Der großflächige Stromausfall in Berlin bewegt viele Menschen zu spontanen Hilfsaktionen. Manche bieten auch Fremden Schlafplätze an. Wird das Angebot angenommen?

05. Januar 2026 um 18:00 UhrBerlin

Ein Artikel von

Maria Neuendorff

Zettelwand

An der Pinnwand im Foyer des Rathaus Zehlendorf in Berlin haben Bürger Zettel angebracht, auf denen sie während des Stromausfalls Betroffenen unter anderem warme Schlafplätze anbieten.

Maria Neuendorff Zusammenfassung Neu

  • Stromausfall in Berlin-Zehlendorf: Seit dem 3. Januar sind bis zu 50.000 Haushalte betroffen.
  • Viele Berliner bieten Schlafplätze, warme Duschen und Hilfe an – spontane Solidarität wächst.
  • Marin Piazza aus Kreuzberg stellt Zimmer bereit, doch viele Betroffene kehren aus Sorge um Einbruch in ihre Wohnungen zurück.
  • Bundeswehr stellt Feldbetten bereit, doch viele nutzen Hilfe nur tagsüber. 30.000 Haushalte bleiben ohne Strom.
  • Linksextreme Gruppe „Vulkangruppe“ bekennt sich zu Brandanschlag – Betroffene fühlen sich belastet.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

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Der großflächige Stromausfall in Berlin, der bereits am Sonnabend (3.1.) begann, bewegt viele Menschen zu spontanen Hilfsaktionen. Einige bieten sogar Fremden Schlafplätze an.

Berlin leidet unter Wohnungsnot. Doch in Ausnahmesituationen wie derzeit beim großen Stromausfall in Zehlendorf scheint die Stadt noch einmal dichter zusammenzurücken. „Biete Unterkunft für Familien“, steht auf einem der vielen Zettel an der Pinnwand im Bürgeramt in Berlin-Zehlendorf geschrieben.

Neben warmen Schlafplätzen bieten dort Menschen aus anderen Bezirken auch Fahrservice, warme Duschen, Power Banks und Camping-Kocher an.

Stromausfall: Leben im Ausnahmezustand

„Der Gedanke, irgendwie zu helfen, kam uns am Sonntagmorgen ganz spontan“, erklärt Marin Piazza aus Kreuzberg. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern (10 und 12) habe er eigentlich am Frühstückstisch wie immer die gemeinsame Sonntagsplanung besprechen wollen, da kam in den Nachrichten, dass der Stromausfall nach dem Brandanschlag am Sonnabend bis Donnerstag anhalten könnte.

„Nee, das geht nicht“, dachte sich Piazza. „Während wir es gut und warm haben und überlegen, ob wir einen Schal stricken oder Siedler von Catan spielen wollen, leben die Menschen nur paar Kilometer weiter im Ausnahmezustand“, erklärt der Kita-Erzieher seine Gefühle. Gemeinsam beschließt die Familie, das Zimmer der großen Tochter, die gerade bei ihrem Freund ist, als Schlafmöglichkeit anzubieten.

„Für Familien, Senioren oder Menschen mit Haustieren“, schreibt Piazza auf einen Zettel. Während seine Frau und der Sohn die Wohnung aufräumen, schnappen sich er und die zwölfjährige Tochter ein Mietauto und fahren nach Zehlendorf. Im Internet haben sie sich vorher Anlaufpunkte für die Betroffenen herausgesucht.

Womit sie nicht gerechnet haben: „Plötzlich waren wir auch im Funkloch, ohne Handyempfang und Nawi. Das war natürlich etwas blauäugig, und ich hatte schon Angst, dass wir den Mietwagen so gar nicht abstellen können.“

Stromausfall in Berlin: Schlafen in der ausgekühlten Wohnung

Letztendlich landen sie im Rathaus Zehlendorf. Dort sprechen sie Familien an und bieten ihr Zimmer an. Doch die meisten wollen nur die kalten, dunklen Abendstunden dort überbrücken und nachts zum Schlafen in die ausgekühlten Wohnungen zurückkehren, auch aus Angst, dass Einbrecher die Situation ausnutzen könnten.

Dazu hat die Bundeswehr Feldbetten im Rathaussaal aufgestellt. „Viele hatten auch die Hoffnung, dass der Zustand schnell wieder vorbei ist“, berichtet der Berliner. Die linksextremistische Vulkangruppe hat sich bekannt, den Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde verübt zu haben.

nach und nach werden immer weitere Straßenzüge wieder an das Strom- und Fernwärmenetz angeschlossen. Bis Montagnachmittag waren von ursprünglich rund 50.000 betroffenen Haushalten noch rund 30.000 ohne Strom.

„Man hat aber auch gemerkt, dass die meisten Menschen unsicher waren und Scham hatten, uns zur Last zu fallen“, berichtet der Vater. So wie eine ukrainische Familie, die zu siebt war und meinte, das wäre zu viel für die Kreuzberger Wohnung.

Hilfsbereitschaft ist nach Stromausfall immens

Marin Piazza hätte auch diese Anzahl mitgenommen, wenn die Familie nicht dankend abgelehnt hätte. „Wir haben ein Hochbett, eine Schlafcouch und noch zusätzlich Platz, um Matten auszulegen“, sagt der Familienvater. „Man sollte sich nicht so schnell abschrecken lassen, sondern einfach handeln. Es gibt immer eine Lösung“, findet der 38-Jährige.

Vielleicht liegt der Ursprung seiner spontanen Hilfsbereitschaft auch darin begründet, dass er selbst in sehr bescheidenen Verhältnissen groß geworden sei, sagt Piazza, wenn man ihn nach seinen Beweggründen fragt.

Eines der Hilfsangebote in der Nachbarschaft für Menschen, die in Berlin vom Stromausfall betroffen sind.

Eines der Hilfsangebote in der Nachbarschaft für Menschen, die in Berlin vom Stromausfall betroffen sind.

Maria Neuendorff

„Die Hilfsbereitschaft ist generell gerade immens, vielleicht tut das der Stadt, in der so viel gemeckert wird, auch mal ganz gut“, sagt Sonja Reinhard*. Bei ihr, ihrem Mann und dem erwachsenen Sohn hätten sich seit dem Stromausfall so viele Menschen gemeldet und Übernachtungsmöglichkeiten angeboten. „Das waren nicht nur Familie und Freude, sondern auch entfernte Bekannte und Kollegen.“

Letztendlich kann die kleine Familie zu dritt die Zeit bis Donnerstag in der Wohnung ihrer besten Freundin in Schöneberg überbrücken. „Da haben wir großes Glück, denn in den ausgekühlten Wohnungen hältst du es irgendwann nicht mehr aus.“

Endzeitstimmung auf der Straße in Berlin

Dazu herrsche im Südwesten der Stadt ein fast schon gruseliges Szenario. „Auf den Straßen sind nur Polizei und Hilfskräfte zu sehen, das hat was von Endzeitstimmung, das macht auch psychisch was mit einem“, berichtet die Frau mit den blonden langen Haaren.

Dazu käme das schlimme Gefühl, dass es sich bei dem Stromausfall nicht um höhere Gewalt handele, sondern dass Menschen anderen Menschen bewusst Schaden zugefügt haben. „Die Vulkangruppe wollte mit ihrem Anschlag erreichen, dass wir innehalten und darüber nachdenken, was wir der Welt antun“, sagt die 53-jährige Bankangestellte. „Doch wie soll ich das, wenn ich damit beschäftigt bin, unsere älteren Familienmitglieder aus ihren Wohnungen zu holen und irgendwo unterzubringen.“

Die 88-jährige Mutter ihres Mannes habe man im Hotel unterbringen müssen. „Das ist jetzt vielleicht Jammern auf hohem Niveau. Da gibt es aber noch genug andere, mit weniger Möglichkeiten, die niemanden haben“, sagt Sonja Reinhard.

Auf das Hilfsangebot von Marin Piazza an der Pinnwand im Rathaus Zehlendorf hatte sich bis Montagnachmittag noch niemand gemeldet. Selbst wenn das so bleiben sollte, glaubt er, dass seine Aktion nicht umsonst gewesen ist. „Schon Hilfe anzubieten, zeigt den betroffenen Menschen doch auch, dass sie nicht alleine mit ihrer Situation sind“, findet der Kreuzberger. „Einfach tatenlos zuzusehen, ist jedenfalls keine Option.“

*Name von der Redaktion geändert.