An diesem Sonntag ist es in Aachen windig, regnerisch und vor allem klirrend kalt. Auch im Aachener Dom ist es nicht viel wärmer. Ena (11), Jonas (12), Lily (11) und Marie (12) sind trotzdem gut gelaunt, als sie sich auf ihre zweistündige „Schicht“ in dem Gotteshaus vorbereiten. Geübt binden sie sich ihre gelben Halstücher um, und schon kann es losgehen. Eine große Gruppe Kinder und ihre Eltern erwartet sie bereits im Domfoyer. Denn die vier sind Kinderdomguides, und an diesem Tag leiten sie mehrere Führungen speziell für Kinder.

Diese Führungen gibt es bereits seit rund 20 Jahren. Doch sei das Angebot über die Jahre immer wieder eingeschlafen, zuletzt aufgrund von Corona, wie Roswitha Caspar-Bours schildert. „Nach der Pandemie hatte ich in meinem Ruhestand dann die Idee, neue Kinder auszubilden“, erklärt die ehemalige Lehrerin der Domsingschule. Gesagt, getan: Nach einer rund einjährigen Ausbildung, bei der die Jungen und Mädchen nicht nur Wissenswertes über das Aachener Weltkulturerbe gepaukt, sondern auch das freie Sprechen vor Publikum geübt haben, sind inzwischen wieder sieben Kinderdomführerinnen und -führer – alles ehemalige Domsingschüler – im Einsatz.

Los geht‘s am Karlsschrein: Geübt präsentieren die beiden Mädchen ihren Zuhörerinnen und Zuhörern allerlei Wissenswertes zum Aachener Dom und seinen Besonderheiten.  Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Darunter auch Lily und Marie, die ihren ersten Rundgang in der Chorhalle beginnen. „Wir fangen drinnen an, draußen ist es einfach zu kalt“, sagt Marie, bevor sie ihr Publikum in einem Halbkreis um den Karlsschrein versammelt und begrüßt. Fragen seien immer willkommen, bestätigt die 12-Jährige selbstbewusst: „Wir wissen fast alles über den Dom.“ Rund ein Dutzend Kinder und Eltern sind bei dieser ersten Führung des Tages dabei. „Wir waren noch nie mit den Kindern im Dom und die Kinderdomführung klang interessant“, erzählt die Aachenerin Verena Maronde, die mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern an der Führung teilnimmt. „Vielleicht hören die Kinder anderen Kindern eher zu.“

Tatsächlich ist das junge Publikum erstaunlich aufmerksam, als Lily schildert, warum der Dom rund 600 Jahre nach seiner Einweihung um die Chorhalle erweitert wurde: „Damals kamen wegen der Pest viele Pilger nach Aachen. Das ist eine schlimme Krankheit und die Leute kamen in den Dom, um für ihre Gesundheit zu beten.“ Marie erklärt daraufhin, was es mit dem Karlsschrein auf sich hat und geht dabei auf seine Geschichte, seine Gestaltung und insbesondere auf seinen Inhalt ein. Auch zum Marienschrein haben die beiden Mädchen viele Daten und Fakten parat: Nur bei der Aufzählung der enthaltenen Reliquien muss Lily einen raschen Blick auf ihre Karteikarten werfen.

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Interaktiv wird es kurz darauf im Oktogon. Die Mädchen haben einen Fuß aus Fotokarton mitgebracht, den jedes Kind mal mit dem eigenen vergleichen darf. „Das ist ein karolingischer Fuß“, sagt Lily und erklärt, dass diese Längeneinheit beim Bau des Doms maßgeblich war. „Damals gab es ja noch kein Metermaß.“ Über die Mosaike und den Barbarossaleuchter berichten die Mädchen ebenfalls allerhand Interessantes, sodass sogar einige Dombesucher spontan ihren Schilderungen lauschen.

Dann geht es doch einmal kurz raus in die Kälte, schließlich gehört zu jeder Domführung die Dombausage – und dabei muss natürlich nach dem Daumen des Teufels gefühlt werden. „Keine Sorge, es ist kein echter Daumen aus Fleisch und Blut“, beruhigt Lily die Kinder. Nach einem Stopp beim Dommodell, geht es schließlich noch zu einem Highlight des Doms, das Besucherinnen und Besucher sonst nicht zu Gesicht bekommen: dem Königsthron. „Wie stellt ihr euch denn einen Thron vor? Schwarz oder knallpink?“, fragen die Domführerinnen auf dem Weg dorthin. „Vielleicht aus Holz und mit Edelsteinen verziert“, überlegt eine junge Teilnehmerin.

Wo ist diese Maus zu finden? Lily schickt die Kinder zum Abschluss ihrer Tour auf „Mäusejagd“ im Dom.  Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Tatsächlich ist der Königthron aus Marmor, wie Marie und Lily kurz darauf demonstrieren, obwohl man das nicht mehr so gut erkennen könne, seit der Thron im Zweiten Weltkrieg zum Schutz eingemauert wurde. „An der Seite sind drei Vierecke zu sehen. Das ist ein Mühlespiel, das wurde wahrscheinlich eingeritzt, als die Platten in Jerusalem lagen“, gibt Lily einen weiteren spannenden Fakt zum Besten. „Wahrscheinlich hatten Soldaten Langeweile“, ergänzt Marie. 30 Könige und 12 Königinnen seien auf dem Thron gekrönt worden.

Nun dürfen die Teilnehmenden noch auf „Mäusejagd“ gehen: Zwei davon sind nämlich im Wandmosaik zu entdecken. Leni (8) findet sie auf Anhieb. Weil dann immer noch ein bisschen Zeit übrig ist, sagen Marie und Lily noch ein paar Worte zu Kaiser Karl. „Wir müssen das vom Blatt ablesen, ich hoffe, das ist nicht so schlimm“, sagt Lily. Dem ist nicht so, zumindest fällt das Fazit der Teilnehmenden eindeutig aus: „Ich fand alles gut und vor allem, dass es ein Dommodell für blinde Menschen gibt“, sagt Leni. Für die zehnjährige Jule waren vor allem die Reliquien ein Highlight: „Das fand ich sehr spannend. Es ist toll, dass sie in Aachen gelagert und manchmal ausgestellt werden.“ Dem kann sich Marie nur anschließen: „Das ist wirklich etwas Besonderes, dass unsere kleine Stadt so etwas hat.“

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Sie und Lily sind mit ihrer Tour ebenfalls ziemlich zufrieden. „Wir waren ein bisschen aufgeregt und haben uns teilweise versprochen, aber das merkt meistens keiner“, sagt Lily. Zumal sie so viel nettes Feedback wie nie zuvor erhalten hätten. Beide wollen noch eine Weile mit den Führungen weitermachen, obwohl derzeit auch eine neue Generation von Guides ausgebildet wird. „Mir macht es einfach sehr viel Spaß. Es ist schön, wenn man weiß, dass einem zugehört wird und dass man Kindern etwas beibringen kann“, sagt Lily. Eigentlich stehe sie nicht so gerne vor Publikum, aber durch die Führungen traue sie sich nun viel mehr zu. Diesen Eindruck teilt auch Roswitha Caspar-Bours, die sich nach wie vor zweimal im Monat mit der Gruppe trifft: „Anfangs waren sie teilweise schüchtern und leise, jetzt sind sie viel sicherer und selbstbewusster. Die Kinder sind mit viel Engagement und Begeisterung bei der Sache.“

Tickets und Termine

Die Kinderdomführungen finden in der Regel einmal im Monat sonntags statt. Eine Führung dauert rund 45 Minuten und richtet sich an Kinder zwischen 6 und 12 Jahren. Pro Kind ist maximal ein Erwachsener als Begleitung vorgesehen. Die nächsten Führungen finden am Sonntag, 18. Januar, und am Sonntag, 22. Februar, statt. Weitere Infos und Tickets unter: aachenerdom.de/ort-der-besichtigung/