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Skandinavische Länder dominieren das Stromnetz-Ranking. Deutschlands Energiewende zeigt noch Schwächen.
Cologny/Genf – Der Energy Transition Index (ETI) 2025 des World Economic Forum offenbart eine ernüchternde Realität für Deutschland: Beim weltweiten Vergleich der Stromnetze und Energiesysteme landet die Bundesrepublik lediglich auf Platz 9. An der Spitze dominieren skandinavische Länder, die mit ihrer konsequenten Energiepolitik und innovativen Netzinfrastruktur internationale Standards setzen.
Dänemark führt das Ranking mit einem ETI-Score von 71,6 Punkten an. Das Land gilt als weltweiter Vorreiter bei der Integration erneuerbarer Energien ins Stromnetz und verfügt über eine umfassende Politikstrategie für den Netzumbau. Mit seinem ehrgeizigen Ziel der Klimaneutralität bis 2045 und massiven Investitionen in Offshore-Windkraft sowie Wasserstoff-Infrastruktur setzt Dänemark Maßstäbe im Hinblick auf Netzstabilität und Zukunftsfähigkeit.
Skandinavien setzt internationale Maßstäbe: Deutsche Energiewende mit gemischter Bilanz
Schweden folgt auf Platz 2 mit 77,5 Punkten und überzeugt durch die intelligente Kombination erneuerbarer Energien mit digitalisierten Netzen. Das Land profitiert von seinem sauberen Energiemix aus Biokraftstoffen, Kernenergie und Abfallverwertung sowie einem erstklassigen Innovationsökosystem. Finnland (Platz 3) mit 71,8 Punkten und Norwegen (Platz 4) mit 71,5 Punkten komplettieren die nordeuropäische Dominanz.
Der Energy Transition Index bewertet Länder anhand zweier Hauptkategorien: Systemleistung misst, wie zuverlässig, sicher und gerecht ein Stromnetz funktioniert – also Versorgungssicherheit, Stabilität und Kosten. Übergangsfähigkeit beschreibt, wie gut ein Land auf erneuerbare Energien umstellt, Investitionen tätigt und regulatorische Rahmenbedingungen schafft. Deutschland erreicht mit einem Gesamt-Score von 68,8 Punkten zwar die Top 10, bleibt aber deutlich hinter den Erwartungen zurück. Es zeigt sich zudem eine klare Diskrepanz zwischen den beiden Bewertungskategorien: Die Übergangsfähigkeit des Landes schneidet mit 71,9 Punkten stark ab, was die Fortschritte bei der Energiewende widerspiegelt. Doch die Systemleistung erreicht nur 66,7 Punkte und bleibt damit deutlich hinter den Spitzenreitern.
Windkraftanlagen in Dänemark: Das skandinavische Land führt das globale Stromnetz-Ranking 2025 an und gilt als Vorreiter bei der Integration erneuerbarer Energien. © IMAGO / Zoonar
Kleinere Länder überraschen mit starker Performance
Bemerkenswert ist die Leistung kleinerer europäischer Staaten, die Deutschland teilweise überholen. Portugal belegt Platz 10 mit 68,6 Punkten und zeigt trotz einzelner Stromausfälle eine beeindruckende Systemleistung von 70,1 Punkten sowie eine Übergangsfähigkeit von 66,4 Punkten. Das Land profitiere von seiner expandierenden Windenergie und großen Investitionen in Netzmodernisierung sowie Wasserstoff-Entwicklung.
Die Schweiz erreicht Platz 5 mit 71,0 Punkten dank ihres ausgewogenen Energiemixes aus Wasserkraft, moderner Speichertechnik und robuster Netzarchitektur. Österreich (Platz 6) mit 70,6 Punkten profitiert von seiner Wasserkraft-Tradition und stabilen Netzstruktur, während die Niederlande (Platz 8) mit 69,2 Punkten durch massive Investitionen in Offshore-Windkraft und moderne Netztechnik überzeugen.
Investitionsbedarf bei Netzstabilität erkennbar
Der ETI 2025 verdeutlicht die strukturellen Herausforderungen für Deutschland. Während 65 Prozent aller bewerteten Länder ihre Scores verbesserten, zeigt sich bei der deutschen Systemleistung noch erheblicher Nachholbedarf. Experten sehen vor allem bei Netzstabilität, Speicherlösungen und intelligenter Steuerung von Lastspitzen Verbesserungspotenzial. Das World Economic Forum betont in seinem Bericht, dass die „Modernisierung der Energieinfrastruktur, insbesondere Netze, Speicher und Verbindungsleitungen“ eine der fünf Prioritäten für den Aufbau von Resilienz darstellt. Die schnelle Expansion von KI-getriebenen Rechenzentren belaste zusätzlich die Stromnetze und erhöhe den Energiebedarf, was möglicherweise Investitionen in saubere Energien verdränge.
International zeigt sich ein gemischtes Bild: Saubere Energieinvestitionen erreichten über zwei Billionen US-Dollar, doch das jährliche Wachstum verlangsamte sich auf elf Prozent gegenüber 24 bis 29 Prozent in den Vorjahren. Trotz kontinuierlicher Expansion erneuerbarer Energien und verbesserter Energieeffizienz erreichten energiebedingte CO₂-Emissionen ein Rekordhoch von 37,8 Milliarden Tonnen. Für Deutschland bedeutet das konkret: Mehr Investitionen in Netzstabilität, Speicherlösungen und smarte Steuerung, wie zum Beispiel den Smart-Meter-Rollout, sind nötig, um international den Anschluss nicht zu verlieren. Deutschland stehe vor der Herausforderung, seine starke Position bei der Übergangsfähigkeit durch deutliche Verbesserungen bei der Systemleistung zu ergänzen. (ls)