Halle (Sachsen-Anhalt)– Ein Satz, der aufhorchen lässt: Prof. Dr. Lucas Flöther (51), einer der bekanntesten Insolvenzverwalter und Sanierungsexperten Deutschlands, warnt vor bald noch mehr Pleiten. Er sagt BILD: „Die Insolvenzwelle hat noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht.“

Seit 1999 arbeitet Flöther als Insolvenzverwalter – damals war er der jüngste Deutschlands. Schon während des Jurastudiums in Halle (Sachsen-Anhalt) spezialisierte er sich auf Insolvenzrecht, als das Thema noch kaum jemanden interessierte. Das zahlte sich aus: Als das moderne Insolvenzrecht in Kraft trat, gehörte er zu den wenigen Experten.

Immer öfter finden sich keine Investoren

Heute ist Flöther ganz oben angekommen, er zählt zur Bundesliga seiner Branche. Mit seiner Kanzlei Flöther & Wissing (rund 100 Mitarbeiter an zwölf Standorten) ist er in ganz Deutschland im Einsatz. Zu seinen bekanntesten Fällen zählen Air Berlin, Condor, Esprit, Gerry Weber, Unister und Abellio Deutschland. Aktuell betreut er den Hemdenhersteller Eterna und – seit dem 1. Weihnachtsfeiertag – den Firmenverbund Domo Caproleuna GmbH und Domo Chemicals GmbH, die deutschen Töchter des belgischen Chemiekonzerns DOMO Chemicals.

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Überall ist von einer Insolvenzwelle die Rede. Manche sagen, sie stehe erst bevor, andere, sie sei längst da. Doch Flöther stellt die entscheidende Frage: Welche Zahlen taugen überhaupt zum Vergleich – die vor Corona, während der Pandemie oder aus der Finanzkrise? Fest steht: Die Zahl der Verfahren steigt deutlich, liegt aber noch unter dem Rekordniveau von 2007/08. Besorgniserregend sind für Flöther zwei Entwicklungen: Immer mehr große Unternehmen geraten in Schieflage. Und immer seltener finden sich Investoren, die übernehmen wollen.

Lucas Flöther betreute viele bekannte Mandanten, darunter die Fluglinien Air Berlin und Condor sowie das Reiseportal Unister

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Foto: Uwe Koehn

„In fast allen großen Verfahren, die ich bisher betreut habe, konnte eine Zerschlagung vermieden werden, weil jemand Interesse hatte, das Unternehmen zu erwerben.“ Heute sei das anders. Investoren glaubten nicht mehr an Gewinne in Deutschland. Vor allem die Energiekosten seien zu hoch. Hinzu komme, dass viele Unternehmer nach schwierigen Jahren oft nicht mehr die Kraft hätten, selbst weiterzumachen. Dabei biete das deutsche Sanierungsrecht gute Chancen.

Grundsätzlich kann es jede Firma treffen

2025 traf es viele Bereiche gleichzeitig. Flöther sagt: „Es gibt eine starke Zunahme über alle Branchen. Das ist das Tragische. Nicht nur die Klassiker wie Einzelhandel und Gastronomie.“ Vor zehn Jahren hätte er nie gedacht, dass auch Krankenhäuser und Pflegeheime betroffen sein könnten. Inzwischen betreut er bundesweit mehrere Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen – darunter ein Lehrkrankenhaus der Uni Heidelberg. Auch die Zusammensetzung seiner Mandate habe sich deutlich verändert: „Gerade in den vergangenen Jahren hatte ich zunehmend prominente Fälle aus der Modebranche. Bedingt durch die ‚Amazonisierung‘ des gesamten Einzelhandels.“

Lucas Flöther begann nach seinem Staatsexamen als Insolvenzverwalter und war damals mit nur 25 Jahren der jüngste in Deutschland

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Foto: Kanzlei Flöther & Wissing

Pleite-Welle lässt „Zombie-Firmen“ verschwinden

Flöther betont, dass unternehmerische Fehler selten der alleinige Grund für eine Insolvenz seien: „In 25 Jahren habe ich nicht ein Unternehmen gesehen, bei dem das Scheitern nur einen einzigen Grund hatte.“ Neben Managementfehlern sieht er auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kritisch. Deutschland sei eigentlich auf einem guten Weg gewesen – bis Corona kam. Die Politik wollte damals Insolvenzen um jeden Preis verhindern. Flöther spricht vom „süßen Gift des Staatsgeldes“, das Firmen ohne Zukunftschancen – sogenannte Zombie-Unternehmen – künstlich am Leben hielt. Auch die jüngste Verlängerung des Kurzarbeitergeldes bewertet Flöther skeptisch.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther wird auch 2026 in ganz Deutschland auf Achse sein. Er rechnet damit, dass es eine ganze Reihe von großen und wichtigen Unternehmen treffen wird

Insolvenzverwalter Lucas Flöther wird auch 2026 in ganz Deutschland auf Achse sein. Er rechnet damit, dass es eine ganze Reihe von großen und wichtigen Unternehmen treffen wird

Foto: Uwe Koehn

Auf die Bitte, den Satz zu vollenden: „Die Insolvenzwelle ist für Deutschland eine Chance …“, antwortet Flöther: „… wenn dadurch Zombie-Unternehmen, die den Wettbewerb verzerren, vom Markt verschwinden. Und wenn Unternehmen mit zukunftsfähigem Geschäftsmodell die Möglichkeiten des deutschen Sanierungsrechts richtig nutzen.“

Für 2026 rechnet der Experte mit einem weiteren Anstieg der Verfahren – vielleicht sogar wieder auf dem Niveau von 2007/08. „Aber nicht nur Zahlen nehmen zu. Es wird eine ganze Reihe von großen und wichtigen Unternehmen treffen, bei denen das Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft hat.“ Er erwartet weitere Insolvenzen bei Krankenhäusern, im Einzelhandel, der Automobilbranche, zunehmend bei Autohäusern, in der Immobilien- und Bauwirtschaft – und, neu, auch im Maschinenbau.