Sie war eine Meisterin der Texturen. Die Bauhaus-Künstlerin Anni Albers führte die Weberei zur Architektur. Das zeigt jetzt eine grosse Ausstellung im Zentrum Paul Klee in Bern.
Maria Becker, Bern05.01.2026, 05.30 Uhr
Die deutsche Künstlerin Anni Albers wurde nach 1949 zu einer festen Grösse in der abstrakten Kunstszene Amerikas. Bild: um 1960.
Josef Albers © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris
Die Weberei war wirklich nicht das, was sich die junge Anneliese Fleischmann als Berufung vorgestellt hatte. Die Tochter aus grossbürgerlichem Haus war selbstbewusst und kannte ihr Ziel. Anneliese wollte zur Architektur, wollte «arbeiten wie ein Mann». Sie fühlte sich als Ingenieurin, das Bauen sollte ihr Medium sein.
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Die Rebellion gegen die konservativen Eltern, die sich die Tochter allenfalls als Zeichnerin im Kunstgewerbe vorstellen konnten, hat die Suche nach dem eigenen Weg nur bestärkt. Doch wo war der Weg? Eines wusste sie sicher: Der Weg musste in die Moderne führen.
Nach einigen Fehlstarts – ein gescheiterter Versuch als Schülerin bei Oskar Kokoschka, dann zwei Semester an der Kunstgewerbeschule Hamburg – fand sie die einzig mögliche Schule der Moderne. Das 1919 gegründete Bauhaus in Weimar war innovativ und als Lehrkonzept einzigartig. Auch Frauen konnten hier studieren – was zu dieser Zeit in Deutschland nicht selbstverständlich war.
Allerdings reservierte man den Frauen ausschliesslich die Werkstatt für Weberei. Bei der Bewertung merkte Johannes Itten, charismatischer Guru der Vorkurse, an, dass Frauen Probleme mit dem dreidimensionalen Sehen hätten. Daher war die Weberei aus seiner Sicht für Frauen die einzige Option.
An die Architektur – für das Bauhaus die Kunst, die alle Künste vereinte – war also nicht zu denken. Anni Albers, die bald nach dem Eintritt in die Schule den dort lehrenden Josef Albers heiratete, fügte sich. Nicht ohne Widerstände stieg sie in die Weberei ein. Doch ihr war wohl bewusst, dass auch in diesem Handwerk eine Chance lag.
«Mein Anfang war alles andere als das, was ich mir erhofft hatte: Das Schicksal hat mir weiche Fäden in die Hände gelegt! Fäden, um eine Zukunft zu bauen? Aber aus den Vorbehalten wurde Zuversicht, und ich war auf dem Weg.» Die Sicherheit, mit der Anni Albers schon am Beginn ihrer Lehre ihre Zukunft erahnte, ist erstaunlich. Es war ja ein Weg, der mit einer unfreiwilligen Wendung begann.
Die Weberei ist ein schwerfälliges Handwerk, für Augen und Körper anstrengend. Zudem war die Lehre in der Bauhaus-Werkstatt nicht strukturiert. Genau da lag die Chance. Anni Albers erkannte bald, dass sie mit dem Weben experimentieren konnte. Sie erfand neue Materialkombinationen, spielte mit Texturen und Farben. Auch wurde ihr bewusst, dass das zunächst geschmähte Handwerk zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehörte.
Fäden auch auf Papier: Anni Albers‘ «Knot» ist eine Gouache von 1947.
Tim Nighswander © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris
Sprache ohne Worte
Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee ist die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz. Es gibt durchaus auch Nachholbedarf für das Werk. Albers, deren Name oft hinter dem ihres Mannes Josef Albers verschwindet, ist in Europa bei weitem nicht so bekannt wie in Amerika. Bereits 1949 zeigte das MoMA in New York die erste Einzelausstellung von ihr.
In den Jahren danach wurde sie zu einer festen Grösse in der abstrakten Kunstszene Amerikas. Und nicht zuletzt auch in der Architektur. Sie verfasste Publikationen zur Webkunst, die bis heute mehrmals verlegt wurden.
Die Beziehung zur Architektur blieb immer wichtig für Anni Albers. Im Zentrum Paul Klee steht dies im Vordergrund. Raumhoch leuchten ihre Wandteppiche und Raumgehänge im gedämpften Licht. Kostbare Leihgaben aus Museen und Institutionen zeigen, wie breit ihr Repertoire war und wie gross ihre Erfindungskraft.
Das meiste ist hier erstmals zu sehen. Man lernt eine Pionierin der späteren Fiber-Art und einfach eine überragende Meisterin der Texturen kennen. Albers sah die Weberei immer als Kunst. Was diese als künstlerisches Medium kann, hat sie ausgeschöpft.
Albers entwarf viele ihrer Arbeiten im Auftrag von Architekten, für öffentliche Gebäude und für Privatleute sowie Sakralbauten wie Synagogen. Einige ihrer grossen Werke sind hieratisch und überzeitlich, sie besitzen eine Art Sprache ohne Worte. Sie sind Zeichen.
In diesem Sinn war sie sich des Gewichts ihrer jüdischen Herkunft sicher bewusst. «Six Prayers» heisst eine grosse Arbeit aus sechs vertikalen Paneelen, die sie 1967 im Auftrag des Jewish Museum in New York webte. Es ist ein Epitaph zum Gedenken an die Opfer des Holocaust und auch Albers’ letzte Arbeit am Webstuhl. Danach wandte sie sich ganz der Grafik zu, dem Medium ihres Alterswerks.

© 2025 The Josef and Anni Albers Foundation/ProLitteris

Philipp Ottendörfer © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation/ProLitteris
Bild links: Anni Albers‘ «Camino Real» ist eine Arbeit aus Wolle und Baumwolle von 1968, (294 × 269 cm). Bild rechts: «Intersecting» titelt diese Baumwollarbeit von 1962 (40 × 42 cm).
Malereien mit Fäden
Die Ausstellung inszeniert die grossen Auftragsarbeiten zu Recht, da diese hier nur wenig bekannt sind. Doch der interessantere Teil von Albers’ Werk sind zweifellos die Arbeiten, die im freien Spiel der Texturen entstanden. Die Künstlerin war nach ihrer Emigration nach Amerika 1933 in einer Schule tätig, die noch weitaus experimenteller war als das Bauhaus. Im Black Mountain College in North Carolina konnte sie die Weberei wirklich neu erfinden.
Ornamentale Einflüsse aus Mexiko und Südamerika wurden dabei zur Offenbarung für Anni Albers. Sie verband sie mit frei komponierten Chiffren und erkannte, dass in diesen Zeichen das Nichtdarstellbare verborgen ist.
Albers’ «Pictorial Weavings» haben sich von der Webkunst im Grunde losgelöst. Sie sind wundersame Malereien mit Fäden, hochartifiziell und geheimnisvoll. Tritt man nahe heran an die Texturen, werden sie immer rätselhafter. Es ist eine Sprache ohne Worte, die etwas zu sagen scheint, ohne es preiszugeben. Nicht mehr gebunden an die Architektur, entfaltet sich Albers’ Kunst im begrenzten Raum des Gewebes als intuitive Schrift. Es ist ein Spiel, das offen bleibt für Deutungen.
Mit nahezu siebzig Jahren wurde die Arbeit am Webstuhl zu anstrengend. Anni Albers war auf der Suche nach einem neuen Medium und fand es in der Grafik. Und sah nochmals ein neues Land. Gerade weil die Webkunst mit der vertikal-horizontalen Bindung an Kette und Schuss immer einen strengen Rahmen vorgegeben hatte, lässt sie jetzt die Fäden tanzen: Sie verschlingen sich zu Knäueln, sie wackeln und sprengen das Gebäude der Webarchitektur.
Manche ihrer späten Aquarelle sehen aus wie eine brüchige Mauer. Das Gewebe hat sich befreit. Es lässt locker und darf auch Risse bekommen. Es ist nicht mehr so wichtig, dass es für lange Zeit hält.
«Sheep May Safely Graze» heisst diese 1959 entstandene Textilarbeit von Anni Albers.
© 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris
Anni Albers. Constructing Textiles. Zentrum Paul Klee, bis 22. Februar 2026. Katalog: Fr. 39.–.