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Jazz-Schlagzeugerin Eva Klesse über Gendergerechtigkeit im Jazz. © Sally Lazic
Die Jazz-Schlagzeugerin Eva Klesse erhält den Deutschen Jazz-Preis 2025. Sie spricht über strukturelle Probleme für Frauen im Jazz.
Vor rund 100 Jahren hat sich ein ganz neues Musikgenre in den Gehörgängen festgesetzt: Der Jazz wurde populär. In einer Bestandsaufnahme lassen wir Experten des Jazz zu Wort kommen. Eva Klesse ist Musikerin des Jahres 2025, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jazz-Preis. Ihr Instrument: Schlagzeug. Weshalb das immer noch für Erstaunen sorgt, sie keine Studentinnen im Hauptfach Schlagzeug als Professorin an der Musikhochschule Hannover unterrichtet und Frauen generell im Jazz deutlich unterrepräsentiert sind, darüber haben wir mit ihr gesprochen.
Frau Klesse, herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Jazz-Preis als Musikerin des Jahres 2025. Was bedeutet Ihnen der Preis?
Ich war erst einmal überwältigt und hatte damit gar nicht gerechnet. Normalerweise wird man nominiert und weiß schon vorher so ein bisschen Bescheid. Aber in der Kategorie „Künstler*in des Jahres“ wird man gar nicht nominiert, sondern das wird von der Jury einfach festgelegt. Ich freue mich sehr, vor allem weil es auch laut Jurybegründung mehrere Facetten meiner Arbeit auszeichnet.
Wie sind Sie selbst zum Schlagzeug gekommen?
Mein Cousin hat Schlagzeug gespielt und da durfte ich das das erste Mal ausprobieren und fand das irgendwie cool – aber der Lehrer an der Musikschule war richtig cool – ein Typ mit Lederhose und so und ich glaube, damals mit zehn Jahren, war das ein Grund, das ich dachte, mit so einem Typ würde ich gerne ein bisschen rumhängen.
Welches Bild ergibt sich für Sie von Frauen im Jazz?
Es ergibt sich ein Bild, dass noch richtig viel zu tun ist. Ich glaube, was das Thema Diversität betrifft, gibt es mittlerweile eine Aufmerksamkeit, das ist schon mal ein erster Schritt. Aber ich glaube, da verweilen wir noch so ein bisschen. Es gibt Bestrebungen, zum Beispiel Jurys oder Kommissionen paritätisch zu besetzen, und darauf zu achten, dass mehr Frauen beteiligt sind. Aber das ist in vielerlei Hinsicht zu kurz gedacht.
Woran liegt das?
Das sind viele Punkte. Auf meiner letzten Platte gibt es einen Song, der heißt „You Cannot Be What You Cannot See“, das ist ein Zitat der afroamerikanischen Bürgerrechtlerin Marian Wright Edelman. Da geht es um das Thema der Sichtbarkeit von Vorbildern. Wenn man nicht weiß, dass es etwas gibt, weiß man gar nicht, dass man das sein kann. Und das merke ich sehr stark wenn ich spiele, vor allem auch in anderen Ländern, wo das vielleicht noch unüblicher ist, als Frau Schlagzeug zu spielen, dass dann ganz viele junge Frauen zu mir kommen und sagen, wie toll ich spiele und dass sie auch Schlagzeug spielen möchten. Das ist ganz generell und gesamtgesellschaftlich ein Punkt.
Worin liegt da Ihrer Meinung nach der Ursprung?
Wir haben noch ganz viele Stereotype in uns, veraltete Rollenklischees. Wir verbinden bestimmte Sachen mit männlich und weiblich, wir gehen schon mit kleinen Kindern, wenn sie männlich sind, anders um, als mit weiblichen und daraus ergibt sich alles. Die Wahl des Berufs, des Instruments, des Sports, der Klamotten, die fällt dann auf eine bestimmte Art und Weise aus, weil wir die jungen Leute so prägen, dass wir sie quasi beschneiden in ihren Ausdrucksmöglichkeiten, weil wir sagen, das ist das, was für dich vorbestimmt ist. Und da würde ich mir wünschen, dass wir alle miteinander daran arbeiten, weil ich glaube, dass wir alle dadurch freier werden – Männer, Frauen und alle dazwischen und außerhalb.
Wer hat sie inspiriert?
Ich hatte das Glück, tolle Lehrer zu haben. Ich gendere nicht, weil das waren alles Männer. Der mit der Lederhose, von dem ich vorhin gesprochen habe zum Beispiel. Aber das war nie ein Thema, er hat mich nie anders behandelt als die männlichen Schüler. Und ich bin auch nie auf die Idee gekommen, als ich jung war, dass ich etwas mache, was vielleicht ungewöhnlich ist. Und je weiter ich kam, habe ich ein paar Leute kennengelernt, zum Beispiel großartige Musiker*innen wie Julia Hülsmann. Sie war eine Art Mentorin für mich. Es gab ein paar weibliche Vorbilder, aber eben auch nicht viele.
Sie sprechen da von strukturellen Problemen, die es auch in anderen Genres gibt– welche Strukturen müssen da aufgebrochen werden?
Das sind viele Punkte und fängt damit an, erst einmal anzuerkennen, dass wir noch längst nicht an einem Punkt der Gleichstellung oder Gleichberechtigung angekommen sind. Daran scheitert schon vieles. Frauen haben eine andere Lebensrealität als Männer und Frauen in der Musik haben andere Startbedingungen und begegnen anderen Widrigkeiten als Männer das tun.
Welche sind das?
Das hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Ich glaube, diese direkt „in your face“ blöden Sprüche gibt es immer noch, aber das ist weniger geworden, dafür subtiler. Vor allem wütend machen mich die Sprüche und Narrative nach dem Motto „als Mann habe man ja heutzutage gar keine Chance mehr, eine Stelle zu bekommen“ oder eine bestimmte Person habe die Stelle nur bekommen, weil sie eine Frau ist. Da muss man aus meiner Sicht ganz vorsichtig sein, denn damit bedient man sich einer Form der Realitätsverzerrung, wie man das von populistischen Strömungen wie der AfD kennt. Fakt ist: von allen Hauptfach-Instrumental-Professuren im Bereich Jazz an deutschen Hochschulen sind 96 Prozent männlich besetzt, nur 4 Prozent weiblich. Wenn man den Gesang noch dazu nimmt, bleiben wir immer noch im einstelligen Bereich bei etwa 9,8 Prozent Frauenanteil. Das ist erschreckend und damit sind wir weit davon entfernt, was solche Sprüche andeuten möchten.
Und wie sieht es in Ihren Klassen an der Musikhochschule in Leipzig aus?
Was die Genderverteilung angeht, ergibt sich das Bild, dass ich seit acht Jahren Professorin bin und noch nie eine Studentin im Hauptfach Schlagzeug hatte. Und es ergibt sich auch das Bild – ohne aus dem Nähkästchen zu plaudern – dass Musikhochschulen, was das ganze Thema der Gleichstellung und Gleichberechtigung, Awareness, aber auch Machtmissbrauch angeht, erschreckend viel zu tun haben. Und es hilft nicht, dass dann eine Person wie ich reingebracht wird, dass ich versuche gegen die alten, lang gepflegten Strukturen und Traditionen zu kämpfen – das ist wirklich nicht so einfach.
Wir müssen also viel früher ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche Rollenbilder wir prägen?
Ja, absolut. Und da hat man gerade eher das Gefühl, dass wieder so ein Rückschritt in vielen gesellschaftlichen Themen stattfindet. Irgendjemand hat mal einen Artikel über die „Rosa- und Blauisierung“ geschrieben, dass wir da wirklich schon mal weiter waren. Es geht alles wieder in die binäre Richtung. Aber das sieht man auf der ganzen Welt, mit den konservativen, patriarchalen bis rechtsradikalen Strukturen, die sich da wieder hin wünschen, in diese schöne Einfachheit von Rosa und Blau.
Was raten Sie jungen Frauen, die gerne Berufsmusikerin werden möchten?
Bildet Banden, tauscht euch aus, lasst euch nicht unterkriegen und bezieht nicht alles auf euch – es ist nicht euer persönliches Problem, sondern es ist ein strukturelles Problem. Kämpft mit, wenn ihr Kraft habt, wenn ihr keine mehr habt, ist das auch okay, dann darf man sich auch mal zurückziehen und anderen den Kampf überlassen. Und vor allem: Glaubt an euch und eure musikalischen und künstlerischen Visionen.
Eva Klesse (39) wurde in Werl (NRW) geboren. Sie studierte Schlagzeug an den Musikhochschulen Leipzig, Weimar und Paris und schloss mit einem zweifachen Diplom ab. Klesse ist in zahlreichen musikalischen Projekten beteiligt, unter anderem in ihrem eigenen Eva Klesse Quartett. Seit 2018 lehrt sie als Professorin für Jazzschlagzeug an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.