Man kann schon nachdenklich werden, wenn man auf dem Schlossplatz das Riesenrad vor dem Nachthimmel leuchtend aufragen sieht: Wieder dreht es seine Runden. Wieder ist der Jahreskreislauf abgeschlossen, hat die Erde die Sonne einmal umrundet. Von oben hat man eine herrliche Aussicht – taugt diese Perspektive auch für einen Rückblick und einen Ausblick? Wir drehen „Eine Runde über Stuttgart“ und solange das Riesenrad sich dreht, erfahren wir, was Tobias Schleuning, Vorstandsmitglied im Fahrradclub ADFC, bewegt.

Unversehens sind die Radfahrer bei den Diskussionen zum Sparhaushalt der Stadt Stuttgart in den Fokus gerückt. Aber nicht etwa, weil es um Ausgaben für die Radinfrastruktur ging. Sondern weil ein Antrag der AfD die Gruppe plötzlich als Einkommensquelle betrachtete und vorschlug, eine Abgabe zu erheben. Tobias Schleuning hat dazu eine deutliche Meinung: „Das war natürlich ziemlich lächerlich.“ Denn es sei bei Weitem nicht so, dass die Kraftfahrzeugsteuer die Kosten für den Straßenbau decken würden.

Das Geld spielt in den kommenden Jahren in allen Bereichen des Lebens in der Stadt eine große Rolle. Doch davor ist dem Radaktivisten nicht bang. Einfache Lösungen seien mit wenig Geld machbar und würden den Radverkehr in der Stadt schnell weiterbringen: Pop-Up-Radspuren. „Etwas Farbe, das geht schnell, kostet wenig“, sagt Schleuning. Es müsse nicht immer der extra angelegte und ausgebaute Radweg sein. „Man könnte auch von den Bundesstraßen, die durch die Stadt gehen, locker eine Spur wegnehmen und sie dem Radverkehr geben“, sagt er. Am Neckartor sehe er zum Beispiel den Autoverkehr meist auf zwei Spuren flüssig vorbeifahren. Dass hier keine Spur für den Radverkehr übrig sein soll, leuchte ihm nicht ein.

Ein großes Thema ist für die Radfahrer die Enge, die entsteht, wenn Radfahrer und Fußgänger auf ein und demselben Weg unterwegs sind. Die Radinfrastruktur bestehe in Stuttgart in weiten Teilen aus Fußwegen, die auch für den Radverkehr freigegeben seien. Das bringe Konflikte mit sich – und mache keine der beiden Gruppen glücklich. „Durch den Schlossgarten und vor der Oper vorbeizufahren, das ist eine Zumutung für alle“, sagt Schleuning. Gefährliche Situation erlebe er zum Beispiel regelmäßig nahe dem Bahnhof im Park. Auch hier wieder das Hauptproblem: Die Wege von Rad- und Fußverkehr kreuzen sich, dazu ist aufgrund der S-21-Baustelle die Situation dort recht unübersichtlich. Auf der Neckarstraße fühle er sich wohler als im Schlossgarten, wenn er gen Cannstatt müsse, sagt Tobias Schleuning.

Das Riesenrad steht nur noch bis zum 6. Januar in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Und noch eine Reihe von Engstellen kann der ADFC-ler benennen: In Wohngegenden sind das die zugeparkten Ecken. Zwar habe die Stadt die sogenannten Stuttgarter Ecken eingerichtet an einigen Stellen – im Westen zum Beispiel. Auch hier lauere die Gefahr aufgrund der mangelnden Übersicht. Die Bewirtschaftung des Parkraums sei hier ein Punkt, an dem man ansetzen könne. „Das Anwohnerparken muss so viel kosten, dass es die Leute dazu motiviert, Garagen und andere Stellplätze frei zu räumen, damit die Autos vom Straßenrand wegkommen“, sagt Schleuning. Auch wünsche er sich mehr Superblocks. „Unterm Strich kommt dann für alle mehr Lebensqualität raus“, sagt der 23-Jährige.

Und eine Hoffnung hat er auch noch: Vielleicht klappt es ja mit der Umweltspur im Schwabtunnel. Was dort geschehen ist, das Überwachen des Überholverbots und das Reduzieren der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, habe etwas gebracht. Die Umweltspur würde nur Radfahrenden und dem ÖPNV zur Verfügung stehen.

Über all seinen Hoffnungen für den Radverkehr in der Stadt steht für Tobias Schleuning eine Vision: „Ich wünsche mir, dass wir in 20 Jahren wieder richtige gute Luft in der Stadt haben“, sagt er. Durch mehr umweltfreundlichen Verkehr.