- Ortwin Pelc und Gerhard Richter erzählen in ihrem Fotoband „Zeitreise durch Deutschland“ 45 Jahre Geschichte.
- Die prägnant formulierten Bildunterschriften sind nicht Beiwerk, sondern die Hauptspeise.
- Gerade zu den berühmten Bildern bieten die Autoren spannende Zusatzinformationen.
Es gibt ja das berühmte Goethe-Bonmot, laut dem er einen Brief mit den Worten beendete: „Verzeihen Sie, dass der Brief so lang geworden ist, aber für einen kurzen hatte ich leider keine Zeit.“ Nun: Ortwin Pelc und Gerhard Richter haben sich Zeit genommen.
Zwar ist ihr Buch „Zeitreise durch Deutschland“ in keiner Hinsicht dünn. Aber wer 45 Jahre deutsche Geschichte von 1945 bis 1990 anhand von 440 Bildern erzählen will, muss schon prägnant formulieren, denn die Bildunterschriften sind bei diesem Unterfangen nicht Beiwerk, sondern gewissermaßen die Hauptspeise.
Ein Fotobuch aus Hamburg durchstreift 45 Jahre deutsch-deutscher Geschichte
Dem lange im Museum für Hamburgische Geschichte tätigen Historiker Pelc, Jahrgang 1953, und dem acht Jahre älteren Politologen und Verleger Richter ist das Kunststück gelungen, eine Zeitreise zu kreieren, die keineswegs nur die Älteren anspricht. Aber auch wer sich in der Geschichte der beiden deutschen Staaten gut auskennt, wird nicht enttäuscht. Denn die Autoren bieten gerade zu den berühmten, ja, ikonischen, Bildern spannende Zusatzinformationen, so zum epochalen Foto aus dem Mai 1945, auf dem Rotarmisten die sowjetische Flagge auf dem Reichstagsgebäude hissen – das Bild ist zum einen nachgestellt (beim ersten Hissen war kein Fotograf dabei), zum anderen mehrfach retuschiert. Denn ein Soldat trug ganz unproletarisch zwei Armbanduhren, außerdem hing den Propagandisten die Flagge zu schlaff …
Der Band bietet eine Fülle historischer Bilder, vom Kriegsende bis zum Mauerfall und darüber hinaus
Von solchen, wirklich historischen, Bildern bietet der Band natürlich viele: Der DDR-Soldat Conrad Schumann, der in den Tagen des Mauerbaus über Stacheldraht in die Freiheit flieht; Willy Brandts Kniefall in Warschau; Helmut Kohl und François Mitterrand Hand in Hand vor den Gräbern Verduns.

Da ist er noch nicht mal volljährig: Deutschlands neuer Tennisstar Boris Becker bejubelt 1985 seinen ersten Wimbledonsieg.
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Der Band geht aber weit über Politik und Weltgeschichte hinaus. Pelc und Richter beleuchten eben auch Architektur, Sport, Kino, Theater, Mode, Musik und ganz Alltägliches in Ost und West. Da ist zum Beispiel der Schnappschuss von der Wahl der „Miss Strumpf“ in München 1952, der sinnbildlich für das damalige Schönheitsideal, aber auch die Konsumwünsche, steht. Da ist „Die Sünderin“ Hildegard Knef, deren sehr kurz entblößte Brust den Film 1951 zum Skandal machte und bürgerliche Moralvorstellungen zumindest kurzzeitig infrage stellte. In der DDR wurden Skandale nicht öffentlich diskutiert, Filme wie „Spur der Steine“ von 1966 mit Manfred Krug in der Hauptrolle verschwanden wegen vermeintlicher Regimekritik schnell im Archiv.
In der DDR wurden Skandale nicht öffentlich diskutiert, kritische Filme verschwanden schnell im Archiv
Etwas offener ging es musikalisch zu. 1965 gastierte Louis „Satchmo“ Armstrong als erster US-Star in Ost-Berlin, und 1983 durfte Udo Lindenberg (wegen oder trotz seines provokanten „Sonderzugs nach Pankow“) einen Kurzauftritt im Palast der Republik geben – vor ausgewähltem Partei-Publikum, während Tausende echte Fans vor der Tür warteten.
Den Autoren gelingt so ein wirklich lesens- und sehenswerter Streifzug durch 45 Jahre deutsch-deutsche Geschichte. Bei der Überfülle an Material und Themen war die Auswahl gewiss mehr als nur ein bisschen schwierig. Sie darf als gelungen betrachtet werden.

Das Cover des Bands „Zeitreise durch Deutschland“ Ortwin Pelc und Gerhard Richter.
© Ellert & Richter Verlag | Ellert & Richter Verlag
„Zeitreise durch Deutschland“ von Ortwin Pelc und Gerhard Richter, Ellert & Richter Verlag, 468 Seiten mit 440 Fotos, 35 Euro.