US-Präsident Donald Trump hat mit der kaum verhüllten Drohung, Grönland zu annektieren, Alarmstimmung in Deutschland und Europa ausgelöst. Die Bundesregierung warnte am Montag eindringlich: „Grenzen dürfen nicht mit Gewalt verschoben werden.“ Vizeregierungssprecher Sebastian Hille sagte: „Gebiete dürfen nicht zwangsweise annektiert werden.“

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter sagte unserer Redaktion: „Die Bedrohungslage für Grönland ist sehr ernst und real.“ Wer Trumps „Make America Great Again“ bisher nur als wirtschaftlichen Slogan verstanden hat, habe ihn missverstanden. „Trump nimmt diesen Satz wörtlich – auch territorial.“ Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) mahnte Gespräche innerhalb der Nato über eine Stärkung der Verteidigung an. Droht schon bald eine Eskalation – und am Ende sogar ein militärischer Konflikt zwischen den USA und Europa um Grönland?

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Trump hatte die – notfalls auch militärische – Eingliederung Grönlands in die USA schon Anfang 2025 angekündigt. Spätestens mit der US-Militäraktion in Venezuela hat die Debatte eine neue Schärfe bekommen. Trump sieht sich nun ermutigt zu weiteren Interventionen: „Wir brauchen Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit, und Dänemark wird nicht dazu in der Lage sein“, erklärte der Präsident am Sonntagabend. „Wir werden uns in rund zwei Monaten um Grönland kümmern.“ Dann verkürzte Trump den Zeithorizont gleich noch: „Lassen Sie uns in 20 Tagen über Grönland sprechen.“ Schon kurz vor Weihnachten hatte er Jeff Landry, den Gouverneur von Louisiana, zum Sonderbeauftragten für Grönland erklärt, der das Ziel einer Annexion umsetzen soll.

Trump meint es ernst. Eine Kampfansage an Europa. Grönland mit seinen nur 57.000 Einwohnern gehört zum EU-Mitglied Dänemark, ist aber weitgehend autonom. Die größte Insel der Welt liegt überwiegend unter ewigem Eis, hat für die USA indes strategische Bedeutung. Hier befindet sich schon seit den Zeiten des Kalten Krieges die nördlichste US-Luftwaffenbasis weltweit und ein wichtiges Frühwarnsystem zum Schutz vor einem möglichen Raketenangriff aus Russland. Gleichzeitig besitzt Grönland riesige Bodenschätze. Auch Russland und China interessieren sich für die Insel, die wegen der Eisschmelze in der Arktis noch an Bedeutung gewinnt.

Die USA sind bereits mit Militär in Grönland präsent

Ein schon in den 40er-Jahren geschlossener Vertrag erlaubt es den USA, jederzeit weitere Truppen nach Grönland zu verlegen, auch auf neue Stützpunkte. Erst im vergangenen Sommer hatte Dänemark ein Abkommen ratifiziert, das diese Befugnisse der USA in Grönland bekräftigt. Doch die Strategie der Regierung in Kopenhagen, die USA auf diese Weise zu besänftigen, scheint nicht aufzugehen. Schon wird in Washington spekuliert, dass Trump die erzwungene Erweiterung des US-Territoriums als Trophäe zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten am 4. Juli in Betracht zieht.

U.S. President Trump holds press conference following U.S. military strike on Venezuela, in Palm Beach

US-Präsident Donald Trump will die Kontrolle über Grönland.
© REUTERS | JONATHAN ERNST

Friedlich wäre das kaum möglich. Der Geheimdienst des Nato-Mitglieds Dänemark hat nicht ohne Grund die USA in einer neuen Analyse zu einem potenziellen Sicherheitsrisiko erklärt. Es gibt in Grönland zwar eine starke Unabhängigkeitsbewegung, die die Loslösung von Dänemark fordert – aber einen Anschluss an die USA lehnt auch die überwältigende Mehrheit der Grönländer ab. Grönlands Regierungschef Jens Frederik Nielsen antwortete auf Trumps Drohungen deutlich: „Das reicht jetzt. Kein weiterer Druck. Keine weiteren Annexionsfantasien.“ 

Dänemark hält einen Verzicht ohnehin für ausgeschlossen, auch einen von Trump schon einmal ins Gespräch gebrachten Verkauf der Arktis-Insel komme nicht infrage, wie Regierungschefin Mette Frederiksen versichert: „Ich muss dies den USA sehr klar sagen: Es ist absolut absurd zu sagen, dass die Vereinigten Staaten die Kontrolle über Grönland übernehmen sollten.“

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Frederiksen hat sich für ihren Widerstand schon vor Monaten Rückendeckung bei den EU-Partnern geholt, auch in Deutschland. Einen Vorstoß aus der Spitze des EU-Militärausschusses, vorsorglich EU-Soldaten auf Grönland zu stationieren, hatte sie vor Monaten zwar abgelehnt. Aber nun betont die Regierungschefin, Dänemark und damit auch Grönland sei ein Nato-Mitglied und somit durch Sicherheitsgarantien des Bündnisses geschützt. Aber was heißt das? Trump hatte ja einen Einsatz des Militärs ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Grönland: Würden US-Soldaten einen Einsatzbefehl verweigern?

Ernsthaft wird weder in der EU noch in den USA ein Szenario diskutiert, in dem europäische Nato-Soldaten gegen amerikanische Nato-Soldaten kämpfen. Die Überlegenheit der US-Armee steht außer Frage, ohnehin sind US-Truppen ja schon auf der Insel. In der Nato geht man bislang davon aus, dass selbst Trump es nie zu einem militärischen Konflikt gegen Verbündete kommen lassen kann. „In einem solchen Fall müsste er damit rechnen, dass US-Soldaten die Einsatzbefehle nicht befolgen“, sagt ein Nato-Militär. Schließlich arbeiteten, trainierten und kämpften die Amerikaner seit Jahrzehnten eng und kameradschaftlich zusammen mit Soldaten anderer Nato-Staaten.

Umrisse Grönlands in den Farben der US-Flagge

Im Netz sorgt ein Bild für Aufruhr, das Katie Miller gepostet hat. Sie ist die Frau von Stephen Miller, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus und einer der wichtigsten politischen Berater Donald Trumps. Es zeigt die Umrisse Grönlands in den Farben der US-Flagge. Über dem Bild steht in Großbuchstaben geschrieben „SOON“, also „bald“.
© Katie Miller/X | Katie Miller/X

Die Frage stellt sich allerdings nicht nur für die Allianz, sondern auch für die EU: Die hat in ihren Verträgen ein ähnliches Beistandsversprechen für ihre Mitgliedstaaten wie die Nato. Zwar bemühte sich die EU-Kommission am Montag um Deeskalation, doch intern wird kein Zweifel an der Vertragslage gelassen: „Im Fall eines Angriffs würde eine gegenseitige Verteidigungsklausel der EU greifen“, heißt es. Doch sei das „glücklicherweise eine sehr hypothetische Frage“. So hatte es bislang auch Trump gesehen: Er erwarte, hatte er vor Monaten erklärt, dass sich Grönland aus freien Stücken den USA anschließen werde.

Noch gilt deshalb in Berlin und anderen Hauptstädten die Devise, Trumps Kalkül zu durchkreuzen und klare Linien zu ziehen – ohne Trump zu verprellen, der zugleich im Ringen um eine Friedenslösung im Ukraine-Krieg an der Seite Europas gehalten werden soll. Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Sara Nanni, mahnt jedoch zur Entschlossenheit: „Es braucht knallharte Ansagen hinter den Kulissen, damit Washington rote Linien respektiert“, sagte Nanni unserer Redaktion. Deutschland und der Rest Europas müssten jetzt klarmachen, dass Washington mit feindseligen Aktionen gegenüber Grönland „den Anfang einer Abwärtsspirale in den transatlantischen Beziehungen“ einläute, der den USA mehr schaden werde, als ein Zugriff auf Grönland an Nutzen verspreche.

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Im Krisenmodus

Verteidigungsexperte Kiesewetter meint, die europäische Antwort könne jetzt nicht in militärischem Aktionismus auf Grönland liegen, „solange wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben“. Kiesewetter sagt: „Wir müssen unsere eigene ‚Raumverteidigung‘ durch weltweite, belastbare Partnerschaften organisieren: mit Japan, Taiwan, Australien, aber auch mit Kanada und Südamerika.“

Die Vizefraktionschefin der SPD-Bundestagsfraktion, Siemtje Möller, sieht Berlin und Brüssel in der Pflicht: Sie erwarte, dass sich die Bundesregierung klar und geschlossen an die Seite Dänemarks stelle und diese Position auch gegenüber den USA deutlich vertrete, sagte Möller unserer Redaktion. Ebenso sei die EU gefordert. Möller meinte, die Äußerungen des US-Präsidenten „erfüllen mich mit großer Sorge“.