Wer in den nächsten Wochen abends an der evangelischen Kirche St. Markus vorbeikommt, wird sich verwundert die Augen reiben: In langen Warteschlangen stehen dann wieder Menschen vor dem Portal und warten auf Einlass. Grund ist eine Kooperation von Kirche und Kunst, die hier in München bereits zum vierten Mal stattfindet:
Vom 11. Januar bis 12. April zeigt das Schweizer Künstlerkollektiv „Projektil“ seine immersive Lichtshow „Infinity“ im hohen Schiff der Dekanatskirche: fünfmal die Woche, sechsmal pro Abend, bis zu 180 Menschen pro Vorführung. Selbst wenn man annimmt, dass nicht alle Termine ausgebucht waren, haben im gleichen Zeitraum 2024 weit über 50 000 Menschen die Kirche für die Vorjahrs-Show mit dem Titel „Enlightment“ besucht.
Wow-Effekt im Kirchenschiff: Wenn Lichtkunst Besucher verzaubert
Der Erfolg liegt für Kirchenmusikdirektor Michael Roth am Wow-Effekt des Konzepts:
„Man liegt im Sitzsack oder lehnt an einer Säule und ist sofort mittendrin in den Bildern, das saugt einen auf, man hebt ab und wird zeitlos.“
Dazu trage neben der bildgewaltigen Inszenierung auch der neugotische Kirchenraum von St. Markus seinen Teil bei, der die Blicke nach oben zieht.
Am Ende der Show hätten viele Besucherinnen und Besucher ein Strahlen im Gesicht. Ob das jetzt gleich eine spirituelle Erfahrung ist, lässt Roth – der während jedes Showzyklus mehrere Live-Konzerte anbietet – offen. In jedem Fall aber könne man mit der Idee
„jeden erreichen, egal ob Kirchgänger oder nicht“.
Das passe zum Profil der Markuskirche, die sich – mitten im Uni- und Museumsviertel gelegen – öffnen und auch mal etwas ausprobieren wolle.
Immersive Kunst ist der Renner
Ohnehin ist immersive Kunst angesagt: Ob Vincent van Gogh, Tutanchamun oder die Titanic – immer häufiger umhüllen Ausstellungsmacher ihr Publikum mithilfe von digital erzeugten, bewegten 360-Grad-Panoramen, durch die man hindurchspaziert und die einen mit auf eine Reise in Bild und Musik nehmen. Schon vor zwanzig Jahren hat „Projektil“-Gründer Roman Beranek die ersten Schritte in der Computerkunst getan.
Heute zeigt er die Produktionen seines 20-köpfigen Teams in der ganzen Welt: von São Paulo über Denver bis Florenz – und immer wieder in deutschen Kirchen. Längst hat das Konzept Konkurrenz bekommen: So präsentiert die französische Firma „Lotchi“ ab 6. Februar in der Nürnberger Lorenzkirche eine Lichtshow mit dem Titel „Luminiscence“.
Kunst trifft Kirche: Warum das Konzept so gut funktioniert
Die Kombi Kirche und Digitalkunst war für Beranek zunächst eher ein Zufall: Ein Gotteshaus in Firmennähe diente als Testraum für die neue Technik, erklärt der Produzent laut Pressemitteilung.
Doch „die moderne Art von Meditation, die wir bieten, hat in Kombination mit dem Gebäude so gutes Feedback bekommen, dass wir es weiterentwickeln wollten“.
Das lohnt sich offensichtlich für alle Beteiligten: Mittlerweile tourt „Projektil“ schon mit der vierten Kirchen-Lichtshow durch Deutschland, von Hamburg bis München. Allein in Bayern gibt es mittlerweile vier Spielorte: Neben St. Markus buchen die Schweizer auch St. Peter in Nürnberg, St. Anna in Augsburg und die Minoritenkirche in Regensburg. Von dort kommen ebenfalls positive Rückmeldungen.
Für die profanierte Minoritenkirche, die zu den Museen Regensburg zählt, ist die aktuelle Show der Schweizer, die dort noch bis 1. Februar 2026 läuft, bereits die dritte Runde. „Eine Lichtinstallation mit Musik, die alle Sinne anspricht, kombiniert mit einem sakralen Raum – das kommt offensichtlich sehr gut an“, sagt Matthias Freitag vom Kulturamt der Stadt.
Erstmals waren St. Peter in Nürnberg und St. Anna in Augsburg Gastgeberin: Über 20 000 Menschen hätten zwischen September und November 2025 die bereits etablierte Show „Genesis“ besucht, sagt der Anna-Pfarrer Thomas Hegner. Die evangelische Stadtkirche sei dadurch vermutlich „bei vielen auf den Radar geraten“, die sie vorher nicht kannten.
„Wir haben die Hoffnung, dass das auch auf andere künstlerisch-kulturelle Aktivitäten bei uns ausstrahlt“, erklärt Hegner – außerdem trügen die Mieteinnahmen dazu bei, für die imposante, aber im Unterhalt teure Kirche „auf einen ausgeglichenen Haushalt mit einer tendenziell schwarzen Null zu kommen“.
Finanzieller Erfolg und kultureller Gewinn für Kirchen
Das gilt auch für St. Markus in München, die wie alle evangelischen Gemeinden in Bayern vom Mitglieder- und damit Kirchensteuerrückgang betroffen ist. Über die Höhe der Einnahmen schweigt man sich aus, doch Kirchenmusiker Roth sagt: „Es muss sich für alle Seiten lohnen.“
Er selbst sei ein Fan davon, sich „inhaltlich passende und wirtschaftlich sinnvolle“ Kooperationen wie die immersiven Lichtshows zu suchen, solange man das Heft noch in der Hand habe.
Und wenn obendrein das deutlich jüngere Publikum nach den Vorstellungen mit einem positiven Gefühl für den Kirchenraum nach Hause ginge, „dann ist das was“.