Einer breiteren Öffentlichkeit dürfte Gerald Knaus bekannt geworden sein als medial präsenter Impulsgeber zur europäischen Migrationspolitik und als Mitautor des – inzwischen gescheiterten – Migrationsabkommens zwischen der EU und der Türkei von 2016. Mit dem Etikett „Migrationsforscher“ fühlt er sich allerdings nicht allzu glücklich, wohl auch deshalb, weil das der Breite seines Themenspektrums nicht gerecht wird. Der gebürtige Österreicher Knaus studierte Philosophie, Politologie und Internationale Beziehungen und hat unter anderem einen Thinktank für Grundsatzfragen der europäischen Politik gegründet. Über seine Liebe zum friedlichen, geeinten Europa hat er jetzt zusammen mit seiner Tochter Francesca Knaus, Politologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag, ein Buch geschrieben.
„Das Recht als einzige Barriere zwischen uns und dem Chaos“
„Welches Europa brauchen wir?“ Die Titelfrage bleibt während der Lektüre der 441 Seiten nicht lange offen: Eigentlich ist das Europa, das wir haben, schon eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Das Autorenteam erzählt von Männern wie dem niederländischen Holocaust-Überlebenden Max Kohnstamm, der später unter anderem als Generalsekretär der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl das Zusammenwachsen des hasszerfurchten Kontinents vorantrieb, weil er erkannt hatte, worauf es ankam: auf „das Recht als einzige Barriere zwischen uns und dem Chaos“. Oder dem Belgier Paul-Henri Spaak, der nach dem zweiten deutschen Überfall auf sein Land erkannte, dass Neutralität für kleinere Staaten doch kein Überlebensrezept ist – und später die Römischen Verträge mitverfasste, aus denen die heutige Europäische Union erwuchs. Ein „politisches Wunder“, wie es im Buch immer wieder genannt wird, das es nun „gilt zu verteidigen“.
Gerald Knaus, Francesca Knaus: Welches Europa brauchen wir? Ein politisches Wunder und wie wir es vor seinen Feinden schützen. Piper-Verlag, München 2025. 448 Seiten, 26 Euro. (Foto: Piper)
Nur wie? Indem man zunächst dafür wirbt, vor allem bei der jungen Generation, der Francesca Knaus ein Defizit an Leidenschaft für das europäische Projekt attestiert, das auch an den einschlägigen Hochschulen nicht behoben werde: „Wer packende europäische Geschichten sucht, um etwas daran zu ändern, muss sich heute selbst auf die Suche machen“, schreibt sie. Genau das tun Vater und Tochter Knaus, und das Resultat ist eine faktendicht gewobene Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Löblich, dass die beiden auch die düsteren Kapitel dieser Geschichte nicht aussparen, die Kolonialverbrechen in Algerien oder Indonesien, das jahrzehntelange Blutvergießen in Nordirland. Und dass für sie Europa nicht an den heutigen EU-Außengrenzen endet. Die immer drängendere Frage aus dem Untertitel, wie wir dieses politische Wunder „vor seinen Feinden schützen“, wird allerdings nur in Ansätzen beantwortet; das Werk ist mehr Geschichts- als Thesenbuch. Wenngleich ein sehr kundig und inspirierend erzähltes.