Meinung
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Bern lebt von den vertikalen Momenten
Treppe hinauf, Treppe hinab: Wer die Stadt Bern verstehen will, muss Treppen und Aufzüge suchen und Umwege akzeptieren.
Kolumne von
Bettina Gubler und Sonja Huber
Publiziert heute um 16:34 Uhr
Neuer Akteur: Der Treppenturm in Holz an der Monbijoubrücke, geplant von den Architekten Roesti & Pereira
Foto: PD
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BotTalk In Kürze:
- Die Bundesstadt Bern ist eine Mehrebenenstadt zwischen Sandstein, Grünhängen und Aare.
- Vertikale Verbindungen wie Treppen, Lifte und Hangwege schaffen wichtige sozialräumliche Bezüge.
- Der neue temporäre Treppenturm bei der Monbijoubrücke macht Höhenunterschiede erlebbar.
Bern ist keine Stadt, die man einfach durchquert. Man steigt in sie ein, man überwindet Höhenmeter. Die obere Altstadt liegt ruhig und repräsentativ auf dem ansteigenden Hochplateau.
Charakteristische Bauten wie das Bundeshaus oder das Berner Münster finden sich an präzis gewählten Orten, unverkennbare Lauben mit vielfältigen Fassaden in Sandstein prägen das architektonische Erscheinungsbild.
Gassen in Längs- sowie Querrichtung erzeugen Ordnung und Übersicht. Auf der unteren Ebene entfaltet sich ein anderes Bern – das der grünen Aare, Uferwege, Schrebergärten, Sport- und Badeplätze.
Der liebevoll als «Senkeltram» bezeichnete Mattelift ist eine schwellenlose Verbindung hinunter in das gleichnamige Quartier.
Foto: Adrian Moser
Es ist nicht nur das Bern der naturnahen Freiräume, sondern auch das der ehemaligen Industrie- und Handwerksquartiere wie in der Matte oder beim ehemaligen Gaswerk.
Zwischen diesen Stadträumen liegen neben Höhenunterschieden auch andere Atmosphären, Geschwindigkeiten und Nutzungen. Die Verbindung zwischen oben und unten ist daher keine rein technische Angelegenheit, sondern auch eine sozialräumliche und städtebauliche.
Imposante Betonstrukturen in Bern
Bern hat im Laufe der Zeit für diese Verbindungen in der Topografie des Aarebogens unterschiedliche Antworten entwickelt. Die historischen Brücken spannen sich als imposante Betonstrukturen oder skulpturale Stahlkonstruktionen über die Aare und schaffen horizontale Verbindungen.
Die Marzilibahn ist eine bequeme Variante im Übergang der Bundesterrasse zum Flussraum des Marziliquartiers.
Foto: 20min/Matthias Spicher
Vertikal hingegen wird die Stadt durch ein filigranes System von Treppen, Liften und Hangwegen verbunden: der liebevoll als «Senkeltram» bezeichnete Mattelift als schwellenlose Verbindung in das gleichnamige Quartier, das Marzilibähnli als bequeme Variante im Übergang der Bundesterrasse zum Flussraum des Marziliquartiers, der effiziente Glaslift bei der Monbijoubrücke oder die dem Hang folgenden Frick-, Matte- oder Nydeggtreppe.
Gerade die Holztreppen sind zwar schöne Bauwerke, die immer wieder Ausblicke auf liebevoll angelegte Gartenanlagen bieten, rufen je nach Tageszeit bei deren Nutzung aber auch mulmige Gefühle hervor.
Die Nutzung der Holztreppen wie hier der Fricktreppe ruft je nach Tageszeit auch mulmige Gefühle hervor.
Foto: Adrian Moser
Nun steht bei der Monbijoubrücke ein neuer Akteur im vertikalen Gefüge der Stadt: ein 22 Meter hoher, temporärer Treppenturm. Die Holzkonstruktion als pragmatische Intervention zum Erreichen des neuen Schulraumprovisoriums auf dem Gaswerkareal von den Architekten Roesti & Pereira geplant, verändert den Ort spürbar.
Morgens strömen Kinder zum Turm, befestigen ihre Trottinette und hüpfen die Treppen zur Schule hinunter. Die neue direkte Fussverbindung macht den Höhenunterschied sicht- und erfahrbar. Architektonisch gibt sich der Turm zurückhaltend – er wirkt funktional und fast roh, halt eben provisorisch. Die präzise Holzkonstruktion besitzt aber auch ausreichend Wertigkeit, sodass er den Nutzenden ein sicheres Gefühl vermittelt.
Möglicherweise stösst der Treppenturm Gedanken zu zukünftigen vertikalen Verbindungen an, die selbstbewusster als eigenständige Bauwerke dastehen.
Foto; PD
Er zeigt das Potenzial von frei stehenden und einsehbaren Verbindungen, die zwar Wind und Wetter ausgesetzt, gleichzeitig aber auch weniger düster sind.
Möglicherweise stösst der Treppenturm Gedanken zu zukünftigen vertikalen Verbindungen an, die selbstbewusster als eigenständige Bauwerke dastehen und die Stadt ergänzen dürfen.
Bern und der Wechsel von oben und unten
In unterschiedlicher Form müssten sie sich an jeder Stelle in der passenden architektonischen Sprache einfügen. Bei der noch deutlich zur Altstadt gehörenden Nydeggbrücke allenfalls tatsächlich wie schon vor mehr als 180 Jahren angedacht im prätentiösen Brückenpfeiler, bei einer charakterstarken Konstruktion einer Stahlbrücke vielleicht eher als filigran ausgebildetes Stahltürmchen.
Bern hat sich auch im Schnitt zur Aare hinunter entwickelt: Untere Altstadt mit der Nydeggbrücke.
Foto: Valérie Chételat
Bern lebt von diesen vertikalen Momenten. Sie zeigen, dass die Stadt sich im Schnitt zur Aare hinunter entwickelt.
Unter Umständen liegt sogar ein wichtiger Teil der zukünftigen Stadtentwicklung in der sorgfältigen Verbindung der unterschiedlichen Ebenen, die auch die hindernisfreie Erschliessung des Aareufers optimieren. Denn gerade im Wechsel zwischen oben und unten entfaltet Bern jene räumliche Tiefe und Vielschichtigkeit, die sie unverwechselbar macht.
Sonja Huber und Bettina Gubler haben an der ETH Lausanne Architektur studiert und arbeiten als Architektinnen in Bern. Sie sind Mitglieder des «Baustelle»-Kolumnistenteams.
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Neuer Akteur: Der Treppenturm in Holz an der Monbijoubrücke, geplant von den Architekten Roesti & Pereira
Foto: PD
Der liebevoll als «Senkeltram» bezeichnete Mattelift ist eine schwellenlose Verbindung hinunter in das gleichnamige Quartier.
Foto: Adrian Moser
Die Marzilibahn ist eine bequeme Variante im Übergang der Bundesterrasse zum Flussraum des Marziliquartiers.
Foto: 20min/Matthias Spicher
Die Nutzung der Holztreppen wie hier der Fricktreppe ruft je nach Tageszeit auch mulmige Gefühle hervor.
Foto: Adrian Moser
Möglicherweise stösst der Treppenturm Gedanken zu zukünftigen vertikalen Verbindungen an, die selbstbewusster als eigenständige Bauwerke dastehen.
Foto; PD
Bern hat sich auch im Schnitt zur Aare hinunter entwickelt: Untere Altstadt mit der Nydeggbrücke.
Foto: Valérie Chételat