Nach der Verhaftung von Nicolás Maduro träumt Donald Trump von einer Renaissance des Erdölsektors in dem lateinamerikanischen Land. Das Unterfangen wird jedoch schwierig.

04.01.2026, 16.32 UhrAktualisiertDie USA haben die Ölindustrie in Venezuela mit einschneidenden Sanktionen belegt.Die USA haben die Ölindustrie in Venezuela mit einschneidenden Sanktionen belegt.

Jesus Vargas / Getty

Ohne Superlative geht es nicht bei Donald Trump. Ein «enormes Vermögen» würden die grossen amerikanischen Ölkonzerne in Venezuela aus dem Boden holen, sagte der US-Präsident an der Pressekonferenz am Samstag nach der Verhaftung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Sie würden Milliarden investieren und damit Geld für Venezuela verdienen, so Trump.

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Die ambitionierten Pläne des US-Präsidenten lassen sich allerdings nicht über Nacht umsetzen. Ein solches Unterfangen wäre risikoreich und teuer. Zwar soll die bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez Venezuela führen. Nach wie vor ist jedoch nicht klar, wie sich das Militär nach den Angriffen der USA verhalten wird und wie stark sich Donald Trump überhaupt in dem Land engagieren mag.

Venezuelas Ölinfrastruktur hat die Angriffe des amerikanischen Militärs unbeschadet überstanden und ist weiterhin betriebsfähig, wie Bloomberg meldet. Mit mehr als 300 Milliarden Barrel gehören die Erdölreserven in Venezuela zu den grössten weltweit.

Verstaatlichungen, jahrzehntelanges Missmanagement und Sanktionen haben die Ölproduktion jedoch praktisch zum Erliegen gebracht. Förderte das Land 2011 noch rund 2500 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, ist die Produktion bis 2025 auf rund 900 Millionen Barrel pro Tag gesunken.

Öl als politisches Pfand

Einst war Venezuela einer der wichtigsten Ölproduzenten der Welt. Das Land gehörte 1960 zu den Gründungsmitgliedern der Opec. Der Reichtum weckte aber schon immer die Begehrlichkeiten der Politik. Während des Öl-Booms der siebziger Jahre verstaatlichte das Land seine Erdölindustrie. Der staatliche Energiekonzern PDVSA wurde gegründet, der heute noch aktiv ist.

Der verhaftete Präsident Nicolás Maduro wie auch sein Vorgänger Hugo Chávez nutzen die Ölindustrie des Landes ebenfalls zur Finanzierung ihrer politischen Vorhaben. So lieferte Hugo Chávez günstiges Erdöl an befreundete Regime wie Kuba.

2007 verstaatlichte er die restlichen Gemeinschaftsunternehmen mit internationaler Beteiligung. Konzerne wie ExxonMobil und ConocoPhillips verliessen darauf das Land – beide amerikanischen Firmen haben Venezuela auf Schadenersatz in zweistelliger Milliardenhöhe eingeklagt.

Der damalige Präsident Hugo Chávez lässt sich 2002 von Ölarbeitern feiern.Der damalige Präsident Hugo Chávez lässt sich 2002 von Ölarbeitern feiern.

Keith Dannemiller / Imago

Gleichzeitig entliess Hugo Chávez Tausende von erfahrenen PDVSA-Mitarbeitern, weil sie an Streiks gegen ihn teilgenommen hatten. Deren Wissen fehlt der Ölbranche seither. Unzählige weitere Mitarbeiter aus dem Ölsektor haben zudem das Land seit damals wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage verlassen. Stattdessen wurden Loyalisten eingestellt, denen das Regime einen Job verschaffen wollte. Unter Hugo Chávez nahmen die strategischen Ölreserven Venezuelas ab, gleichzeitig verdoppelten sich laut der amerikanischen Denkfabrik Council on Foreign Relations die Auslandsschulden des Landes.

Negative Auswirkungen durch die Sanktionen

Seit 2017 haben die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen den staatlichen Ölkonzern PDVSA verhängt, die 2019 noch einmal verschärft wurden. Venezuela exportierte darauf vermehrt Erdöl in Staaten wie China. Für den Export nutzte Venezuela unter anderem – ähnlich wie Russland – eine sogenannte Schattenflotte, das sind Schiffe, die nicht registriert sind und keine Versicherung haben.

Die Sanktionen haben negative Auswirkungen auf die Ölindustrie. Die Branche kann kaum mehr neues Kapital auftreiben, um die alternde Infrastruktur instand zu halten. Erschwerend kommt dazu, dass es sich beim grössten Teil der Rohölreserven des Landes um besonders schweres Öl handelt, das passende Raffinerien und Verdünner braucht und für dessen Förderung spezielle Kenntnisse nötig sind. Dafür ist Venezuela auf ausländische Spezialisten angewiesen.

Wegen der Sanktionen konnten diese in den vergangenen Jahren jedoch nur eingeschränkt in Venezuela arbeiten. Unterstützung bekam Venezuela hier zuletzt von Iran, etwa beim Öltransport, und von der China National Petroleum Corporation (CNPC), wie die US Energy Information Agency (EIA) schreibt.

2022 hat die US-Regierung unter Joe Biden die Sanktionen gegen Venezuela etwas gelockert. Der amerikanische Ölkonzern Chevron, der als einer der wenigen ausländischen Energiekonzerne im Land geblieben ist, erhielt eine spezielle Lizenz, um Öl produzieren und exportieren zu können. Laut eigenen Angaben ist Chevron in Venezuela an fünf Gemeinschaftsunternehmen beteiligt und beschäftigt rund 3000 Personen. Diese produzieren dort rund 250 000 Barrel Öl pro Tag.

Milliardeninvestitionen werden nötig

Mit seinem Ausharren in dem lateinamerikanischen Land hat sich Chevron eine gute Position für die Zukunft geschaffen. Der CEO Mike Wirth gilt als Vertrauter von Trump. Der Konzern hat nach der Verhaftung von Nicolás Maduro mitgeteilt, dass er seine Aktivitäten in Venezuela fortsetzen will. Ob Chevron erneut in dem Land investieren will, darüber schweigt Mike Wirth sich bis jetzt aus.

Die Schätzungen darüber, was es kosten könnte, die marode Ölinfrastruktur in Venezuela wieder auf Vordermann zu bringen, gehen weit auseinander. Die «Financial Times» zitiert einen Analysten des Beratungsunternehmens Rystad, der davon ausgeht, dass rund 100 Milliarden Dollar nötig sein könnten, um die Ölproduktion von derzeit rund 900 000 Barrel pro Tag wieder auf 2 Millionen Barrel zu bringen.

Deutlich optimistischer schätzt das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie die Lage ein: 2 Millionen Barrel könnten bereits in ein bis zwei Jahren erreicht werden. Über die nächsten zehn Jahre wären Investitionen von 15 bis 20 Milliarden Dollar nötig, um die Produktion um weitere 500 000 Barrel pro Tag zu steigern.

Es ist allerdings fraglich, wie gross die Lust der grossen Ölkonzerne auf solche Investitionen überhaupt ist. Momentan bewegt sich der Ölpreis um die Marke von 60 Dollar pro Barrel, für viele Ölproduzenten lohnt es sich da kaum, zu investieren.

Ihm kommt eine wichtige Rolle in der Ölindustrie von Venezuela zu: der Chevron-CEO Mike Wirth.Ihm kommt eine wichtige Rolle in der Ölindustrie von Venezuela zu: der Chevron-CEO Mike Wirth.

Callaghan O’Hare / Reuters

Auch für 2026 wird mit einer eher sinkenden Nachfrage nach Öl gerechnet. Die Delegierten der OPEC+ haben am Sonntag bei einem Treffen entschieden, ihre Produktion nicht weiter hochzufahren.

Die unmittelbaren Auswirkungen der Angriffe durch die USA und der Verhaftung von Nicolás Maduro auf den Ölpreis werden sich erst noch zeigen. Die Ölmärkte nehmen erst am Montagmorgen in Asien ihren Handel wieder auf. Betrifft die geänderte Lage in Venezuela die Ölexporte, könnten die Preise durchaus steigen, wie Experten schätzen.

Männer schauen auf den Rauch am Hafen La Guaira in der Nähe von Caracas: Die USA haben Venezuela angegriffen und Staatspräsident Nicolás Maduro verhaftet.Männer schauen auf den Rauch am Hafen La Guaira in der Nähe von Caracas: Die USA haben Venezuela angegriffen und Staatspräsident Nicolás Maduro verhaftet.

Jesus Vargas / Getty