Der Gender Pay Gap ist in Europa gut dokumentiert. In der EU verdienten Frauen 2023 laut Eurostat zwölf Prozent weniger als Männer. Das heißt: Für 100 Euro, die Männer verdienen, kommen Frauen nur auf 88 Euro.

Bei den Renten fällt die Lücke noch größer aus. In 27 europäischen Ländern, auch außerhalb der EU, bekommen Frauen deutlich weniger Rente als Männer. Im Schnitt liegt das Renteneinkommen von Frauen 22 Prozent unter dem der Männer. In einigen großen Volkswirtschaften übersteigt der Abstand 35 Prozent, so die OECD.

2024 reichte die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern von rund sechs Prozent in Estland bis 37 Prozent im Vereinigten Königreich. Im OECD-Schnitt sind es 23 Prozent, der europäische Durchschnitt für die 27 Länder liegt bei 22 Prozent. Im Klartext: Frauen erhalten europaweit im Schnitt 78 Euro Rente, Männer 100 Euro.

In mehreren Ländern liegt die Lücke über 30 Prozent. Neben dem Vereinigten Königreich zählen dazu die Niederlande, Österreich, Luxemburg, Belgien, die Schweiz und Irland.

Am kleinsten ist sie in Estland, Island, der Slowakei, Tschechien, Slowenien und Dänemark, jeweils bei zehn Prozent oder darunter.

„Mütterbedingte Rentenlücke“

„Die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern ist in vieler Hinsicht eine mütterbedingte Rentenlücke. Sie öffnet sich, sobald Frauen eine Familie gründen“, sagte Professorin Alexandra Niessen-Ruenzi von der Universität Mannheim gegenüber Euronews Business.

Sie erklärte, viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit, um Kinder zu betreuen. Das bringt meist Nachteile beim Lohn in Teilzeit mit sich.

„Mutterschaft und weniger Arbeitsstunden drücken sowohl das aktuelle Einkommen als auch spätere Rentenansprüche. Sie führen zudem zu geringeren Erwerbseinkommen über das ganze Berufsleben und zu kürzeren Erwerbsbiografien. Damit bleibt Frauen weniger Geld, um privat vorzusorgen“, ergänzte sie.

Niessen-Ruenzi betonte, dass die Unterschiede zwischen den Ländern geschlechtertypische Muster bei Care-Arbeit und Haushalt widerspiegeln. Konservative Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland vereinen hohe Teilzeitquoten von Frauen, lange Erwerbsunterbrechungen und die gemeinsame Besteuerung von Haushalten, was die Lücke zusätzlich vergrößert.

Nordische Staaten und einige Länder in Mittel- und Osteuropa weisen hingegen deutlich kleinere Rentenlücken auf. Dort ähneln die Erwerbsbiografien von Frauen in Vollzeit stärker denen von Männern, Kinderbetreuung ist breit verfügbar, und die Rentensysteme enthalten mehr Umverteilung oder Anrechnungszeiten für Pflege- und Betreuungsjahre.

Lücken bleiben groß, aber es gibt Fortschritte

Im europäischen Schnitt ist die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen von 28 Prozent im Jahr 2007 auf 22 Prozent im Jahr 2024 gesunken. Am stärksten schrumpfte sie in Slowenien, Deutschland und Griechenland, und zwar um mehr als 15 Prozentpunkte innerhalb von 17 Jahren.

Auch in Norwegen, Portugal, der Türkei und Luxemburg ging sie um mehr als zehn Prozentpunkte zurück.

„Deutlich sinkende Unterschiede am Arbeitsmarkt zwischen Männern und Frauen treiben diese Entwicklung vielerorts. Es dauert jedoch, bis sich das vollständig in geringeren Rentenunterschieden niederschlägt“, heißt es im OECD-Bericht Pensions at a Glance 2025.

Unter den 27 Ländern stieg die Rentenlücke nur in drei Fällen um zwei Prozentpunkte: in Österreich, Estland und Belgien. In allen anderen Ländern ging sie zurück, teils allerdings nur gering.

Folge langfristiger Ungleichheiten

„Diese Unterschiede sind das Ergebnis langfristiger Ungleichheiten, die sich über das Erwerbsleben von Frauen aufsummieren und das Zusammenspiel von Arbeitsmärkten, Familienpolitik und Rentenarchitektur widerspiegeln“, sagte Professor Antonio Abatemarco von der Universität Salerno Euronews Business. „Die Lücke ist daher kein einzelnes Phänomen, sondern Ergebnis von drei miteinander verknüpften Strukturtreibern.“

Erstens erklärte Abatemarco: In vielen europäischen Ländern, besonders im Süden und Osten, lag die Erwerbsbeteiligung von Frauen historisch hinter der von Männern. Sie erfolgte häufig in informellen Bereichen, in denen keine Rentenbeiträge gezahlt wurden. Tätigkeiten wie haushaltsnahe Dienstleistungen sind bis heute weitgehend informell und überwiegend weiblich. Arbeitsjahre führen dort nicht automatisch zu Rentenansprüchen.

Zweitens betonte er die Bedeutung von Sorgearbeit. In Westeuropa geht es nicht mehr um den Einstieg in den Arbeitsmarkt, sondern um Unterbrechungen durch Mutterschaft und Pflege. In Ländern wie Deutschland oder Österreich wechseln Frauen nach der Elternzeit häufig in Teilzeit. Das führt zu geringeren Beiträgen und langsamerem Lohnaufstieg.

Drittens wies er auf die Folgen jüngerer Reformen der Rentensysteme hin. So hat Slowenien seit 1999 das Rentenalter für Frauen stärker angehoben als für Männer, wie der OECD-Bericht Pensions at a Glance 2025 festhält. Dadurch sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede zurückgegangen.

Gesetzliche versus betriebliche Renten

Inés Guillemyn, Doktorandin an der Universität Antwerpen, betonte die Rolle gesetzlicher und betrieblicher Renten im Gesamtalterseinkommen. In Ländern mit starken Mehrsäulensystemen wie den Niederlanden hängt ein größerer Teil der Renten direkt an der Erwerbsbiografie und am früheren Lohn. Weil Zugang und Beiträge zu Betriebsrenten stark geschlechtergeprägt sind und privaten Modellen oft Solidaritätselemente fehlen, vergrößern private Renten die Unterschiede zwischen Frauen und Männern.