Was versteht man unter einem Delir?

Juliane Spank: Ein Delir, ein plötzlich auftretender Verwirrtheitszustand, ist eine akute, aber meist vorübergehende Störung der Gehirnfunktion. Das kann zu bleibenden kognitiven Beeinträchtigungen führen, wenn es unbehandelt bleibt. Insbesondere ältere Patientinnen und Patienten ab 65 Jahren sind gefährdet, während eines Krankenhausaufenthaltes ein Delir zu entwickeln. Bewusstseins-, Aufmerksamkeits-, Orientierungs- oder Wahrnehmungsstörungen sowie verändertes Verhalten können Symptome eines Delirs sein. Ein Delir äußert sich aber bei jedem individuell.

Was ist die Aufgabe des AKTIVER-Teams?

AKTIVER (Alltags- und KognitionsTraining – Interdisziplinäre Delirvermeidung) ist ein Delirmanagement, das aus dem HuBerTDA-Projekt und der Pawel-Studie entstanden ist. Ziel ist es, das Delirrisiko zu senken, Delir zu vermeiden oder ein Delir frühzeitig zu erkennen und entsprechende Therapiemaßnahmen einzuleiten. Speziell ausgebildete Pflegefachkräfte identifizieren Delir gefährdete Patienten ab 65 Jahren und unterstützten sie durch individuelle Maßnahmen. Das können zum Beispiel Orientierungshilfen wie Wanduhren sein, Aktivierung und Mobilisierung durch Bewegung, Begleitung bei Mahlzeiten und Diagnostik oder auch Entspannungsübungen. Zudem werden unter Anderem Medikation und Laborwerte täglich eingesehen und gegebenenfalls angepasst. Zum AKTIVER-Team gehören aber nicht nur Pflegefachkräfte, sondern auch Betreuungsassistenten, FSJler und ein Pflegehelfer.

Worum ging es bei Ihrer Promotion?

Innerhalb meiner Promotion konnte ich unter der Leitung von Christine Thomas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychiotherapie für Ältere, ein nichtmedikamentöses Delirmanagementprogramm mitgestalten, aufbauen, implementieren und evaluieren. Innerhalb einer großen Studie (PAWEL-Patientensicherheit, Wirtschaftlichkeit und Lebensqualität) konnten wir nachweisen, dass mittels AKTIVER das Delirauftreten reduziert werden konnte. Mit der Übernahme in die Regelversorgung haben wir in einem nächsten Schritt einen Pflegekonsildienst eingeführt, sodass alle Stationen im Haus die Möglichkeit haben, uns gefährdete Patientinnen und Patienten zu melden, sodass wir diese mitbetreuen können.

Was ist das Ergebnis der Arbeit des AKTIVER-Teams?

2024 hatte das AKTIVER-Team über 2100 Konsilanfragen und hat mehr als 900 Patienten mitbetreut. Durch unsere Arbeit konnten wir das Auftreten von Deliren bei Patienten um bis zu 30 Prozent verringern. Die individuelle Anpassung der Therapie gibt den Patienten sowie deren Angehörigen Sicherheit und entlastet Pflegende und Ärzte auf den Stationen. Jedoch hat die Untersuchung auch gezeigt, dass die Verdachtsdiagnose des Delirs durch das AKTIVER Team noch zu selten in den Arztbriefen erwähnt oder nach ICD kodiert wird. Dies ist jedoch für die Sekundärprävention wichtig.

Warum sind Sie als promovierte Pflegekraft weiter in der Patientenversorgung tätig?

Für mich war immer klar: Ich möchte forschen, um die Patientenversorgung und Rahmenbedingungen in der Praxis zu verbessern. Ich arbeite aber auch gerne als Gesundheits- und Krankenpflegerin und möchte einen guten Theorie-Praxistransfer schaffen. Dies kann für mich nur gelingen, wenn ich die Strukturen und Bedingungen auf den Stationen kenne und weiter in der Patientenversorgung tätig bin.

Biografie der ersten promovierten Pflegekraft des Klinikum Stuttgart

Nach ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin absolvierte Juliane Spank ein Masterstudium in Pflegewissenschaft an der Hochschule in Esslingen. Seit 2017 beschäftigt sie sich intensiv mit dem Thema Delir bei älteren Menschen und arbeitete beim Projekt HuBerTDA und der Pawel-Studie mit. Auch bei der Etablierung des Delirpräventionsteams AKTIVER spielte sie eine entscheidende Rolle. „Entwicklung, Implementierung und Evaluation eines nichtmedikamentösen und multimodalen Delirmanagementprogrammes“ lautet der Titel ihrer Promotion.

Weitere Informationen

Das HuBerTDA-Projekt (Langtitel: „HuBerTDA: Handeln im Hier und Jetzt! Bereit zum Demenz- und Alterssensiblen Krankenhaus!“) war ein Projekt des Klinikums Stuttgart, das sich darauf konzentrierte, die Versorgungs- und Behandlungsangebote für ältere Patienten mit Demenz und kognitiven Einschränkungen im Krankenhaus zu verbessern.

Die Pawel-Studie war eine multizentrische, cluster-randomisierte klinische Studie in Deutschland, die die Wirksamkeit eines umfassenden Interventionsprogramms zur Reduktion von Delir und postoperativer kognitiver Dysfunktion (POCD) bei älteren Patienten nach elektiven Operationen untersuchte. Das Akronym PAWEL steht für: Patientensicherheit, Wirtschaftlichkeit und Lebensqualität.

Weitere Informationen finden Interessierte auf der Webseite des Klinikum Stuttgart.