Was für ein kräftezehrender Sonntag für die Ditzinger Feuerwehr: Am 27. Juli fegten Sturmböen über und prasselte Starkregen auf den Kreis Ludwigsburg. Niederschlagsmengen von 60 Liter pro Quadratmeter führten zu vielen überfluteten Kellern, berichtete der Abteilungskommandant und Sprecher Andreas Häcker tags drauf. Umgestürzte Bäume und herabfallende Äste blockierten Straßen. Zwischen 20.30 und 23 Uhr rückte die Feuerwehr laut Häcker zu 27 Einsatzstellen aus.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sie einen Einsatz an der Glems hinter sich, wie sie ihn selten erlebt. „Zum Glück“, sagt Andreas Häcker, als er sich nun erneut daran erinnert, wie das „Bächlein“ zum reißenden Fluss wurde – mit einer „ordentlichen Strömung“ und rutschiger Böschung. „Wenn jemand in der Glems liegt, ist das hochdramatisch.“
Notruf in Ditzingen: Was hat es mit dem verwaisten Schuh auf sich?
Es war am Nachmittag gegen 14.45 Uhr. Neben der Ditzinger Feuerwehr wurden zwei Notärzte, zwei Rettungswagen, die DLRG und die Polizei zum Schulzentrum in der Glemsaue gerufen. Eine Passantin hatte den Notruf gewählt, denn sie fürchtete, dass eines oder mehrere Kinder im Grundschulalter in die Glems gefallen sein könnten. Zuvor hatte sie gesehen, wie zwei Mädchen am Flussufer unter der Brücke nahe der katholischen Kirche herumgeklettert sind – und einen Schuh. Die Zeugin forderte die Kinder auf, sich vom Fluss fernzuhalten. Dann setzte sie ihren Weg fort.
Neben der Ditzinger Feuerwehr waren zwei Notärzte, zwei Rettungswagen, die Polizei und die DLRG am Schulzentrum in der Glemsaue. Foto: KS-Images.de/Andreas Rometsch
Doch offenbar gingen der Frau die Kinder nicht aus dem Kopf. Zumal sie sich wegen des verwaisten Schuhs sorgte, ein Kind könnte bereits schlimmstenfalls ertrunken sein und vermutete, die Freundinnen wollten es daraufhin suchen oder retten.
Der Einsatz nahm ein gutes Ende: Die Rettungskräfte fanden die Mädchen unter der Brücke beim Festplatz. Sie hatten wohl vor dem Starkregen Schutz gesucht. Was auch böse hätte enden können, wären sie tatsächlich in der Glems gelandet. Laut Häcker waren die Kinder in einer brenzligen Lage. Was es mit dem Schuh auf sich hatte? Die Trägerin, das dritte Kind, war längst heimgegangen und hatte ihn vergessen.
„Daraus haben wir Lehren gezogen“: Feuerwehr zieht Bilanz
Die Ditzinger Feuerwehr indes beschäftigte der Einsatz noch lang. Sie habe sich hinterher die – teils schlummernde – Taktik für Einsätze wie diese in Erinnerung gerufen, sagt Andreas Häcker. Denn eben weil es solche Einsätze selten gibt, „haben wir keine echte Routine“. Doch gerade für den Fall, dass Menschenleben gefährdet sind, gelte es, gut vorbereitet zu sein. „Der Austausch ist wichtig“, so Häcker, der zuletzt vor rund acht Jahren einen Notfalleinsatz an der Glems hatte. Den hätten viele jetzige Feuerwehrler aber nicht miterlebt. „Daraus haben wir Lehren gezogen.“ Beim monatlichen Treffen der Führungskräfte, bei dem die zurückliegenden Einsätze besprochen werden, galt dem Einsatz am 27. Juli daher besonderes Augenmerk. So steht am Unfallort selbst immer nur ein Fahrzeug der Feuerwehr. Weitere Fahrzeuge werden verteilt entlang der Glems positioniert – um für eine möglicherweise treibende Person bereitzustehen.
Das Foto, am 27. Juli 2025 in Ditzingen unter einer Brücke im Oberen Glemstal aufgenommen, lasse erahnen, wie unsicher das Ufer nach dem Austritt des Bachwassers ist – und mit welch hoher Strömungsgeschwindigkeit der „friedliche Bach“ sich nach dem Starkregen präsentierte, sagt der Feuerwehrmann Andreas Häcker. Foto: privat Unwetter fordert Feuerwehr: 20 bis 50 Einsätze an einem Tag
Zig Einsätze binnen eines Tages sind laut Häcker auch eine Rarität. Alle drei, vier Jahre gebe es zwischen 20 und 50 Einsätze an einem Tag – wegen Unwetters mit Hagel, Sturm oder Regen. Die „klassischen Unwettermonate“ seien Juni, Juli und August. Heftiger Regen wie vor einem halben Jahr zermürbt die Feuerwehrleute: Sie werden nass und sind deshalb schnell erschöpft. Sie schleppen viel schwere Ausrüstung und müssen die Einsätze wie im Akkord abarbeiten.
Gleichwohl, der 27. Juli kommt nicht ran an den 4. Juli 2010. Damals standen mehrere Kommunen im südlichen Kreis Ludwigsburg, darunter Gerlingen und Ditzingen, stellenweise meterhoch unter Wasser. Andreas Häcker spricht von 230 Einsätzen. Und erinnert sich an die Ungewissheit: War es das? Oder folgen weitere Einsätze? „Eine Grundanspannung war da“, sagt Häcker: Jeder Einsatz an sich sei problemlos zu stemmen gewesen. Aber die Feuerwehr müsse in solchen Situationen immer gerüstet sein für das, was vielleicht noch kommt. Das Unwetter 2010 sei im Ort prägend gewesen: In den Folgejahre sei die Angst groß gewesen, dass ein Unwetter wieder so schlimm wird. „Man bekommt einen Grundrespekt vor der Natur.“