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Kuratorin Katharina Weiler (rechts) und Registrarin Isabelle Kollig rollen den Teppich „Alcaraz Sky“ des Designers Jan Kath aus. © Renate Hoyer
Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt verwahrt in seiner Textil-Sammlung auch zeitgenössische Arbeiten, beispielweise ein Teppich des Designers Jan Kath. Dieser ist im Februar in einer Ausstellung zu sehen.
Katharina Weiler, Kuratorin am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt, und Registrarin Isabelle Kollig entfernen mit behandschuhten Händen das schützende Polyacrylvlies um einen Teppich, der aufgerollt auf einer Papprolle an einem Ständer hängt. Zum Vorschein kommt einer der textilen Schätze, den das Museum in seinem Depot verwahrt. Es ist „Alcaraz Sky“, einer von zwei wertvollen Teppichen aus dem Jahr 2011, die Jan Kath, einer der bedeutendsten Teppichdesigner der Welt, dem Haus am Schaumainkai 2012 schenkte. Das Werk soll ab 7. Februar in der Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand“ zu sehen sein, bei der Teppiche von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt gezeigt werden.
330 Zentimeter lang und 220 Zentimeter breit ist „Alcaraz Sky“, ein Unikat, das Teppichknüpferinnen und -knüpfer in Nepal aus handgesponnener tibetischer Hochlandwolle und chinesischer Seide nach dem Entwurf von Jan Kath knüpften. Jedes Pixel seines Designs ist ein tibetischer Knoten. Die Umsetzung verlangte den Frauen und Männern höchste Konzentration ab. „Eine Knüpferin oder ein Knüpfer stellt pro Monat bis zu einem Quadratmeter Teppich her. Gewöhnlich arbeiten drei bis vier Personen über mehrere Monate hinweg an einem einzigen Werk“, sagt Katharina Weiler.
Mit dem Titel verweist Jan Kath, 1972 in Bochum geboren, zum einen auf Alcaraz, einen Ort im Süden Spaniens, zum anderen auf einen besonderen gestalterischen Effekt. Der Designer, der von seinem Vater ein Teppichunternehmen übernommen hat, das heute etwa 2500 Knüpfer:innen in Nepal, Indien, Marokko und Thailand beschäftigt, wählte für seinen Teppich ein klassisches Muster aus hellen, gleich ausgerichteten stilisierten Palmetten- und Rankenmotiven. Ein Teil der Ornamentik verschwindet jedoch scheinbar wie hinter einem Wolkenschleier – daher der Zusatz „Sky“ im Titel. Er verweist auf die gestalterische Dekonstruktion des klassischen Musters.
Die Kleidermotte ist der Feind
Jan Kaths Teppich war zuletzt im März 2022 in der Ausstellung „Kunsthandwerk ist Kaktus“ zu sehen, in der das Museum Angewandte Kunst über 700 Werke aus seinen Sammlungen von 1945 bis zur Gegenwart präsentierte. „Alcaraz Sky“ ist eines der jüngsten Objekte in dessen Teppich- und Textilsammlung.
„Eines der ältesten ist der ,Abschnitt eines Rücklakens mit sogenannten Wildleuten‘, ein aus Basel stammendes Fragment einer Tapisserie aus der Zeit um 1460“, sagt Katharina Weiler. Der jüdische Frankfurter Kaufmann und Mäzen Daniel Guido Oppenheim schenkte es 1878 dem damaligen Kunstgewerbemuseum.
Im Depot des Museums Angewandte Kunst werden alle Teppiche individuell mit der Schauseite nach außen auf Papprollen aufgerollt, an Ständern hängend aufbewahrt. Jede Rolle ist mit einer Stoff-Husse umhüllt, die die Teppiche vor Licht und Staub schützen soll.
Der Feind einer Teppich- und Textilsammlung ist vor allem jedoch die Kleidermotte, die sich durch Textilien frisst. „Die Teppiche, die wir als Leihgaben für die Ausstellung im Februar bekommen, werden deshalb alle erst einmal im Hessenpark routinemäßig einer Stickstoffbehandlung unterzogen, damit wir sicher ausschließen können, dass keine Insekten in unser Museum gelangen“, sagt die Kuratorin.
Die Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand“ beschäftigt sich, wie der Titel bereits sagt, mit den unterschiedlichen Facetten des Widerstands. Jan Kath möchte etwa mit seinen großformatigen Teppichen auf den gesellschaftlichen Wandel eingehen, und der Designer will diesen gleichzeitig auch mitgestalten. In „Alcaraz Sky“ widersetzt er sich den Strukturen klassischer Teppichkonventionen wie denen für Orientteppiche.
„Es werden in der Ausstellung auch viele Bildteppiche zu sehen sein, die Momente des politischen Widerstands zeigen, etwa gegen als illegitim empfundene Machtausübungen, Diskriminierung, Rassismus, oder Umweltzerstörung“, sagt Katharina Weiler.
Unter den Exponaten in der Ausstellung werden auch jüngste Einzelstücke von Jan Kath sein, mit denen er seinen Ansatz zwischen Design und Kunstgewerbe um Strategien der Bildenden Kunst erweitert. Und die Schau soll auch für neuartige Werke sensibilisieren, die noch nicht den Eingang in Museumssammlungen gefunden haben.
Die Serie
Die Museen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet zeigen in ihren Ausstellungen nur einen Teil von dem, was sie besitzen. Wir stellen in unserer Serie „Schätze im Depot“ Objekte vor, die noch in Lagern schlummern, bald aber in Ausstellungen zu sehen sind. Heute: Ein Teppich des Designers Jan Kath.
Die Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand“ ist von Samstag, 7. Februar, bis zum 24. Mai im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, in Frankfurt zu sehen. Sie zeigt Teppiche von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, darunter viele Bildteppiche mit Szenen des politischen Widerstands.
Ein Katalog zur Ausstellung erscheint im März. Weitere Infos unter www.museum angewandtekunst.de