Mit Büroklammern lässt sich eine Menge sagen. Und herausfinden.  Ob jemand sich für Politik interessiert zum Beispiel. Für Klimawandel. Oder für das, was in der eigenen Stadt passiert. Die Farben der Büroklammern im Frankfurter Museum für Kommunikation sind also selbst Nachrichtenträger. Die Ketten aus farbigen Klammern, deren Länge angibt, wie viele Personen aus einer Alterskohorte sich für welche Sorte Nachrichten interessieren, wächst mit jedem Tag, den die Ausstellung „Nachrichten – News“ läuft. „Für welche Nachrichten interessierst du dich?“, fragt die erste Mitmachstation. Zuvor ist man erst einmal in eine Art Schleudergang der Bilder geraten, von der Mondlandung über Willy Brandts Kniefall bis zum Massaker von Utøya. Niemand, der sich nicht an das eine oder andere erinnerte.

Es ist bislang die hellblaue Klammerkette der Altersgruppe „55 plus“, die in den Kategorien Politik, Lokalpolitik, Wirtschaft und Kultur am längsten ist. Die Jüngsten, bis 24, dominieren Sport, Promis und Lifestyle. Aber wer einmal durch den ganzen Parcours der Ausstellung „Nachrichten“ gegangen ist, wird anders auf die Welt der Nachrichten blicken. Anders auf das eigene Medienverhalten auch. Und vielleicht würden dann, mit etwas Abstand, die Büroklammern bei einem zweiten Rundgang anders verteilt. Auch wenn sich am Ende die Kärtchen „Ich nutze Nachrichten, weil . . .“ und „Ich vermeide Nachrichten, weil . . .“ auf erschreckende Weise die Waage halten und die Begründungen der Nachrichtenvermeider einförmig lauten: „weil sie mir Angst machen“ und „Fake News“.

„Eine gut funktionierende Beziehung sieht anders aus“, liest man ganz am Anfang des Rundgangs. In der Tat: Das Interesse an Nachrichten geht den Umfragewerten zufolge, die gleich daneben eine Grafik abbildet, extrem zurück. Vor allem in den Zeiten der Pandemie ist es gesunken, mit einem winzigen Aufschwung 2024. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in Nachrichten, wobei daran besonders interessant ist, dass es in den Pandemiejahren kurz wieder gestiegen war. Doch wenn das noch nicht ernüchternd genug ist, so ist der unterste Graph wohl der ernüchterndste. Erst seit 2017 sind Werte für das Phänomen der Nachrichtenvermeidung in den Untersuchungen des Reuters Institute angegeben. Deren Graph wandert unerbittlich nach oben.

Nachrichtenvermeidung als neues Phänomen

Wobei die Nachrichtenvermeidung, schaut man sich die Konsumzahlen der sozialen Medien mit bewegten Bildern an, sich nicht auf jede Form von Information bezieht. Sondern in einer Welt der Überindividualisierung hauptsächlich darauf, Informationen aus Politik und Wirtschaft zu meiden, die tatsächlich oder vermeintlich negativ sind. Mit fatalen Folgen für das demokratisch organisierte Staatswesen und globale Handlungsfelder.

Wie konnte es, gerade in einer Welt mit so großen Herausforderungen, dazu kommen? Und was kann man tun, damit Menschen sich so informieren, dass sie als mündige Bürger auf die Welt blicken und die Demokratie gestalten können? Auf das alles eine Antwort zu finden, wäre eine zu hohe Erwartung. Aber die so schlicht „Nachrichten“ betitelte Ausstellung ist nicht nur ein großartiger historischer Rundgang durch die Welt der Nachrichten, sondern auch der Versuch, im Kontext einer allen zugänglichen Bildungseinrichtung Aufklärungsarbeit zu leisten.

„Die Haltung der Museumsstiftung wird immer wichtiger. Wir verstehen Medienbildung als Demokratiebildung, und das zeigt sich auch in unserer inhaltlichen Arbeit“, sagt Annabelle Hornung. Seit einem Jahr ist sie nun Direktorin des Museums für Kommunikation in Frankfurt, wo sie einst als Volontärin, zuvor als Praktikantin, ihre Laufbahn begonnen hatte. Und obwohl die Aufgaben der Direktion groß sind, will sie auch weiter kuratorisch tätig sein: „Ich hole mir aus der inhaltlichen Arbeit meine Kraft.“

Medienbildung als Demokratiebildung: Annabelle Hornung, Direktorin des Frankfurter Museums für Kommunikation, in der Ausstellung „Nachrichten“Medienbildung als Demokratiebildung: Annabelle Hornung, Direktorin des Frankfurter Museums für Kommunikation, in der Ausstellung „Nachrichten“dpa

Die jetzige große Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Berliner Kommunikationsmuseum, das wie Nürnberg, wo Hornung zuvor tätig gewesen ist, zur Museumsstiftung Post und Telekommunikation gehört, die stets die in jeweils einem Haus erarbeiteten Ausstellungen an die anderen Standorte gibt. Zur Ausstellung hatten die Doppeljubiläen der Nachrichtenagentur dpa und des Grundgesetzes geführt, die 2025 beide 75 Jahre alt geworden sind. Das Berliner Museum sei zudem in einem Gebäude ansässig, das wie das Wolff’sche Telegraphenbüro im historischen „Zeitungsviertel“ liege, so Hornung.

Was es mit diesem Telegraphenbüro auf sich hat, der ersten deutschen Nachrichtenagentur, gegründet 1849, erläutert der historische Teil der Ausstellung, der von frühneuzeitlichen Flugblättern zur Erfindung des Massenmediums Tageszeitung Mitte des 19. Jahrhunderts führt. Ergänzt ist sie für Frankfurt um ein interessantes Kapitel lokaler Zeitungsgeschichte, von 1848 über die „Frankfurter Zeitung“ bis zur heutigen Frankfurter Presselandschaft.

Nachrichten seien, bis zum Ende der Telex-Ära, stets von der Post – wegen deren Monopol zur Übertragung von Nachrichten, etwa mittels Telegrammen – abhängig gewesen, so Hornung. Auch das ein Anstoß für das Thema der Ausstellung. „Medienereignisse haben immer stark mit dem technischen Fortschritt zu tun.“ Vom Buchdruck mit beweglichen Lettern über Morseapparat, Telex und Faxgerät bis zum Smartphone führt folglich der Weg der Technik durch die Ausstellung.

Neue Formen der Nachrichten

Und so auch zu einer möglichen Zukunft der Nachrichten, der sich unter anderem die „Newzees“, eine Gruppe junger Leute, die Medienbildung betreiben, gewidmet haben: Sie stellen aktuelle digitale Nachrichtenformate vor, die vor allem jene jüngeren Leute ansprechen können und sollen, die klassische Nachrichten meiden. In einem „Media Match“ kann man selbst testen, welches Format zu einem passen könnte. Dass die vor allem satirischen und unterhaltsamen Formate allerdings kaum geeignet sind, als alleinige Informationsquelle zu dienen, müssen sich die aufgeklärten Besucher selbst denken.

Handreichungen dafür gibt es zuhauf, für jedes Alter. Und vieles, das man direkt ausprobieren kann. Wie geht Recherche, was sind solide Quellen, wie setzen sich Informationen zusammen? Was ist Information, was Meinung und was schlichtweg Fake? Wer macht was aus einem Ereignis? Die spielerischen Mitmachstationen liefern bisweilen verblüffende Ergebnisse. „Ein Markenzeichen des Museums für Kommunikation ist, dass immer etwas erfragt, beurteilt, mit in den Alltag zurückgegeben wird. Diesmal zum Beispiel die Frage: Wie nutzen wir Nachrichten? Was suchst du aktiv, was nicht – und warum?“, so Hornung.  Das rege die Selbstreflexion an. Anlass dazu gibt es eine ganze Menge in der Ausstellung, stets ausgehend von der dichten fachlichen Information.

So wurden Nachrichten schneller: Morseapparat der preußischen Staatstelegrafen in der Ausstellung „Nachrichten – News“So wurden Nachrichten schneller: Morseapparat der preußischen Staatstelegrafen in der Ausstellung „Nachrichten – News“dpa

Auch mit Beiträgen aus dem Archiv der dpa entsteht ein Bild des modernen Nachrichtenwesens, das auf kluge Weise auch einschließt, wo manipulative Politik, etwa im Nationalsozialismus, oder wo Kolonialpolitik mit ihren Nachwirkungen bis heute das globale Geschäft mit den Informationen prägen. Die interaktiven Stationen hinterlassen etwas für die nächsten – von den Büroklammern bis zu kleinen Botschaften. So kämen die Besucher „imaginär miteinander ins Gespräch“, so Hornung.

Auch das, die Kommunikation über die Themen Kommunikation und Medien, sei ein Markenkern des Museums. Nun öffnet sich ein Raum des Dialogs über Nachrichten und Nachrichtenmüdigkeit, der auch von dem Umstand profitiert, dass Museen einen hohen Vertrauenswert genießen, was Umfragen belegen. „Man darf sich darauf aber nicht ausruhen, sondern muss abliefern, um das Vertrauen der Menschen zu erhalten. Mit einem dichten Programm, in Bildung und Vermittlung“, so Hornung. Schwierig werde es, wenn Angriffe erfolgten oder Menschen ihre Meinungsbildung abgeschlossen hätten: „Wichtig ist es, im Dialog zu bleiben.“

Nachrichten, Ausstellung im Museum für Kommunikation Frankfurt, Schaumainkai 53, bis 6. September, zahlreiche Begleitprogramme und Führungen.