Die Entführung Nicolás Maduros durch amerikanische Elitesoldaten ist eine spektakuläre Machtdemonstration Washingtons in Lateinamerika. Auch im 10.000 Kilometer entfernten Kiew hat man diesen Coup als solche verstanden. Zugleich wächst am Dnjepr an Tag zwei nach dem Venezuela-Angriff die Nervosität. Denn wer die Ereignisse in Südamerika isoliert betrachtet, verkennt ihren geopolitischen Kontext.
Der für viele Seiten überraschende Schlag gegen Maduro fügt sich nahtlos in eine sich neu formierende Weltordnung ein, die gerade mit bemerkenswerter Geschwindigkeit zurückkehrt: Großmächte wie die USA, Russland und China regeln ihre Angelegenheiten auf ihre ganz eigene Art und Weise, sichern ihre unmittelbaren Einflusszonen. Geopolitische Stabilität überlagert vermeintliche moralische Prinzipien. Legitimität und Völkerrecht werden verhandelbar. Genau dieses Modell haben sich Wladimir Putin oder Xi Jinping klammheimlich seit Jahren gewünscht – und Donald Trump scheint es nun praktisch umzusetzen.
Für die Ukraine und Europa sind das toxische Entwicklungen
Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie lässt daran keinen Zweifel. Die Prioritäten der Regierung in Washington liegen auf der westlichen Hemisphäre. Die Monroe-Doktrin erlebt ihre Wiedergeburt im 21. Jahrhundert. Die Botschaft dabei ist klar und deutlich: Amerika sorgt „zu Hause“, „im eigenen Hinterhof“ für Ordnung, erwartet aber implizit, dass Russland und China dasselbe in ihren „Nachbarschaften“ tun. Es spricht einiges dafür, dass in den kommenden Jahren die Ukraine für Washington an strategischer Bedeutung verlieren wird.
Für Kiew ist das eine toxische Entwicklung. Denn ein Verdacht, der früher als abwegig galt, wird heute offen diskutiert – auch unter russischen und ukrainischen Eliten. Das alte, zynische Bonmot des verstorbenen russischen Nationalisten Wladimir Schirinowski kursiert in diesen Stunden erneut in diversen Telegram- und X-Kanälen: „Trump nimmt Venezuela, und wir die Ukraine.“ Vor Jahren wurde das noch als banale Kreml-Propaganda abgetan. Doch heute? Eine treffende Beschreibung der sich abzeichnenden geopolitischen Realitäten?
Besonders alarmierend für die Ukraine ist die Ambivalenz ihrer europäischen Verbündeten. Die Reaktionen in Brüssel schwanken. Man weiß, dass die Entführung Maduros völkerrechtlich kaum zu rechtfertigen ist, und doch will man es sich mit dem – wenn wir das Militär heranziehen – wichtigsten Verbündeten nicht komplett verscherzen. Diese Doppelmoral ist Wasser auf die Mühlen Moskaus, das den Westen seit Jahren genau dieser Inkonsistenz bezichtigt.
Der Kreml wird die Maduro-Festnahme nutzen, um seine eigene Ukraine-Erzählung weiter zu legitimieren. Wenn die Amerikaner Präsidenten entführen, warum sollte Moskau sich an rote Linien halten? Schon 2019 hatte Fiona Hill, eine ehemalige Beamtin des Nationalen Sicherheitsrats der Vereinigten Staaten, darauf hingewiesen, dass Russland informell angeboten habe, das Engagement in Venezuela zu beenden. Im Gegenzug für amerikanische Zugeständnisse in der Ukraine. Damals blieb es bei theoretischen Gedankenspielen. Heute wirkt ein solches Szenario erschreckend aktuell. Das schreiben sogar westliche Thinktanks wie das Londoner Chatham House oder das Brüsseler European Policy Centre.
Was macht nun Selenskyj?
Besonders fatal ist die Lage für Präsident Wolodymyr Selenskyj persönlich. Jede Reaktion auf Venezuela ist ein politisches Minenfeld für ihn. Rechtfertigt der ukrainische Staatschef den US-Einsatz, untergräbt er seine jahrelange eigene Argumentationslogik (Stichwort Völkerrecht) gegen Russlands Krieg. Verurteilt Selenskyj die Amerikaner, riskiert er den Zorn Trumps – inklusive möglicher politischer oder persönlicher Konsequenzen (Stichwort Budanow). Telegram-Kanäle mit einer Millionenreichweite, ukrainische Politologen und selbst Abgeordnete der Werchowna Rada warnen offen davor, dass die USA ihre militärische Hilfe reduzieren und ihren Einfluss nach diesem ersten Neujahrswochenende im Jahr 2026 neu ordnen könnten. Dass das ukrainische Außenministerium de facto Verständnis für den Venezuela-Angriff signalisiert hat, zeigt, wie eng der Handlungsspielraum für Kiew inzwischen ist.
Der vielleicht größte Schaden ist jedoch geostrategischer Natur. Damit werden sich auch die Ukraine und Europa nachhaltig beschäftigen müssen: Die Maduro-Festnahme verdeutlicht nämlich, dass Regimewechsel wieder als legitimes Instrument westlicher Machtpolitik gelten können – wenn es den eigenen Interessen dient. Für Länder des Globalen Südens, deren Unterstützung die Ukraine eigentlich dringend benötigt, ist das ein weiteres Argument, sich vom „kollektiven Westen“, wie es im Kremlsprech heißt, abzuwenden.