Aus unserem Archiv – An der Lautsprecher-Musik in der Arnulf-Klett-Passage scheiden sich die Geister. Wer dahinter steckt, wozu die Musik dienen soll und wie Klassik in Dauerschleife vor Ort ankommt.

Wer regelmäßig Bahn fährt oder ab und zu durch die Arnulf-Klett-Passage am Stuttgarter Hauptbahnhof geht, kann sie nicht überhören – die überwiegend klassische Musik, die aus Lautsprecherboxen an der Passagen-Decke schallt. Doch was hat es damit auf sich? Wer entscheidet, dass Passantinnen und Passanten musikalisch etwa von Wagner oder Bach begleitet werden? Und was sagen die Stadt und die Menschen vor Ort dazu?

„Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Klett-Passage möglichst positiv wahrgenommen wird“, sagt Ulrich Kopp. Er ist der Mann, der im Auftrag der Mietervereinigung Klett-Passage die Musikboxen bespielt. „Zum Thema Sicherheit und Sauberkeit sind wir mit dem Amt für öffentliche Ordnung der Stadt im Austausch.“

Mit Bach und Wagner die Klett-Passage aufwerten?

Die Idee für die dauerhafte musikalische Untermalung in der Unterführung sei der Vereinigung bei Veranstaltungen gekommen, die sie gemeinsam mit einem hiesigen Radiosender in der Klett-Passage organisieren. So fand zu Halloween etwa ein Aktionstag mit dem passenden Soundtrack und verschiedenen Specials statt. „Mit der Musik, die über die Lautsprecher ausgespielt wird, wollen wir die Aufenthaltsqualität in der Passage verbessern“, so Kopp.

Die Musik ertönt in der Klett-Passage aus Lautsprecherboxen, die in der Decke integriert sind. Foto: Nina Scheffel/StZN

Doch es gibt auch die Mutmaßung mancher, die Musik habe noch einen anderen Zweck; sie diene dazu, etwa obdachlose Menschen zu vertreiben, welche die Unterführung als Schlafplatz oder Aufenthaltsort nutzen. Kopp weist das zurück – sagt aber: „Unsere Aufgabe ist es ein Stück weit, dafür zu sorgen, dass obdachlose Menschen in der Klett-Passage nicht zu auffällig werden. Es ist aber auch nicht unser Ziel, sie zu vertreiben, denn dann gehen sie eben woanders hin.“

Musik in der Klett-Passage: „Wollen Menschen nicht belästigen“

Viel mehr sieht Kopp die Musik als Möglichkeit, die Stimmung vor Ort positiv zu beeinflussen. „Die Atmosphäre ist einfach eine andere, als wenn keine Musik gespielt wird – die Leute reagieren anders, sie wirken ruhiger und freundlicher“, sagt er. „Zum Teil bleiben die Menschen auch stehen und lauschen. Vielleicht vermittelt die Musik auch eine Art Sicherheitsgefühl“, mutmaßt er.

Wie kommt die Auswahl der Musikstücke zustande? „Wir stellen Klassik-Playlists zusammen, sodass wir etwa 25 Stunden Musik am Stück spielen können und sich die Musik nicht permanent wiederholt“, erklärt Ulrich Kopp. „Es ist ein Sampler von Klassik-Stücken aus aller Welt – darunter viel Barock, weil ich ein großer Bach-Fan bin. Selbstverständlich ist nichts dabei, was wir bewusst auswählen, um Menschen damit zu belästigen.“

Anfangs hätten es auch Rock- und Pop-Stücke auf die Playlist geschafft, dann habe sich jedoch herausgestellt, „dass einige Passanten das zum Anlass für Party in der Unterführung genommen haben“, so Kopp. Deshalb sei schließlich auf klassische Musik umgeschwenkt worden.

Aktivisten gingen an anderer Stelle bereits gegen Musik vor

Doch nicht alle Stuttgarterinnen und Stuttgarter erleben die musikalische Beschallung in der Passage als Bereicherung. Bereits im Jahr 2022 hatten Aktivisten aus der linken Szene in der Passage eine Lautsprecherbox zugespachtelt . Sie deklarierten die Aktion in einem Video als Maßnahme gegen die Verdrängung von Obdachlosen. Die Mietervereinigung Klett-Passage erklärte damals, nichts mit den beschädigten Stellen zu tun zu haben.

Das Stuttgarter Aktionsbündnis Recht auf Wohnen zeigte sich solidarisch mit den Aktivsten. Maßnahmen wie die Musik in der Klett-Passage seien als „defensive Architektur“ bekannt. Diese ziele darauf ab, bestimmte Gruppen aus der Passage zu verdrängen. Gerade bei eisigen Temperaturen im Winter könne das für viele Menschen lebensgefährlich werden. „Uns ist das einfach unverständlich“, sagt der Stuttgarter Politiker Hannes Rockenbauch (SÖS), der sich für das Bündnis engagiert, auf Nachfrage. Die Maßnahmen seien schlichtweg unmenschlich.

Stadt Stuttgart: „Kein Mensch muss obdachlos sein“

Die Stadt Stuttgart weist solche Vorwürfe zurück. „Kein Mensch in Stuttgart muss obdachlos sein“, heißt es aus dem Rathaus. Die Stadt biete allen obdachlosen Menschen Schlafplätze an. Zudem gebe es im Umfeld der Klett-Passage Angebote der aufsuchenden Straßensozialarbeit, welche die Anbindung an bestehende Hilfesysteme, etwa in den Bereichen Sucht, Wohnungslosigkeit und Sozialpsychiatrie fördere.

Die Klett-Passage: ein Zufluchtsort für obdachlose Menschen in Stuttgart. (Archivbild) Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen und Projekten seien dort im Durchschnitt zwei bis dreimal pro Woche präsent und kümmerten sich um die Personengruppen vor Ort. „Menschen, die vermeintlich ohne Obdach sind, aber auch andere Angehörige der sogenannten sozialen Randgruppen sind regelmäßig, insbesondere bei schlechter oder kalter Witterung, dort anzutreffen“, so eine Sprecherin der Stadt.

Wie viele Menschen in der Klett-Passage in letzter Zeit einen Zufluchtsort suchen, kann das Amt für öffentliche Ordnung laut Angaben der Stadt nicht beziffern. Auch macht die Stadt keine Angaben dazu, ob und inwiefern sich die Situation seit dem Einsatz der Musik-Lautsprecher verändert hat.

Geändertes Hausrecht in der Klett-Passage seit 2024

Wie die betroffenen Menschen selbst dazu stehen? Bei einem Besuch vor Ort will sich niemand dazu äußern. Zudem ist, trotz mehrer Anläufe am Abend, kaum jemand anzutreffen. Das muss jedoch nicht an der Musik liegen und könnte auch andere Gründe haben – etwa das geänderte Hausrecht vor Ort, auf das die Stadt verweist.

Es habe in der Vergangenheit Vorfälle gegeben, bei denen etwa SSB-Bahn-Fahrerinnen und Fahrer nachts keinen Zugang zu Rückzugsorten und Toiletten in der Unterführung gehabt hätten, da sich Leute vor den Türen aufgehalten hätten. Dementsprechend und als Reaktion auf die steigende Zahl an Straftaten und das Unsicherheitsgefühl der Menschen im Bereich der Passage und des Hauptbahnhofs wurde das Hausrecht im Jahr 2024 geändert. Seitdem liegt das Hausrecht in der Klett-Passage im Umfeld der Verkaufsflächen bei der SSB. 

Zuvor war die gesamte Fläche der Passage öffentlich gewidmet, nur Einsatzkräfte der Polizei konnten eingreifen, wenn es beispielsweise zu Übernachtungen oder Pöbeleien kam. Seit der Änderung kann darüber hinaus auch der Sicherheitsdienst der SSB aktiv werden. Das Ziel: Straftaten sowie Gruppen oder Personen, die vor Ort ihr Lager aufschlagen, sollen vorgebeugt werden.

„In der Klett-Passage dürfen sich grundsätzlich alle aufhalten“, heißt es dazu seitens der Stadt. „Voraussetzung ist, dass die Regeln eingehalten und andere – insbesondere Beschäftigte vor Ort – nicht beeinträchtigt werden.“

Passanten in der Klett-Passage sind zwiegespalten

Fragt man Passantinnen und Passanten vor Ort nach der Musik in der Klett-Passage, zeigt sich ein gespaltener Blick auf die Situation. Einige teilen die Ansicht Ulrich Kopps von der Mietervereinigung und freuen sich über die musikalische Untermalung, wenn sie auf ihrem Weg zur Bahn sind.

Andere wiederum, die sich zum Teil auch mal länger in der Passage aufhalten, sind genervt, manche sprechen von Belästigung. Eine Person, die hier anonym bleiben möchte, bezeichnet die „Dauerbeschallung“ als „extrem unangenehm“.

Dieser Text erschien erstmals am 19. November 2025.