05. Januar 2026
Roland Bathon

(Bild: LanKS / Shutterstock.com)
Messenger mit 97 Millionen Nutzern gedrosselt – doch der Widerstand kommt aus einer unerwarteten Richtung: Kinder protestieren vehement.
Das Jahr 2025 brachte in Russlands Internet weitere Einschränkungen mit sich, darunter Maßnahmen, die im Alltag vieler Nutzer unmittelbar spürbar wurden.
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Solche betrafen kurz nach der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 zunächst vorwiegend Plattformen, die in Russland im Alltag vieler Nutzer eine geringere Rolle spielten, wie Facebook, sowie unabhängige Medien- und Oppositionsangebote. Deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit lösten 2024 hingegen Einschränkungen und Drosselungen aus, die die Nutzung von YouTube in Russland erschwerten.
2025er Online-Einschränkungen treffen den Massenmarkt
2025 weiteten die Behörden die Einschränkungen jedoch auch auf Messenger-Dienste aus, die von vielen Menschen genutzt werden, wie WhatsApp (nach Schätzungen rund 97 Millionen Nutzer in Russland) oder Telegram (rund 90 bis 91 Millionen).
Anrufe über WhatsApp und Telegram wurden in Teilen des Landes zeitweise eingeschränkt; zudem berichteten Nutzer über Verlangsamungen. Die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor drohte WhatsApp am 28. November 2025 sogar mit einer vollständigen Sperre.
Parallel sank, so berichtet der Telegram-Kanal ZaTelekom, der sich auf eigene Messungen beruft, Ende Dezember die Verfügbarkeit von WhatsApp in Russland auf unter zehn Prozent der Verbindungsversuche.
Parallel werben staatliche Stellen für den Messenger Max, der per Regierungsanordnung seit dem 1. September 2025 auf Neugeräten vorinstalliert werden soll und auf den Chats und Dienstleistungen im staatlichen und halbstaatlichen Bereich bis hin zur Kindergarten-Elterngruppe verlagert werden sollen.
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Im Juli 2025 wurde selbst die Suche nach als „extremistisch“ eingestuften Inhalten im Netz – nicht nur deren Verbreitung – unter Strafe gestellt. Die Werbung für VPN-Dienste, mit denen sich Netzsperren umgehen lassen, wurde verboten, fast 260 von ihnen blockiert.
VPN-Dienste nutzen viele Menschen in Russland, um auf gesperrte Angebote zuzugreifen. Nach Schätzungen waren vor Kriegsbeginn 2021 noch etwa 200.000 Webseiten von der dortigen Aufsichtsbehörde für russische Nutzer gesperrt, Ende 2025 sind es 1,2 Millionen, also sechsmal so viele.
Kritiker warnen vor stärkerer staatlicher Kontrolle
Die Strategie wird von der exilrussischen Onlinezeitung Waschnye Istorii so interpretiert:
„Ohne Zugang zu vertrauten Angeboten werden die Menschen auf zensierte, inländische Alternativen ausweichen. Die Ideologie der tiefgreifenden Zensur, nach chinesischem Vorbild, setzt die Existenz von sozialen Netzwerken und Messenger-Apps voraus, die zwar attraktiv genug für die Nutzer sind, aber gleichzeitig von den Behörden kontrolliert werden. Politisch ungebundene Nutzer wählen den Komfort und wechseln zu neuen Produkten, wodurch die Protestierenden in einem unbequemen Ghetto zurückbleiben.“
(Waschnye Istorii vom 01.12.2025)
Wie gut diese Strategie aufgeht, hauptsächlich unter nicht regierungstreuen Russen, die weder aus ideologischen noch aus patriotischen Gründen russische Onlinelösungen gegenüber den Marktführern bevorzugen? Interessiert hat dies das exilrussische Medium Meduza. Diese hat zum Thema mehrere tausend ihrer Leser im Land befragt.
Die Teilsperren von WhatsApp und Telegram, die Verlangsamung von YouTube und VPN-Blockaden empfanden die Meduza-Leser als drängendste Online-Probleme für sich selbst. Mithalten konnte nur noch die wiederholte, zeitweise Abschaltung des mobilen Internets; die Behörden begründeten dies mit Drohnenangriffen.
Rund 90 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass die Behörden damit ein abgeschlossenes russisches Netz schaffen wollen – ein Szenario, das in der Debatte auch „Tschebunet“ genannt wird – nach einem aus Sowjetzeiten bekannten Teiggericht.
Umfrage: Trotz VPN geht Nutzung einzelner Dienste zurück
Die Restriktionen führen bisher nicht zu einer breiten Aufgabe der betroffenen Online-Dienste. Knapp 90 Prozent der befragten Leser nutzen aktuell VPN-Anbieter, wobei knapp zwei Drittel kostenpflichtige Apps bevorzugen, die auf Einschränkungen ihres Dienstes oft schneller reagieren. Die häufigste Anwendungsart für das VPN ist der Konsum von YouTube-Videos oder gesperrten Webseiten.
Dennoch sinkt die Nutzung von YouTube in der Breite. Während Anfang 2024 noch 80 Prozent regelmäßig den Videodienst nutzten, ging sowohl die örtliche Nutzerzahl seitdem um knapp 20 Prozent zurück als auch die Zahl der täglichen Konsumenten um etwa die Hälfte.
In diesem Bereich eher schwach aufgestellte russische Konkurrenten profitierten davon kaum, der Trend unter den Zuschauern ging eher wieder zurück zur Nutzung klassischer Medien. Wie stark YouTube in Russland weiter zurückgedrängt werden kann, hängt auch davon ab, wie wirksam VPN-Angebote weiterhin erreichbar bleiben. Aktuell schaut man mit den entstandenen Mühen nur noch, was einem wirklich wichtig ist, also seltener und ausgewählter.
Bei der Nutzung von Videotelefonaten zeigt die Meduza-Umfrage ebenfalls einen Effekt. Nur jeder zehnte Meduza-Leser in Russland nutzt VPN zur Fortsetzung von Videoanrufen über die gesperrten Dienste. Viele weichen tatsächlich auf russische Alternativen aus. Alternativen bieten unter anderem Dienste des VK-Konzerns an.
Den von staatlichen Stellen geförderten Messenger Max betrachten die meisten Meduza-Leser weiter mit großem Misstrauen. Nur etwa zwei Prozent nutzen die App, mit deren verordneter Anwendung sie sich nicht wohlfühlen. Viele Befragte äußern Sorge vor einer strengen Überwachung der App oder sogar des gesamten Handys über die Anwendung. Daran änderte auch eine intensive Werbekampagne wenig.
Selbst in offiziellen Statistiken erreicht Max keine mit Telegram oder WhatsApp vergleichbaren Marktanteile und nicht einmal halb so viele Installationen – trotz staatlicher Unterstützung und Vorgaben zur Verbreitung der App. Gegenüber der Onlinezeitung Verstka bezeichnete eine Quelle aus der innenpolitischen Abteilung des Kreml die massive Max-Kampagne als Fehlschlag.
Kinderprotest und Klage gegen Aufsichtsbehörde
Trotz eines politischen Klimas, das Menschenrechtsorganisationen seit Kriegsbeginn als zunehmend repressiv beschreiben, blieben Proteste angesichts der neuen, massiven Einschränkungen nicht aus. Sie erfolgten aber an überraschender Stelle und mit nicht weniger unerwarteten Methoden.
So wurde in Russland die südkoreanische Spieleplattform Roblox ebenfalls gesperrt, woraufhin beim Kreml zahlreiche Beschwerden russischer Kinder eingingen.
Allein die Leiterin der „Liga für Internetsicherheit“, Jekaterina Mizulina, berichtete auf ihrem Telegram-Kanal von 63.000 Briefen von Schülern, Studenten und Eltern an sie.
Offiziell wurde der Zugang von russischen Kindern zu Roblox eingeschränkt, weil sie dort „sexueller Belästigung ausgesetzt“ seien, „zu intimen Fotos verleitet und zu verdorbenen Handlungen und Gewalt gezwungen“ würden, heißt es in der in den Niederlanden herausgegebenen Moscow Times.
Auch die Messengerblockade von Telegram und WhatsApp erntet offenen Widerspruch. 42 Russen haben ihretwegen bei einem Moskauer Gericht eine Verwaltungsklage gegen die Aufsichtsbehörde und das zuständige Ministerium eingereicht. Ihr Klagevertreter Konstantin Larionov erklärte gegenüber dem Onlinemedium Bereg, es sei besser, auf dem Rechtsweg dagegen zu kämpfen. Larionov begründete die Klage hauptsächlich mit den praktischen Folgen im Alltag und mit Grundrechten:
„Die Menschen wenden sich an uns: Sie sind es leid, dass sie ihre Verwandten oder jemanden aus dem Ausland nicht anrufen können. Das ist eine Verletzung unserer verfassungsmäßigen Rechte.“
Und weiter:
„Meine Eltern nutzen WhatsApp. Das ganze Land nutzt es. Menschen im Alter meiner Eltern – über 50, 60 Jahre – nutzen das, woran sie gewöhnt sind. Sie sind daran gewöhnt, dass sie jederzeit ihren Sohn oder Enkel dort anrufen können, und plötzlich ist das nicht mehr möglich. In alltäglichen Dingen sind solche Einschränkungen natürlich sehr unangenehm. Vor allem für Menschen der älteren Generation.“
Larionov hält es für sinnvoller, gegen die Maßnahmen auf juristischem Weg zu protestieren – also gewissermaßen „auf dem Papier“ –, statt sich an öffentlichen Aktionen zu beteiligen und dadurch Festnahmen oder Geldstrafen zu riskieren. Das Gesetz, so Larionov, stehe aufseiten der Kläger; man werde die Angelegenheit „in einem absolut rechtlichen Rahmen“ klären.
Geholfen hat das Larionov und seinen Mitstreitern wenig: Das zuständige Moskauer Gericht stellte das Verfahren am 29. Dezember 2025 ein, wie der Pressedienst der Hauptstadt-Justiz mitteilte.
Zur Begründung hieß es, Larionov habe nicht nachgewiesen, dass er berechtigt sei, die Klage zum Schutz der Rechte der Betreiber von Telegram und WhatsApp einzureichen – eine inhaltliche Prüfung der umstrittenen Einschränkungen erfolgte damit nicht.