Kürzlich wurde in ihrem Team gefragt, ob sie künftig drei Stunden mehr pro Woche arbeiten könnten. „Für mich kommt das nicht in Frage, ich bin mit meinen 39 Stunden am Limit“, sagt Melanie Weber (Name geändert). Sie arbeitet als Sachbearbeiterin im Amt für Umweltschutz in Stuttgart. Und weil die Stadt Stuttgart einen Besetzungsstopp verhängt hat und laufende Stellenausschreibungen gestoppt wurden, müssen nun die Aufgaben auf den Schultern verteilt werden, die eben da sind. Das bedeute vor allem in kleineren Teams Mehrarbeit, sagt Weber.
Manche werden gezwungen sein, die drei Stunden mehr pro Woche zu arbeiten – auch wenn sie das eigentlich nicht wollen. Denn die sogenannte Stuttgart-Zulage, also das Zusatzgeld zum normalen Tarifgehalt für alle städtischen Mitarbeiter, wird reduziert von 150 Euro auf 70 Euro. Das stelle manche vor ein echtes Problem, weiß Melanie Weber: „Einige haben das auch für Kredite eingeplant.“ Zudem merkten die Mitarbeitenden nun, dass sie sich auf ihren Arbeitgeber nicht recht verlassen könnten, denn ihnen wurde die Zulage versprochen bis 2028. „Das finden viele sehr unfair.“
Das Jobticket gibt es nicht mehr umsonst
Mit der 2024 eingeführten Stuttgart-Zulage sollten Fachkräfte gewonnen werden und die höheren Wohn- und Lebenshaltungskosten in Stuttgart berücksichtigt werden. Das ist nun Geschichte. Auch bei den Tickets für den Nahverkehr wird gespart; städtische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen nur noch 50 Prozent bezahlt – während zuletzt das Jobticket komplett kostenfrei war. Hinter all diesen Maßnahmen stecken die massiven Einsparungen, die die Stadt Stuttgart vornehmen muss.
Ein anderer Mitarbeiter der Stadt Stuttgart, er ist tätig im Amt für Digitalisierung und IT, sagt ganz deutlich: „Der Großteil in einer Verwaltung verdient eher wenig Geld; da spielt die Höhe der Zulage eine echte Rolle.“ So kenne er Kollegen, die weit außerhalb Stuttgarts wohnten, weil sich diese die Preise in der Stadt nicht leisten können, „für die ist es ein harter Schlag“. Und auch für diejenigen, die nicht auf das Geld angewiesen seien, sei die Zulage eine Anerkennung für deren Arbeit – die nun eben geringer werde.
„Die Stimmung ist schon länger schlecht, jetzt ist sie unterirdisch“, sagt er. Das liege zum einen an den Sparmaßnahmen und dass immer mehr Kollegen spontan auf andere Positionen versetzt würden, weil dort mehr Bedarf sei. Zum anderen seien viele Verwaltungsangestellte tatsächlich am Gemeinwohl orientiert. Aber sie bekämen zunehmend den Eindruck: Je weiter oben die Mitarbeiter in der Hierarchie der Stadt Stuttgart stehen, desto eher ist für deren Herzensprojekt eben doch Geld da – trotz aller Sparzwänge. „Wenn in Prestigeprojekte viel Geld gesteckt wird, während in Schulen der Putz von den Wänden bröckelt, ist das schwer zu ertragen.“
„Die Leute haben sich auf die 150 Euro verlassen“
Das bestätigt Tomas Brause, der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats der Stadt: „Vor allem die unteren Lohngruppen – etwa Friedhofsgärtner oder Müllwerker – trifft die Reduzierung der Stuttgart-Zulage stark.“ Er wisse von mehreren Mitarbeitenden, die sich ein Leben in Stuttgart nur leisten konnten, weil sie zusätzlich einen zweiten Job machten. Die 150 Euro zusätzlich hätten die Situation für diese Menschen entschärft. „Die Leute haben sich darauf verlassen.“
Dass das Jobticket künftig nicht mehr kostenfrei sei, sondern die Mitarbeitenden 50 Prozent selbst bezahlen müssten, bezeichnet er als „gewaltigen Rückschritt in Sachen Klima und Vorbildcharakter für andere“. Mehr als 84 Prozent der Mitarbeiter hätten das Jobticket in Anspruch genommen, andere Arbeitgeber hätten sich an dem Stuttgarter Modell orientiert. Dass daran nun gespart werde, versteht er nicht, „denn eigentlich ist das ja: rechte Tasche, linke Tasche“. Alles, was die Stadt Stuttgart dafür ausgebe, müsse man schon den SSB nicht mehr subventionieren, argumentiert er.
Stuttgart-Sign statt Fortbildungen
Er rechnet vor, dass auch die Kürzung um 20 Prozent für Aus- und Fortbildungen von Mitarbeitern nicht nötig gewesen wäre, wenn man auf das Stuttgart-Sign verzichtet hätte. Das ist der große, beleuchtete Stuttgart-Schriftzug, der auf dem Marktplatz aufgestellt und ein touristisches Fotomotiv werden soll.
Der Gemeinderat hat den Sparhaushalt beschlossen. Foto: Lichtgut
Tomas Brause hätte eine Beibehaltung der Aus- und Fortbildungskosten für Mitarbeiter für sinnvoller gehalten: „Angesichts der Digitalisierung gilt: Wenn eine Fachkraft drei bis vier Jahre lang nicht mehr auf eine Fortbildung geht, ist die Person keine Fachkraft mehr.“
Und wie geht es nun weiter? Tomas Brause gibt sich trotz allem zuversichtlich. Er rechnet damit, dass die Gewerbesteuereinnahmen in drei bis vier Jahren wieder steigen werden, weil die ansässigen Firmen „innovativ genug seien, um sich schnell zu erholen – ähnlich wie nach Corona“. Gespannt sei er, wie die Stadt Stuttgart in den kommenden Jahren ein attraktiver Arbeitgeber sein wolle. „Die Rückschritte werden uns hart treffen.“