Wieder einmal zeigte sich, dass die Marienkirche in unmittelbarer Nähe zum Theater am Marientor ein wunderschöner Konzertort ist. Jetzt gastierte dort das preisgekrönte Ensemble „Les Essences“ unter Leitung von Önder Baloglu, den einige Musikfreunde auch noch aus seiner Zeit als Konzertmeister bei den Duisburger Philharmoniker kennen.

Auf dem Programm stand ein „außergewöhnliches Neujahrskonzert“, das viel Zuspruch fand; sogar mehr als erwartet, denn es mussten wegen des Besucherandrangs zusätzliche Stühle aufgestellt werden. Außergewöhnlich war der Abend, weil nicht nur musiziert, sondern auch gezaubert wurde. Das Motto „Die Zaubertrompete“ war gut gewählt, denn der Zauberer Clemens Ilgner war in Personalunion auch Solotrompeter. Ilgner zeigte vor der Pause einige seiner erstaunlichen Tricks, die das Publikum, darunter auch einen kleinen Jungen, der sich alles von ganz nah anschaute, verblüffte. Überaus witzig war auch Ilgners Plauderei. Selbstironisch berichtete er etwa, dass er als Vierzehnjähriger seinem Vater eröffnet habe, Berufsmusiker werden zu wollen. Sein Vater sei gleich einverstanden gewesen unter der Bedingung, dass der Sohn zusätzlich einen „ordentlichen“ Beruf erlerne. „Kein Problem“, habe er dem Vater geantwortet, „ich werde auch Zauberkünstler.“

Als Solotrompeter trat Clemens Ilgner in Alfred Baums „Konzert für Trompete, Klavier, Pauke und Streicher“ auf. Der Schweizer Komponist, der von 1904 bis 1993 lebte und sagenhafte 57 Jahre (!) als Organist an der reformierten Kirche Neumünster in Zürich arbeitete, nebenbei als Dozent und Pianist wirkte, schuf ein beachtliches kompositorisches Werk, das hierzulande vergleichsweise noch wenig bekannt ist. Wobei das in der Marienkirche aufgeführte dreisätzige Konzert das wichtigste sein dürfte. Kraftvolle fanfarenartige Trompetenklänge ragen da aus einem schillernden Klangteppich der Streichinstrumente heraus. Die Pauke hält stoisch den Takt, gleichwohl wird das interessante Werk durch jazzige Elemente aufgelockert.

Für viele Besucherinnen und Besucher dürfte dieses „Konzert für Trompete, Klavier, Pauke und Streicher“ und dieser Komponist eine Entdeckung gewesen sein. Überdies war das Werk ein schöner Kontrast zu den Walzern von Johann Strauss (Sohn), auf die sich wohl die meisten im Publikum gefreut hatten.

Zu recht, denn das Ensemble „Les Essences“ spielte die „Rosen aus dem Süden“, den „Schatzwalzer“, den „Lagunenwalzer“, den „Kaiserwalzer“ und „Wein, Weib und Gesang“ fabelhaft. Wobei nicht die „Originale“ von Johann Strauss junior, der meist mit 40 Musikern auf der Bühne stand, gespielt wurden, sondern die Bearbeitungen von Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg. Schmunzelnd erzählte Önder Baloglu, dass diese Komponistennamen normalerweise für einen Rückgang des Kartenverkaufs sorgen würden. Bei ihren Arrangements der Strauss-Walzer für kleinere Orchester wurde das Publikum aber nicht durch Zwölfton-Klänge verschreckt.

Im Gegenteil: Die Strauss-Walzer wirkten keineswegs reduziert, sondern grandios interpretiert und dabei bis zur Ohrwurm-Grenze erkennbar. So etwas ist nur möglich, weil die sieben beziehungsweise acht Musiker aus dem Ensemble erstklassig sind. Sie wurden begeistert gefeiert.

Nicht jedem gefiel allerdings, dass Önder Baloglu wie auch im Programmzettel zu lesen, auf die traurige Wahrheit zu sprechen kam, dass die Wiener Neujahrskonzerte im Jahr 1939 und in den fünf Jahren danach, Kostenpflichtiger Inhalt für Goebbels Propagandamaschinerie eingespannt wurden. Von der RP darauf angesprochen, sagte Önder Baloglu, dass er nicht verschweigen wolle, dass gute Musik in finsteren Zeiten missbraucht werden könne.

Die nächsten Konzerttermine in der Marienkirche sind am 25. Januar, 22. Februar, 8. März, 29. März, 12. April. Die Konzerte beginnen jeweils um 17 Uhr.