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Noch ist kein Ende des Ukraine-Kriegs in Sicht. Und trotz drohendem Kollaps der Wirtschaft und Unmut in der Bevölkerung wird Putin keine Schwäche zeigen.

Moskau – Die Neujahrsansprache von Kremlchef Wladimir Putin ist jedes Jahr auch ein Zeichen seiner Macht. Denn am 31. Dezember 1999 hatte sein Vorgänger Boris Jelzin seinen Rücktritt und die Nominierung von Putin als Übergangspräsident verkündet. Damit war der Silvester zugleich der 26. Jahrestag von Putins Regierungsbeginn. Damit rückt der Kremlchef immer näher an die Überholspur von Josef Stalin, dem sowjetischen Diktator, der als Russlands am längsten amtierender Herrscher seit der Zarenzeit gilt, so die Sunday Times.

Wladimir Putin hofft auf erfolgreiches Jahr – Experten sind weniger optimistischWladimir Putin hofft auf erfolgreiches Jahr – Experten sind weniger optimistisch © Zuma Press Wire/Anadolu Agency/IMAGO/Montage

In seiner Ansprache zum Jahreswechsel ist Putin von einem „Sieg“ Russlands im Ukraine-Krieg ausgegangen. In seiner traditionellen Fernsehansprache wandte sich Putin an die russischen Soldaten, die an der sogenannten Spezialoperation seit Februar 2022 in der Ukraine beteiligt sind. „Wir glauben an Sie und an unseren Sieg“, sagte Putin. Doch hinter dieser zur Schau gestellten Zuversicht verbergen sich strukturelle Probleme, die Putins Position erheblich schwächen könnten.

Wegen Ukraine-Krieg: Russland steht vor wirtschaftlichem Kollaps

Denn die russische Wirtschaft zeigt dramatische Schwächezeichen. Die Denkfabrik der Free Russia Foundation analysiert, dass die Putin-Regierung ihre makroökonomischen Prognosen für 2025 und 2026 drastisch nach unten korrigieren musste und zugibt, dass die für Januar 2026 geplante Mehrwertsteuererhöhung die Inflation weiter verschlimmern wird.

Besonders dramatisch: Die reale Inflation liegt für viele Haushalte bei über 20 Prozent, während die offizielle Rate bei nur neun Prozent angegeben wird. Die Zentralbank musste ihr Inflationsziel von vier Prozent auf Mitte 2026 verschieben, da die Kriegsausgaben des Kremls die Geldpolitik dominieren. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, niedrige Inflation und einen stabilen Rubel aufrechtzuerhalten.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite RusslandsRusslands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger StaatenFotostrecke ansehenAuch nach möglichen Kriegsende: Militärausgaben werden russischen Staatshaushalt auffressen

Allein die direkten Bundesausgaben für neue Rekruten werden auf 1,6 bis 2,4 Billionen Rubel geschätzt – ohne die zusätzlichen Kosten für verwundete Soldaten und Entschädigungen für Familien der Gefallenen, berichtet die Denkfabrik. Obwohl der Bundeshaushalt bescheidene Kürzungen der Verteidigungsausgaben für 2026–2027 vorsieht, werden die Militärausgaben auch nach einem möglichen Kriegsende hoch bleiben, da die Wiederauffüllung der erschöpften Arsenale teuer wird.

Die größten Verlierer dieser überhitzten Wirtschaft sind ironischerweise Putins Kernunterstützer: Beschäftigte im öffentlichen Dienst, Lehrer, Ärzte, Polizisten und Rentner. Ihre Löhne und Leistungen sind an die offiziellen Inflationsraten gekoppelt, während sie real deutlich mehr für ihren Lebensunterhalt zahlen müssen.

Überblick: Putins Macht in Zahlen und Fakten

27 Jahre (1999-2026) Fünf große Konflikte in Syrien, Tschetschenien, Georgien, Krim, Syrien und Ukraine Tschetschenien (Zehn Jahre) Ukraine-Krieg (Seit 2022) Unter anderem China, Nordkorea, Belarus, Iran OVKS mit Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und SCO Shanghai-Kooperation mit China

Die wirtschaftliche Unsicherheit hat die Angst vor einer Rückkehr zu den sozialen Unruhen geschürt, die Russland in den 1990er-Jahren heimsuchten. In einer landesweiten Umfrage wurde „Angst“ zum Wort des Jahres 2025 gewählt. Der Kremlbeamte Sergei Nowikow erklärte, dass etwa die Hälfte aller heimgekehrten russischen Soldaten, darunter auch Schwerverbrecher, keine legale Anstellung gefunden hätten, so die Sunday Times.

Keine Angst vor Unmut der Bevölkerung: Schwäche zeigen ist Putins größte Furcht

Alexandra Prokopenko, ehemalige Beraterin der russischen Zentralbank, analysiert: „Putin macht sich nicht genug Sorgen um die Proteste – er fürchtet vielmehr, schwach zu wirken. Die soziale Unzufriedenheit ist real, aber sie ist zersplittert und ziellos“. Putin habe gezeigt, dass er bereit sei, wirtschaftliche Stagnation und sinkende Lebensstandards auf unbestimmte Zeit hinzunehmen.

Die Moskauer Politologin Tatiana Stanovaya beschreibt Putin als „Gefangenen seiner eigenen Wahnvorstellungen“. Er besitze zwar „einen starken rationalen Kern“, habe aber auch „einen eindeutig irrationalen Kern, der sich zeigt, wenn er etwas will, das er niemals erreichen wird“. James Rodgers, Autor des demnächst erscheinenden Buchs „The Return of Russia“, glaubt, dass Putin sich sicher ist, dass das Weiße Haus unter Donald Trump seine Denkweise übernommen hat: „Putin rechnet damit, dass dies auch im kommenden Jahr so bleibt. Er glaubt, die Dinge laufen nach Plan.“

Putin macht sich nicht genug Sorgen um die Proteste – er fürchtet vielmehr, schwach zu wirken. Die soziale Unzufriedenheit ist real, aber sie ist zersplittert und ziellos.

Sicherheitsexperten warnen vor 2026: Das Jahr der hybriden Eskalation

Sicherheitsexperten warnen vor 2026 als dem „Jahr der hybriden Eskalation“. Das Royal United Services Institute (RUSI) analysiert, dass Putin angesichts einer wirtschaftlichen Spirale und erschöpfter konventioneller Streitkräfte in ein Fenster maximaler Gefahr eintritt. Die westliche Strategie – die Ukraine zu bewaffnen, Sanktionen zu verhängen und kritische Infrastruktur zu härten – zeigt Wirkung und bricht Russlands militärischen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhalt.

Doch genau diese Schwäche macht Putin unberechenbar. Experten bereiten sich nicht auf ein erstarktes, sondern auf ein verzweifeltes Russland vor. Die Aussichten auf erfolgreiche Friedensverhandlungen sind düster. Laut der Sunday Times hat Putins irrationales Verhalten bereits dazu geführt, dass der Kreml ein von den USA unterstütztes und für Moskau vorteilhaftes Friedensabkommen abgelehnt hat.

Putin will totale Kontrolle: Trump hat Ukraine-Friedensverhandlungen falsch eingeschätzt

Der ehemalige russische Premierminister Michail Kasjanow, der heute im Exil lebt, erklärte gegenüber der Sunday Times: „Putin braucht kein Territorium. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Unabhängigkeit der Ukraine zu zerstören, und er kann nicht davon abrücken.“ Kasjanow kritisierte zudem, dass die Friedensbemühungen der Trump-Regierung durch ihr Missverständnis des Wesens des Krieges beeinträchtigt worden seien. Die USA hätten den Konflikt lediglich als „Konflikt zwischen zwei regionalen Führern, die versöhnt werden müssen“ betrachtet, anstatt als umfassenden Kreuzzug Putins, um der Ukraine seinen Willen aufzuzwingen.

Die Moskauer Politologin Tatiana Stanovaya, eine Putin-Expertin, warnte, dass Putin sich selbst dann nicht damit zufriedengeben würde, „irgendeinen Teil der Ukraine als unabhängig, stark und kampfbereit zu belassen“, wenn die Ukraine Gebiete an Moskau abtreten würde. „Putin will einen Friedensvertrag nach seinen Vorstellungen“, sagte sie. „Sollte das aber nicht klappen, ist er bereit, weiterzukämpfen“. (Quellen: Sunday Times, Free Russia Foundation Rusi, dpa) (bg)