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Eintracht Frankfurt investiert im Winter überraschend in die Offensive. Dabei hat der Klub die meisten Gegentore aller Spitzenteams kassiert.
Frankfurt – Wer sich die Transferaktivitäten der Frankfurter Eintracht in diesem Winter genauer ansieht, stellt rasch fest, dass der Champions-League-Teilnehmer den Fokus ganz klar auf die Offensive gelegt hat. Zweitliga-Torjäger Younes Ebnoutalib kommt für acht Millionen von der SV Elversberg, Flügelspieler Ayoube Amaimouni-Echghouyab für 200 000 Euro von der Zweitvertretung der TSG Hoffenheim und der 17 Jahre alte Mittelfeldspieler Love Arrhov für 4,5 Millionen von IF Brommapojkarna.
Bei der Eintracht soll wieder mehr Schärfe ins Spiel. © Jan Huebner
Hinzu soll noch anheuern: Angreifer Arnaud Kalimuendo von Nottingham Forest, der bald 24-Jährige soll erst einmal ausgeliehen werden, könnte dann im Sommer für verdammt viel Geld, mehr als 25 Millionen Euro, fix verpflichtet werden. Das ist der Plan. Doch aktuell stocken die Verhandlungen. Vielleicht ist er auch noch am Dienstagabend beim bedeutungsvollen Spiel des abstiegsbedrohten Klubs aus Nottingham gegen West Ham dabei.
Eintracht Frankfurt in der Fair-Play-Tabelle ganz vorn dabei
Die Eintracht hat noch andere Kandidaten im Blick. Einzig der für vier Millionen Euro erworbene Keita Kosugi (Djurgardens IF) fällt aus diesem Raster. Der Japaner ist Linksverteidiger, eingeplant als Backup für Nathaniel Brown – wenn dieser im Sommer für ganz viele Millionen den Verein verlassen wird. Diese offensive, auf Offensive ausgelegte Transferpolitik mag auf den ersten Blick überraschen, schließlich hat die Eintracht nach Leverkusen und den Bayern die meisten Tore geschossen.
30 an der Zahl in 15 Bundesligapartien, dafür aber so viele gefangen wie ein Abstiegskandidat, ebenfalls 30, nur der 1. FC Heidenheim hat noch mehr Gegentreffer (34) schlucken müssen. Hinzu kommen noch 16 Einschläge in sechs Champions-League-Spielen, von 36 Teilnehmern gibt es ebenfalls nur einen, der mehr hinnehmen musste: Ajax Amsterdam mit 18. Warum also nicht eher in der Defensive nachbessern, um die Schießbude irgendwie zu schließen?
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Auf den ersten Blick erschiene das logisch, auf den zweiten nicht. Der Defensivverbund der Frankfurter ist zwar anfällig, aber dafür gibt es gute Gründe. Anhaltende Formtiefs, mentale Rückschläge, Verletzungen oder individuelle Bolzen, die nicht nur, aber auch auf die durchaus riskante Spielweise zurückgehen. Die Eintracht hat die stete Absicht, sich von hinten nach vorne zu kombinieren, was gerade dann Gefahren birgt, wenn die Spieler nicht vor Selbstvertrauen strotzen oder nicht das technische Rüstzeug mitbringen.
Und es ist eine Frage der allgemeinen Herangehensweise. Die Mannschaft muss eine andere Kompaktheit an den Tag legen, das fängt ganz vorn an und zieht sich bis hinten durch. Sie muss eine andere Widerstandsfähigkeit zeigen. Vorstandsboss Axel Hellmann hat, völlig zu Recht, nicht aus Jux und Dollerei mehr Intensität und Aggressivität gefordert.
Kein Wunder, dass die Eintracht zumindest die Fair-Play-Tabelle locker anführt, kein Team war anständiger, was nicht zwingend negativ sein muss, aber auch ein bisschen was aussagt. Gefühlt waren die meisten der 23 Gelben Karten sogar eine Folge von Meckerei. Zudem: Auch die ewige Ballschieberei turnte die Menschen, gerade in Heimspielen, nur noch ab; Brachiales, Raketenhaftes, Überfallartiges vermissten sie, vieles war schwergängig und langatmig. Keine Büffel weit und breit.
Eintracht-Probleme im Angriff
Insofern ist es an Trainer Dino Toppmöller, eine andere Schärfe und Angriffslust in der Truppe zu implementieren. Schon jetzt gilt wieder, was vor zwei Jahren galt: mehr Heavy Metal, weniger Klassik. Keep it simple. Nicht alles verkomplizieren, nicht alles verkopfen. Das ist des Trainers Auftrag für das zweite Halbjahr, auch intern klar kommuniziert.
Das klare Ziel, unabhängig von der Platzierung im Klassement: Wo Eintracht draufsteht, soll auch wieder Eintracht drinstecken. Das war zuletzt nicht mehr so. Weil Topstürmer Jonathan Burkardt noch bis in den Februar ausfallen wird und der gerade verliehene Elye Wahi jetzt mit seinem Traumtor für Nizza klar bewiesen hat, dass er Tore kurioserweise nur in seiner Heimat schießen kann, ist es absolut nachvollziehbar, in vorderster Linie nachzubessern.
Zumal auch ein Spieler wie Jean-Matteo Bahoya in seiner Entwicklung stagniert. Der junge Franzose fehlte am Montag im Training erkrankt; Gerüchte, wonach er vor einem Wechsel in die Premier League zu Spitzenreiter FC Arsenal stünde, räumte Sportdirektor Timmo Hardung mit einem Schmunzeln ab: „Wäre mir neu.“ Wäre auch lachhaft. Was die Frankfurter mit den bisherigen Transfers schon geschafft haben: Die dunklen Wolken über dem Stadtwald haben sich erst einmal verzogen.
Es ist eine gewisse Aufbruchstimmung zu spüren – obwohl keiner der Neuen Bundesligaerfahrung vorzuweisen hat. Dass aber einer wie Younes Ebnoutalib eine Menge Eintracht-DNA mitbringt, ist diesem Gefühl weiter zuträglich. Gleichwohl: Alles steht und fällt mit den Auftritten auf dem Platz. Erster Gradmesser: Freitagabend, Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Spannende Geschichte.