
In der deutschen Hauptstadt sind Zehntausende Haushalte seit Samstag ohne Strom. Die sogenannte Vulkangruppe hat sich zu dem Sabotageakt bekannt. Die Sicherheitsbehörden haben ihr seit dem Jahr 2011 nichts entgegenzusetzen. Wie kann das sein?
Kerzenlicht statt Strom.
Andreas Poertner / Imago
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Rechtsextreme richten ihre Gewalt gegen Menschen, Linksextreme jedoch eher gegen Sachen – diese gerne wiederholte Behauptung war schon immer Mumpitz. Zudem trifft Gewalt gegen Sachen manchmal eben auch Menschen. Diesen Vorwurf richtete Berlins Bürgermeister Kai Wegner an die Saboteure, die am Wochenende das Stromnetz der deutschen Hauptstadt attackiert haben. Weil auch Spitäler davon betroffen waren, sagte Wegner, die Täter hätten «Menschenleben aufs Spiel gesetzt».
Sie legten am Samstagmorgen Brandsätze unter eine zentrale Leitung an einem Kraftwerk. Damit schnitten sie im Südwesten der Stadt 45 000 Haushalte vom Strom ab. Der Schaden ist so gross, dass die meisten Betroffenen möglicherweise erst am Donnerstag wieder Strom haben werden. Ein Albtraum, weil ohne Elektrizität auch viele Heizungen nicht funktionieren.
Der Ton einer Endzeitsekte
Die linksextremen Saboteure sehen das anders: In einem von den Behörden als authentisch eingestuften Bekennerschreiben heisst es: «Unsere gemeinwohlorientierte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll.» Man habe das Kraftwerk vom Netz getrennt, um «CO2-Tote» zu verhindern.
Der Ton in diesen Kreisen erinnert an eine Endzeitsekte, die Methoden ähneln denen einer feindlichen Macht, die Saboteure ins gegnerische Territorium schickt. Deshalb kommt bei solchen Anschlägen mittlerweile oft die Vermutung auf, dass auch Russland dahinterstecken könnte.
Dagegen spricht, dass die Saboteure seit dem Jahr 2011 ihr Unwesen treiben, also lange vor dem Zerwürfnis mit Moskau. Sie bezeichnen sich als «Vulkangruppe» und stehen offenbar hinter einer Reihe von Anschlägen. Schon im Jahr 2025 legten sie in Teilen Berlins die Stromversorgung lahm, im Jahr 2024 schnitten sie das Tesla-Werk vor den Toren der Hauptstadt vom Netz ab.
Wenn linksextreme Wirrköpfe seit langem völlig ungestört Anschläge verüben können, führen sie den Staat vor. Eigentlich hat Deutschland fähige Ermittler. Dass sie seit Jahren eine bekannte Gruppe beobachten, ohne einzelne Täter zu fassen, ist schwer zu erklären. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass der Kampf gegen Linksextremisten für die wechselnden deutschen Regierungen und Innenminister keine Priorität hatte. Das sollte sich spätestens jetzt ändern.
Man kann sich nur wundern
Nachbessern muss auch die Stadt Berlin. Es ist erstaunlich, dass sich mehrere Bezirke der Hauptstadt so leicht ausknipsen lassen und die Reparatur des Schadens dann auch noch tagelang auf sich warten lässt. Hier kann man ebenfalls fragen, wo die Prioritäten liegen.
Für den «Welt»-Herausgeber Ulf Poschardt ist diese Frage beantwortet. Sein Haus ist vom Stromausfall betroffen. In einem lesenswerten Lagebericht für die «Bild»-Zeitung – aus einem McDonald’s-Restaurant, das in der Gegend noch Strom hat – kritisiert Poschardt, dass die Stadtregierung in Berlin 700 Millionen Euro investieren will, um mehr als eine halbe Million neue Bäume zu pflanzen und zu pflegen.
Das Geld stammt aus den Sonderschulden, welche die deutsche Regierung vergangenes Jahr aufgenommen hatte, um die Infrastruktur zu stärken. Ein robustes Stromnetz dient ohne Zweifel der Infrastruktur – im Gegensatz zur Massenbegrünung einer ohnehin schon recht grünen Stadt.
Berlins Stadtregierung sollte noch einmal überlegen, was mit dem Begriff Infrastruktur eigentlich gemeint ist. Gewählt wird dort schon im September. Die Wähler werden die Tage ohne Licht und Wärme nicht vergessen.
Christian Fischer
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Da hilft nut eines: Demo gegen rechts und mehr Geld für NGOs.