Ein Mann mit Bart und einer schwarzen Jacke über einem braunen Oberteil

AUDIO: Theaterintendant Vasco Boenisch: „Ich wurde sehr herzlich aufgenommen“ (5 Min)

Stand: 05.01.2026 14:33 Uhr

Vasco Boenisch ist seit 100 Tagen Intendant des Schauspiels Hannover. Auf der Theater-Homepage kann man lesen, dass er mit drei Bällen jonglieren kann – und mit vieren sehr kurz. Im Gespräch zieht er eine Zwischenbilanz.

Herr Boenisch, zum Anfang der Spielzeit schienen das noch ein paar mehr Bälle gewesen zu sein: zehn Premieren in sechs Wochen. Wie sicher haben Sie denn jongliert?

Vasco Boenisch: Zum Glück muss ich am Theater nicht ganz alleine jonglieren, sondern habe ein tolles Team. Aber ich würde in aller Unbescheidenheit sagen, dass es uns gelungen ist, die Bälle ganz gut in der Luft zu halten. Ich glaube, es war ein sehr aufregender, anregender Start in diese Intendanz am Schauspiel Hannover. Ich wurde sehr herzlich und sehr warm vom Publikum aufgenommen. Insofern bin ich erstmal ganz zufrieden.

Sie waren in Bochum leitender Dramaturg. Gibt es einen Unterschied, was das Publikum in Bochum und in Hannover angeht?

Boenisch: Ich spüre gar nicht so einen großen Unterschied. Vor allem spüre ich hier eine große Offenheit, auch eine große Unverstelltheit, eine Zuneigung und einfach Neugierde, dem Theater und auch uns, die wir dieses Theater hier machen, ganz unverkrampft zu begegnen. Da entsteht jetzt schon ein sehr schöner Austausch mit dem Publikum.

Vasco Boenisch, neuer Intendant des Schauspiel Hannover im Porträt

Mit „Pride“ von Falk Richter startet Intendant Vasco Boenisch am Schauspiel Hannover in die neue Saison. Er will Vielfalt und Nähe bieten.

Was sind die großen Herausforderungen? Worauf freuen Sie sich künstlerisch in diesem Jahr?

Boenisch: Wir versuchen mit unserem Theater, sowohl mit den Inszenierungen als auch mit Diskussionsveranstaltungen und Mitmachangeboten, nah am Puls zu sein, an dem, was in der Welt passiert. Das ist mit Planungsvorläufen nicht immer ganz so einfach, aber da wird noch einiges kommen in dieser Spielzeit. Themen wie: Wie schaffen wir es, das Menschsein in Zeiten von künstlicher Intelligenz zu bewahren? Wie gehen wir mit politischem Disputismus um? Wie zeigen wir jüdisches Leben in seiner ganzen Alltäglichkeit? Klimawandel, Rassismus, aber auch Privilegien, soziale Verantwortung und Emanzipation – das sind alles Themen, die in dieser Spielzeit noch kommen werden.

Wir erleben laufend, dass sich die Welt sehr schnell verändern kann, dass sie sich noch mehr verändern wird in diesem Jahr. Betrifft das auch das Theater?

Boenisch: Die Theater sind, strukturell gesprochen, in einem nicht kleinen Umbruchsprozess. Die finanziellen Ressourcen werden geringer, gleichzeitig steigen die Erwartungen an Arbeitszeit, Freizeit und Arbeitszufriedenheit, natürlich auch die Erwartungen des Publikums: „Armes Theater“ lockt heutzutage nur noch wenige Menschen hinterm Ofen hervor. Das ist ein Spagat, den wir hinkriegen müssen, wie wir sinnliches, attraktives, inspirierendes Theater mit schrumpfenden Ressourcen machen. Das ist tatsächlich etwas, womit sich die Theater auseinandersetzen müssen.

Muss das Theater bei aller Aktualität auch ein wenig Ablenkung bieten?

Boenisch: Ich denke, das war immer schon so beim Theater; die Mischung macht’s. Wir haben zum Beispiel im Spielplan ein Stück von Bestseller-Autorin Sibylle Berg, was eigentlich ein Antikriegsstück ist; es geht um Krieg in Europa, um Aufrüstung. Der Text hat aber einen so guten Humor, und Katja Riemann, die das bei uns spielt, macht das so großartig, dass diese Vorstellung immer ausverkauft ist. Wir haben es erst in einem kleineren, intimeren Rahmen gezeigt und gehen damit jetzt auf die große Bühne. Das zeigt mir, dass es auch ein Bedürfnis gibt, sich mit aktuellen Themen auf eine sinnliche und inspirierende Weise auseinanderzusetzen. Das gelingt uns bei den Inszenierungen immer wieder.

Eine Frau liegt auf dem Rücken auf einem dampfenden Podest auf der Bühne

Sybille Bergs „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.“ feiert Premiere am Staatstheater Hannover. In der Hauptrolle: Katja Riemann.

Was haben Sie sich persönlich vorgenommen für dieses Jahr?

Boenisch: Mehr weiter zuzuhören, sowohl in den Betrieb hinein als auch dem Publikum gut zuhören, weil das einfach viel Spaß macht. Ich habe im vergangenen Jahr Hausbesuche gemacht, wo ich zu den Menschen in die Wohnzimmer oder auf die Terrassen gegangen bin. Das werde ich auch diesen Frühsommer wieder machen, um über unser Programm zu sprechen.

Wichtig ist es im Theater auch, immer mal ein bisschen über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Was machen andere Theater, was passiert in der Welt? Diese Impulse wieder hierher zu bringen, das betrachte ich auch als meine Aufgabe, damit hier spannendes und wichtiges Theater passiert, was eine große Strahlkraft hat und was viele Menschen anzieht.

Was ist Ihr Kulturtipp fürs Neue Jahr? Was empfehlen Sie besonders?

Boenisch: Ich empfehle jetzt mal nichts von uns selbst – das wäre vielleicht ein bisschen zu eitel. Tatsächlich gibt es in Hannover – und das findet auch bei uns statt – zwei tolle Theaterfestivals: das Real Dance Festival für zeitgenössischen Tanz, was Ende Januar, Anfang Februar stattfindet. Und im Sommer gibt es die letzte Ausgabe von Anna Mülters Theaterformen, ein ganz wichtiges Theaterfestival, was dieses Jahr in Braunschweig stattfindet. Worauf ich mich auch freue, sind die OsterTanzTage, die in diesem Jahr zum ersten Mal unter dem neuen Ballettdirektor Goyo Montero an der Staatsoper Hannover stattfinden.

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