Russlands Milliarden-Poker in Venezuela wackelt: Sollte Washington den Öl-Riesen öffnen, droht Putin ein Fiasko. Verliert Moskau jetzt ein wertvolles geopolitisches Pfandstück?

Russland steckt in einem Energie-Dilemma, das größer ist als jede einzelne Pipeline, die ins Leere geht. Moskau braucht hohe Ölpreise, politische Verbündete und verlässliche Absatzmärkte – und sieht sich zugleich mit einer Welt konfrontiert, in der einer der größten Energielieferanten im großen Stil zurückkehren könnte: Venezuela. 

Ausgerechnet jenes Land, in das Russland über Jahre Milliarden investiert, Einfluss aufgebaut und handfeste Sicherheiten eingesammelt hat, droht nun selbst zum Problem zu werden. Sollte Washington den venezolanischen Ölsektor wieder öffnen, verlöre Moskau nicht nur Marktanteile, sondern ein geopolitisches Pfand. 

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Dass Russland seine Nähe zu Caracas nicht nur rhetorisch pflegt, machte Präsident Wladimir Putin vor dem Coup der USA selbst deutlich. In einem Telefonat mit Venezuelas Präsident Nicolás Maduro bekräftigte er die „Solidarität mit dem venezolanischen Volk“ und die Absicht, die wirtschaftliche und energiepolitische Zusammenarbeit fortzuführen – ausdrücklich trotz wachsender Spannungen mit den Vereinigten Staaten.

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Russlands Dilemma beginnt nicht in Moskau, sondern in Caracas

Venezuela ist ein Gigant, wenn es um Öl geht. Unter der Erde liegen rund 303 Milliarden Barrel nachgewiesener Reserven, mehr als in Saudi-Arabien. Gefördert wird davon bislang aber nur ein Bruchteil. Die aktuelle Produktion bewegt sich grob um eine Million Barrel pro Tag. 

Zum Vergleich: Saudi-Arabien fördert im Schnitt rund neun Millionen Barrel täglich – also etwa das Neunfache. Während Riad mit einem Dreh am Hahn den Weltmarkt bewegt, kämpft Caracas darum, überhaupt stabil zu liefern.

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Der Grund ist banal: Venezolanisches Öl ist oft extrem schwer, die Infrastruktur veraltet, Fachkräfte sind abgewandert, Strom und Ersatzteile knapp. Selbst optimistische Energieexperten bremsen deshalb die Erwartungen. Francisco Monaldi, Energieökonom und Leiter des Lateinamerika-Energieprogramms am Baker Institute for Public Policy in Houston, sagt: „Um die Produktion nachhaltig zu erhöhen, wären Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe nötig. Und selbst dann wäre der Anstieg graduell, nicht sprunghaft.“

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Venezuelas Ölproduktion hängt also nicht an einem Schalter, den man umlegt, sondern es ist eher eine Baustelle mit abgesoffenem Fundament.

Russlands Einfluss auf die Ölförderung in Venezuela

Genau in dieses Vakuum ist Russland über Jahre hineingestoßen – nicht aus ideologischer Nähe zum Regime in Caracas, sondern aus nüchternem Kalkül. Moskau wurde für Venezuela Kreditgeber, Ölabnehmer und politischer Schutzschild zugleich. Dreh- und Angelpunkt dieser Beziehung war die staatliche venezolanische Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela (PDVSA), die zunehmend von der russischen Staatsölgesellschaft Rosneft abhängig wurde.

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ANZEIGEDie Bedeutung von CITGO als strategisches Auslandsvermögen

Der sichtbarste Ausdruck dieser Abhängigkeit ist CITGO. Das Unternehmen betreibt Raffinerien und tausende Tankstellen in den Vereinigten Staaten und gehört vollständig der venezolanischen Staatsölgesellschaft. Für Venezuela ist CITGO von zentraler Bedeutung: Es sichert direkten Zugang zum amerikanischen Markt, stabile Einnahmen in harter Währung und politischen Einfluss. Kurz gesagt: CITGO ist das wertvollste Auslandsvermögen des Landes.

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US-Sanktionen und russische Kredite: CITGO als Pfand

Als Venezuela ab 2015 immer tiefer in Zahlungsschwierigkeiten rutschte, sprang Russland ein. Ende 2016 verpfändete Caracas im Gegenzug für einen Kredit von rund 1,5 Milliarden US-Dollar fast 49,9 Prozent von CITGO als Sicherheit. Das war keine symbolische Geste, sondern eine Machtverschiebung. Hätte Venezuela den Kredit nicht bedienen können, hätte ein staatlich kontrollierter russischer Konzern Zugriff auf ein strategisches Energie-Asset auf US-Boden gehabt. Die oft beschworene „strategische Partnerschaft“ wirkte plötzlich wie ein Pfandgeschäft unter Zwangsbedingungen.

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Öl aus Venezuela Das stark von Öleinnahmen abhängige Venezuela lag jahrelang im Kerninteresse Russlands. dpa/Aaron Sosa Rosneft und die strategische Partnerschaft mit Caracas

Damit nicht genug: 2017 wurde öffentlich, dass Rosneft Venezuela bereits zuvor vier bis fünf Milliarden US-Dollar vorgestreckt hatte. Diese Gelder waren direkt an Öl gebunden: Russland zahlte im Voraus, Venezuela lieferte Rohöl als Gegenleistung. 

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Für Caracas war das kurzfristig lebensrettend. Für Moskau bedeutete es gesicherte Ölströme, politischen Einfluss und die Rolle des letzten verlässlichen Partners in einer Phase internationaler Isolation. Rosneft-Chef Igor Setschin erklärte öffentlich, sein Konzern werde Venezuela nicht verlassen – ein Satz, der weniger Solidarität als Sicherungsinteresse ausdrückte.

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Langfristige Strategie: Russlands operative Präsenz in venezolanischen Ölfeldern

Russland war zudem operativ tief im Land verankert, über gemeinsame Förderprojekte in mehreren Ölfeldern. Als Rosneft 2020 wegen verschärfter US-Sanktionen offiziell aus Venezuela auszog, verschwanden diese Verbindungen nicht. Sie wurden auf staatlich geprägte russische Nachfolgegesellschaften übertragen, Laufzeiten später sogar verlängert. Russland betrachtete Venezuela nie als Episode, sondern als strategische Langzeitposition.

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Warum Washingtons Zugriff für Moskau brandgefährlich ist

Genau hier liegt heute das Dilemma für Moskau. Sollte es den Vereinigten Staaten gelingen, den venezolanischen Ölsektor schrittweise zu normalisieren – durch politische Vereinbarungen, Investitionen westlicher Konzerne und gesicherte Exportwege –, verlöre Russland gleich mehrfach: Venezuela wäre weniger abhängig von russischen Vorfinanzierungen und politischer Rückendeckung. Moskaus Einfluss in Caracas würde schrumpfen.

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Gleichzeitig kämen zusätzliche Ölmengen auf den Weltmarkt. Selbst einige Hunderttausend Barrel pro Tag wirken wie Sand im Getriebe eines Marktes, auf dessen stabilen Preisen Russlands Staatshaushalt angewiesen ist. Und ein regulär integriertes Venezuela würde die Grauzonen verkleinern, in denen Russland bislang über Rabatte, Umleitungen und Sonderdeals agieren konnte. Das Geschäft würde transparenter – und damit härter.

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US-Interessen in Venezuela: Die Rolle Washingtons und Donald Trumps

Aus Washington kommen dazu klare Signale. US-Präsident Donald Trump erklärte nach dem Angriff auf Venezuela offen, die Vereinigten Staaten würden das Land „führen“, bis ein „sicherer, ordentlicher und sorgfältiger Übergang“ möglich sei. Große amerikanische Ölkonzerne sollten helfen, die Infrastruktur wieder aufzubauen.

„Wir werden das Land regieren, bis wir eine stabile Übergangsregierung haben“, sagte Trump – und machte zugleich klar, dass Washington nicht zulassen wolle, dass andere Mächte in Venezuela die Oberhand gewinnen.

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Geopolitische Folgen: Venezuela als Öllieferant und Konkurrent für Russland

Am Ende ergibt sich ein paradoxes Bild. Russland hat Venezuela über Jahre stabilisiert, um Einfluss zu gewinnen. Sollte Venezuela nun durch die USA tatsächlich wieder auf die Beine kommen, könnte genau diese Stabilisierung für Moskau zum Nachteil werden.

Venezuela wäre dann nicht länger ein russisches Pfandstück im geopolitischen Hinterhof Amerikas, sondern ein zusätzlicher Öllieferant, der den Markt füllt – und Russlands Spielraum weiter einengt.