Schon in mesopotamischen, sumerischen und altägyptischen Schriften gilt Lyrik als schöpferische Kraft. Im Alten Testament entsteht die Welt durch das gesprochene Wort und auch in indigenen Kosmologien besitzen Worte die Macht, Wirklichkeit hervorzubringen. Die Poetica 11 kehrt zurück zu diesen magischen Ursprüngen von Sprache und widmet sich zugleich den mit ihr verwobenen sozialen Ungleichheiten, pluralen (Klima-)Krisen und Kriegen unserer Gegenwart.
Elf internationale Autorinnen und Autoren sind in Köln zu Gast
Kuratorin Rike Scheffler hat elf internationale Autorinnen und Autoren sowie Musikerinnen und Musiker eingeladen, die in öffentlichen Lesungen, Performances und Diskussionen das heutige Verhältnis von magischen, weltgestaltenden Sprechakten und Aktivismus erkunden. Sie stärken Stimmen des Widerstands, beschwören den Gesang bedrohter Wale, bringen den sprachlichen Klangzauber zum Vorschein und singen von artenübergreifender Verbundenheit. Während der Poetica gehen sie gemeinsam poetische Wege der Solidarität, des Zusammenlebens und Widerstands nach. Eingeladen wurden Asmaa Azaizeh, Alhierd Bacharevič, Natalie Diaz, Haytham El-Wardany, Angélica Freitas, Sarah Howe, Sofia Jernberg, Ursula Krechel, Mélissa Laveaux, Mette Moestrup und Daniela Seel.
Die Auftaktveranstaltung des Festivals findet am 26. Januar ab 19 Uhr in der Aula der Universität statt. Dabei geht es um die Frage, was Poesie und Magie miteinander verbindet.
Poesie entsteht dort, wo wir uns einander und der Welt zuwenden, Aufmerksamkeit schenken. Magie heißt, sich zu öffnen, für Verwandlung, Verwundbarkeit, das Noch-nie-Dagewesene. An diesem Abend wird zu entdecken sein, wie die internationalen Autoren und Musiker der Poetica im Talisman unter dem Kissen, im Schmetterlingsnebel, in Kindersprachen und in den Klangursprüngen menschlicher Sprache Wege des Miteinanders finden. Zum Auftakt spüren Autoren und Künstler in Konzert, Lesung und Gespräch mit Kuratorin Rike Scheffler den magischen Potenzialen poetischer Sprache nach. Am Tag darauf wird um 14 Uhr im Tagungsraum des Seminargebäudes der Uni unter dem Titel „Poetry as Illumination“eine öffentliche Diskussion mit den Autoren der Poetica, die das Thema des Vorabends fortführt.
Am 17. Januar findet auch ab 19 Uhr in der Kulturkirche in Nippes unter dem Titel „Ich bin die Stimme nicht, die spricht, wer spricht“ einen Mix aus Performance, Lesung und Gespräch statt. Es ist altes Wissen, dass vor dem Wortzauber der Klangzauber liegt. Wenn die menschliche Stimme zu sprechen beginnt, schöpferisch etwas ins Leben ruft, oder ihm beschwörend hinterherruft, macht sie sich den Dingen ähnlich und erweitert sich um bis dato unbekannte Klänge. Die Sängerin und Komponistin Sofia Jernberg zelebriert mit ihrem fulminanten A-Capella-Stück „One Pitch: Birds for Distortion and Mouth Synthesizers“ diese zeitlosen, mündlichen und musikalischen Komponenten von Poesie. Um den „mimetischen Zauber“ der Sprache wissen die Texte der Georg-Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel. Durch ihre Gedichte weht der „Zischelwind“ des poetischen Denkens, mit dem sie Machtmechanismen und Ausgrenzung thematisiert oder fragt, was Schönheit ist: „Gerettet. Bedroht“.
Eine weitere Veranstaltung mit Musik und Literatur gibt es am 28. Januar ab 19 Uhr im Alten Pfandhaus. Gemeinsam wird die innere Alchemie von Gedichten, rituelle und planetare Zaubersprüche, Beschwörung und Fluch erkundet. Die deutsche Dichterin Daniela Seel sucht in ihrem Langgedicht „Nach Eden“ eine feministische Sprache, die erzählt, wovon Wissenschaft wenig weiß: von Geburt, Sterben und Verletzlichkeit. Die in Hongkong geborene Dichterin Sarah Howe windet in ihrem Gedichtband „Foretokens“ DNA-Stränge aus Zeilenenden. „Lässt sich die Zukunft milde stimmen?“ fragt die dänische Dichterin Mette Moestrup – und präsentiert mit „Butterfly Nebula“ eine leuchtend rote, hymnische Sammlung. Auch die Lieder der haitianisch-kanadischen Musikerin Mélissa Laveaux klingen wie Erinnerungszauber.
Weitere Veranstaltungsorte der „Poetica 11“ sind unter anderem: am 29. Januar, 19 Uhr, das VHS-Forum im Kulturquartier am Neumarkt, mit einer Lesung mit Alhierd Bachaharevic, Haytham El-Wardany und Joyelle McSweeney und am 30. Januar, 19 Uhr, das Filmforum im Museum Ludwig mit einer Lesung mit Asmaa Azaizeh, Natalie Diaz und Angélica Freitas.
Den Abschluss des Festivals gibt es mit „Komm – in die grüne Nacht“ am 31. Januar ab 20 Uhr im Depot 2 des Schauspiels in Mülheim. „Come – into the green night“, ruft Natalie Diaz, „I am the alchemist of ink“. Oft ist es die Dunkelheit, die neue lebendige Sichtweisen bringt. Im Dunkeln heilt, was das Licht nicht richten kann. Zum großen Finale der Poetica kehren die Autoren mit Ensemblemitgliedern des Schauspiel Köln noch einmal auf die Bühne zurück. Gemeinsam versammeln sie die Höhepunkte der Woche und beschwören, was im Verborgenen wirkt: das Nicht-Übersetzbare, Unbekannte, das sich nicht festlegen lässt.
Informationen zum gesamten Festival mit allen Veranstaltungen finden sich online unter: