sieber. Eine Vereinsordnung weist nun ausdrücklich darauf hin, dass keine Musik abgespielt werden darf. Bei Verstoß drohen bis zu 1.000 Euro Strafe. Laut Stadt hat der Verein Widerspruch gegen den Bescheid eingelegt. Die Beschwerden seien rückläufig, aber vor allem nach den Spieltagen der Fußballherren gehen sie weiterhin bei der Stadt ein, nicht beim Verein.

»Seit über 100 Jahren besteht dieser Sportplatz und ist ein wichtiger Treffpunkt für unseren gemeinnützigen LSC und das gesamte Viertel. Dieses wertvolle Stück Vereins- und Stadtgeschichte möchten wir gemeinsam bewahren. Als Verein sind wir jederzeit offen dafür, mit allen Beteiligten an einem runden Tisch ins Gespräch zu kommen und gemeinsam gute Lösungen zu finden«, erklärt Norbertas Sieber.