Zehlendorf (Berlin) – Der Stromausfall im Südwesten Berlins nach dem linksextremistischen Anschlag hat unabsehbare Folgen. Betroffen sind nicht nur 45.000 Privathaushalte, sondern auch Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Tierkliniken, Tankstellen, Restaurants und Betriebe aller Art.
BILD ist am Sonntag im betroffenen Berlin-Zehlendorf. Dabei zeigt sich vor allem eins: wie die Menschen spontan zusammenrücken, Hilfe anbieten, Unterstützung organisieren, aus der Not auch eine Tugend machen. Im Café im Mittelhof treffen sich seit dem Vormittag viele Nachbarn. Das Stadtteilzentrum an der Königstraße ist an diesem Sonntag Anlaufstelle geworden.

Bei „Fitness First“ kann man kostenlos warm duschen. Max (31) verteilt Handtücher
Foto: Ralf Günther/BILD
Leiter Olaf Löschke (50) kramte im Keller und holte alle greifbaren Steckdosen zusammen. „Die Menschen müssen ja ihre Handys laden. Wir haben hier das große Glück, dass der Strom nicht ausfiel.“

Damit Tiere behandelt werden können, schloss Elektromeister Bert Rümpel (54, r.) ein Notstromaggregat an
Foto: Ralf Günther/BILD
In der privaten Tierklinik Valeda an der Potsdamer Straße rattert seit dem Mittag ein Notstromaggregat. Bert Rümpel sorgt mit seinem Elektroteam dafür, dass der Notbetrieb aufrechterhalten werden kann.
„Normalerweise werden 500 Ampere gebraucht, wir sind aktuell bei 40, damit die wichtigsten Geräte laufen können.“ Der Klinikchef stellt sich auf Mehrkosten ein. Das Aggregat verbraucht 20 Liter Diesel pro Stunde!

Die designierten SPD-Spitzen Steffen Krach (46, l.) und Bettina König (47, r.) mit Stadträtin Carolina Böhm (59)
Foto: Ralf Günther/BILD
Im Rathaus Zehlendorf hat das Bezirksamt eine Notunterkunft eingerichtet. Auch hier versammeln sich Anwohner, um sich aufzuwärmen und ihre Handys und Laptops aufzuladen. Am Vormittag schaute SPD-Kandidat Steffen Krach (46) mit Kollegin Bettina König (47) vorbei. Der Politiker zu BILD: „Jetzt zählt vor allem eins: Unterstützung. Das Bezirksamt hat schnell reagiert, und das ist, was jetzt zählt.“

Lisa (32) kam mit Töchterchen Lilly (6 Monate) ins Rathaus, nachts kommen sie bei Bekannten in Pankow unter
Foto: Ralf Günther/BILD
Erinnerungen an die Nachkriegszeit
Mit Tochter und Enkelsohn kam Christel ins Rathaus. Die 86-Jährige hat Thermosflaschen dabei, zu Hause in Zehlendorf-Süd geht nichts mehr. „Ich bin Jahrgang 1939, habe Stromausfall als Kind nach dem Krieg oft erlebt. Daran erinnert man sich jetzt, und darum bleibe ich auch gelassen. Es wird schon werden.“

Christel (86, l.) mit Tochter Verena (50) und Enkel Aaron (20). Als Kind erlebte sie Stromausfall nach dem Krieg
Foto: Ralf Günther/BILD
Auch, weil Hilfe so spontan anrollt. Ein Beispiel: Der bekannte Zehlendorfer Wirt Sangar (46) hat im Rathaus spontan eine Suppenküche organisiert. „Kartoffel-, Linsen- und Tomatensuppe, mein Team hat nachts gekocht, um es hier zu verteilen.“ Zwei seiner Restaurants sind selbst betroffen und bleiben geschlossen. So macht er aus der Not eine schöne Tugend. Zehlendorf rückt zusammen, und anders als bei Corona darf man in der Not beieinander sein.

Das Stadtteilzentrum Mittelhof an der Königstraße öffnete spontan am Sonntag, bot Kuchen, Kaffee und Strom an
Foto: Ralf Günther/BILD
Nur zehn Grad in der Wohnung
Die Hoffnung auf eine warme Suppe trieb auch Evelyne W. (79) nach draußen, sie wohnt am Emil-Behring-Krankenhaus: „Ich habe heute Morgen erfahren, dass die Kantine im Krankenhaus geöffnet ist. Jetzt freue ich mich über eine warme Linsensuppe. Ich wäre sonst zu meinem Sohn nach Spandau gefahren. In meiner Wohnung sind es gerade mal zehn Grad. Mit meinem Fondue-Set und Teelichtern kann ich mir zwar Kaffee und Tee kochen, aber lange halte ich es trotzdem nicht aus. Nachts liegt mein Hund mit im Bett. Der wärmt mich.“

Evelyne W. freut sich auf Linsensuppe und Würstchen
Foto: Pressefoto Wagner