
AUDIO: Interview mit Christoph Harer zum Tod von Lajos Rovátkay (6 Min)
Stand: 05.01.2026 17:22 Uhr
Als Pionier der historischen Aufführungspraxis hat Lajos Rovátkay das musikalische Leben der Stadt Hannover besonders mitgeprägt. Am Freitag ist der gebürtige Ungar im Alter von 92 Jahren in Hannover gestorben.
Lajos Rovátkay wurde 1933 in Budapest geboren und erhielt dort bereits mit sechs Jahren Klavierunterrricht. In den 1950er-Jahren studierte er dort Orgel am Konservatorium. 1956 floh er über Österreich in den Westen. In Hannover wurde er 1962 Hochschullehrer. Der Cembalist und Dirigent war in der niedersächsischen Landeshauptstadt unter anderem als Gründer des „Forum Agostino Steffani“ bekannt. Das Kulturprojekt findet seit 2014 jedes Jahr im September statt – mit dem Ziel, Musik und Geschichte zu vermitteln unter anderem mit Konzerten multimedialen Veranstaltungen und in Workshops.
Der Cellist Christoph Harer arbeitete im „Forum Agostino Steffani“ mit Lajos Rovátkay zusammen. Der Oldenburger hat unter anderem in Hannover Musikwissenschaften und Violoncello und in Bremen Barockcello studiert. Er ist als Cellist und im Management des Barockorchesters „La festa musicale“ tätig und konzertiert mit verschiedenen Barockorchestern in renommierten Konzerthäusern in Europa und Fernost.
Herr Harer, wie haben Sie die Nachricht vom Tod von Lajos Rovátkay aufgenommen?
Christoph Harer: Wir sind sehr traurig über den Tod von Lajos Rovátkay, aber vor allem sehr, sehr dankbar für alles, was wir von ihm gelernt haben und mit ihm musikalisch erleben durften.
Es war eine lange Zeit der Zusammenarbeit. Wie haben Sie Lajos Rovátkay in den letzten Jahren erlebt ?
Harer: Ich habe ihn vor gut 25 Jahren selbst kennengelernt, damals als junger Student. Intensiv wurde die Zusammenarbeit aber vor allen Dingen in den letzten zehn Jahren mit unserem Ensemble – in einer Zeit, wo Lajos Rovátkay selbst schon lange im Ruhestand war. Aber wenn es jemanden gegeben hat, für den das Wort Ruhestand so überhaupt nicht gepasst hat, dann war es Lajos Rovátkay. Der war derart in Unruhe, was Musik anging bis zuallerletzt. Ich kenne niemanden anderen, auf den das so zutrifft.
Er selbst ist 1956 aus Ungarn geflüchtet und dann nach Hannover gekommen. Wie haben Sie Lajos Rovátkay als Menschen wahrgenommen? Gibt es eine Anekdote, an die Sie sich besonders erinnern?
Harer: Rovátkay war ein unfassbar packender Charakter. Jemand, dem man sich eigentlich wirklich nicht entziehen konnte. Meine Besuche bei ihm oder unsere Begegnungen waren auf eine bestimmte Weise immer anstrengend und fordernd, aber im allerbesten Sinne. Denn mit Beschwichtigungen zu musikalischen Fragen oder mit Banalitäten hat er sich nie zufrieden geben wollen. So waren wir selbst immer herausgefordert, an die Substanz der Musik und der Themen, über die wir gesprochen haben, zu gehen.
Er selbst hat einmal gesagt: „Der Glaube, dass man etwas historisch getreu macht, war mal ein wichtiges Vehikel, aber das ist eine dumme Sache.“ Was hat er damit gemeint?
Harer: Ich denke, er hat damit gemeint, dass man natürlich die historischen Gegebenheiten niemals so nachstellen und nachahmen kann, dass sie für heutige Ohren gewinnbringend erklingen können. Deswegen war ihm immer gelegen, den Gehalt der Musik zu erkennen und hörbar zu machen.
Große Verdienste hat sich Rovátkay erworben bei der Wiederentdeckung des Komponisten Agostino Steffani. Außerdem haben Sie mit Rovátkay fünf Alben mit Musik von Gregor Josef Werner aufgenommen: Ein Komponist, den die wenigsten kennen dürften. Er war der heute kaum noch bekannte Vorgänger von Joseph Haydn am Hof Esterházy. War Rovátkay für Sie auch ein Pionier für solche besonderen Raritäten?
Harer: Unbedingt. Rovátkay hatte einen unfassbar guten Überblick über Quellen in bestimmten Zusammenhängen. Er kannte sich unglaublich gut aus im Repertoire des hannoverschen Hofes. Dort hat er, glaube ich, wirklich jede Quelle in der Hand gehabt, die aus musikalischer Sicht in irgendeiner Form relevant war. Genauso war es für die venezianische Schule, die am Wiener Hof im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hat. Dort hat er sich unglaublich gut ausgekannt und konnte auch treffsicher unterscheiden zwischen Musik, die zurecht vergessen ist und Schätzen, die unbedingt gehoben werden mussten. Er hat sich absolut nicht mit banaler Musik abgeben wollen und war immer auf der Suche nach emotional tiefer Musik.
Was Sie beschreiben, das klingt danach, als ob Lajos Rovátkay nicht nur musikalisch, sondern eben auch menschlich eine große Bereicherung gewesen ist für seine Musikerinnen und Musiker. Sie sind ja mit Ihrem Ensemble „La festa musicale“ in Hannover beheimatet, genau wie Rovátkay es war. Was bleibt aus Ihrer Sicht von dieser Persönlichkeit? Welchen künstlerischen Fußabdruck hinterlässt er?
Harer: Einen sehr, sehr großen. Man kann sagen, er hat sich in viele musikalische Herzen eingebrannt. Das ist das, was ihn ausgemacht hat: dieses Brennen für Musik! Ich kenne keinen Musiker, der ein derart starkes Feuer in sich gehabt hat, für die Musik, die er liebte. Ich glaube, damit hat er Generationen von Musiker:innen in Hannover und weit darüber hinaus geprägt: mit diesem Feuer, mit dieser unvergleichlichen Begeisterung für Musik.
Das Gespräch führte Philipp Cavert.

La festa musicale spielt unter dem Motto „Eine große Nachtmusik“ Werke von Vivaldi, Mozart und anderen.

Das Auftaktkonzert der vierteiligen Barockmusik-Konzertreihe fand in der Galerie Herrenhausen in Hannover statt.
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