Normen, Paragrafen, Auflagen. Unter der überbordenden Last an Vorschriften ächzt die werktätige Nation. Niemand bezweifelt, dass wir in allen Lebensbereichen überreguliert sind. Doch wie wirkt sich die Gesetzes- und Normenflut konkret auf einzelne Branchen aus, zum Beispiel auf die Architektur? Wie beeinflussen die Zwänge der Überregulierung nicht nur Planung und Ausführung, sondern auch die entstehenden „Produkte“? Wird die gebaute Welt, in der wir leben, dadurch verbessert? Die Antwort lautet klar: Nein, im Gegenteil.
Architektur ist nicht gleichzusetzen mit „Bauen“. Architektur ist die Kunst, immer wieder neue Spuren im Zeitengerinnsel zu finden und in Gebäude umzusetzen, neue Materialien, Technologien, Räume, Formen auszuloten und, wie es der Linzer Architekt Peter Riepl ausdrückt, Antworten auf die Fragen zu finden: „Wie denken wir unsere Welt? Wie wollen wir als Gesellschaft weiterkommen?“ Das, sagt der Vorarlberger Architekt Johannes Kaufmann, werde jedoch heutzutage bedauerlicherweise kaum mehr verhandelt: „Was früher freigeistig war, ist so bürokratisch geworden, dass sich keiner mehr traut, irgendetwas Innovatives anzugehen.“ Warum? Die Architektur steckt mit den teilweise ins Absurde erhöhten Vorschriften in Folge auch in der Zwangsjacke der Juristerei, und die schnürt ihr den Atem bereits im frühesten Stadium ihrer Entstehung ab.
Beispiel Wettbewerbswesen: Marta Schreieck, Architektin mit Büro in Wien: „Wenn man sich auch nur irgendwie über eine Ausschreibung hinwegsetzt und Ideen einbringt, die darüber hinausgehen, wird der Bauherr sofort von anderen Teilnehmern geklagt.“ Oder sicherheitshalber gleich von der Jury aussortiert. Fazit: Nicht die besseren, innovativeren Konzepte machen das Rennen, sondern die braven auf der sicheren Seite. Peter Riepl: „Die Möglichkeiten, die Architektur hätte, können gar nicht mehr ausgeschöpft werden. Der Wunsch, sie weiterzuentwickeln, zu verbessern, zu optimieren, ist abhanden gekommen.“
Abgesehen davon finden kaum Wettbewerbe statt. In Vorarlberg, so Johannes Kaufmann, gab es im vergangenen Jahr gerade einmal einen einzigen. Und die Zugangsbeschränkungen gehen ins Groteske. „Die Bedingungen sind abenteuerlich. Wir können an vielen Wettbewerben gar nicht mehr teilnehmen, weil Referenzen der letzten Jahre vorgewiesen werden müssen, doch das kann man natürlich nicht, wenn man laufende Projekte über längere Zeit verfolgt“, sagt Marta Schreieck.
Wenn nicht einmal international anerkannte Architekten wie Henke & Schreieck die Auflagen erfüllen, ersticken diese in der Branche „Steckdosenzählen“ genannten Restriktionen vor allem die jungen, frischen Kräfte der Architektur. Aber genau die waren es vor zwei, drei Jahrzehnten unter anderem, die einen außerordentlich erfrischenden Wind in die Szene gebracht und die österreichische Architektur international einmal mehr bekannt gemacht haben.
Beispiel Normen: Landläufig wird die EU für die Überbürokratisierung verantwortlich gemacht, tatsächlich ist das heimische Auflagenkorsett großteils selbst gestrickt. Rund 8000 Normen gab es um die Jahrtausendwende, heute sind es weit über 50.000 Auflagen. „Hinter jeder Norm steckt die Wirtschaft“, sagt Marta Schreieck: „Da geht es um sehr viel Geld, und das gehört abgeschafft.“ Johannes Kaufmann: „Wenn die Innung der Elektriker eine Richtlinie zum Thema Blitzschutz herausbringt, dann, weil sie einen Haufen Drähte verkaufen will. Früher hat man bei einem Dach drei Drähte hinaufstehen lassen, das kennen wir ja alle, hat die an die Dachrinne angehängt, und die Sache war erledigt – und es ist nie etwas passiert.“
Peter Riepl: „Wir hatten bei einem Projekt einen Schweizer Statiker, der hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, was hierzulande alles notwendig ist.“ Zwischenpodeste bei Treppen, Trittschallschutz, wo niemals Trittschall auftauchen würde, Geländer auf nicht begehbaren Flachdächern, 50 unterschiedliche Vorschriften, wie breit Türen zu sein haben, berüchtigte ÖNORMEN, die alles vorschreiben, bis hin zur Anzahl der Dübel pro Quadratmeter Wärmedämmsystem. Johannes Kaufmann: „Klar stehen Lobbys dahinter. Aber wir alle haben uns eben zu einer Gesellschaft von Sicherheitsfanatikern entwickelt, alles muss hundertprozentig sicher sein, wir müssten stattdessen endlich wieder ein vernünftiges Niveau ansteuern.“ Denn, Peter Riepl: „Sonst ist das alles nicht mehr leistbar, vor allem nicht die architektonische Qualität. Die Projekte verlieren an Attraktivität, die Architektur verliert an Bedeutung.“
Viele Normen dienen der Sicherheit, Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit, keine Frage, doch bis zum Exzess ausgereizt treibt das System die Baukosten in ungesunde Höhen. Dazu kommen bürokratische Hürden wie ewig dauernde Genehmigungsverfahren, explodierende Materialkosten, hohe Zinsen samt neuer strenger Kreditvergaberichtlinien, regulatorische Unsicherheit dank fragwürdiger Maßnahmen wie Mietpreisbremse und dergleichen mehr. Das Resultat lässt sich vor allem im Wohnbau deutlich ablesen.
Seit 2022 befindet sich Österreich in einer Wohnbaukrise, der Neubau ist trotz steigender Bevölkerung und Nachfrage dramatisch eingebrochen, seit 2019 haben sich die Baugenehmigungen halbiert, die Wohnungsnot schnalzt die Mieten in die Höhe. Wie hingegen private Investoren in bestimmten Sektoren die Gesamtbaukosten drücken und hühnerstallartige Nicht-Architekturen in Bares ummünzen, zeigen beispielsweise die allerorten entstehenden Studentenwohnheime vor. Heime haben andere Vorgaben als Wohnbauten, das Resultat sind Kammern, erschlossen von dunklen Gängen, und Mieten, die bestenfalls bei 600 Euro für 18 Quadratmeter beginnen. „Das sind reine Gelddruckmaschinen“, konstatiert Schreieck.
Unter Architektur versteht man nicht nur die Kunst, lebenswerte Häuser zu bauen, es geht längst auch um Klimaschutz, Recycling, Nachhaltigkeit, Haustechnik und zig andere Themen, die unter einen Hut zu bringen sind. Die längste Zeit haben die heimischen Architekturschaffenden diese komplizierte und faszinierende Aufgabe ausgezeichnet bewerkstelligt. Johannes Kaufmann: „In Vorarlberg ist das Thema Architektur in den vergangenen Jahrzehnten wirklich zu einem Gesellschaftsthema geworden. Wir haben uns unsere Stellung erarbeitet. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das auf diesem Level halten können.“
Deshalb wurde im Ländle eine Gruppe gegründet, die sich im kommenden Jahr gemeinsam mit der Bauwirtschaft, Ausschreibern, Gutachtern, Juristen der überbordenden Normenflut widmen, sie hinterfragen wird. Peter Riepl: „In Vorarlberg gibt es diese Tradition der Praktiker. Das ist aber von Salzburg ostwärts ganz anders.“ Wer die kleinste Auflage nicht erfüllt, bekommt keine Baugenehmigung. Fazit: Das System erdrosselt sich selbst.