Als die Polizei bei ihr klingelt, da ahnt Heike Goralski schon, dass etwas passiert ist.

Ihr Mann fährt an diesem Tag, dem 26. November, wie immer mit dem Fahrrad von der Arbeit zurück. Knapp 300 Meter vor seinem Zuhause stürzt er, verliert vermutlich durch einen Herzinfarkt die Kontrolle über sein Rad, knallt gegen 16 Uhr auf der Königsallee in Bochum mit dem Kopf auf den Bordstein. Später stirbt er im Krankenhaus.

Heikes Mann wird nur 55 Jahre alt.

Zweiter Bauabschnitt der Königsallee früher fertig.

Der Bochumer hat auf der Königsallee die Kontrolle über sein Rad verloren.
© FUNKE Foto Services | Gero Helm

Die Bochumer Familie entscheidet: Wir machen das

Mehrfach muss sie schluchzen, während sie in der WAZ-Redaktion von dem Tag erzählt, der die Familie auseinandergerissen hat. Neben ihr sitzt ihre Tochter Viviane (29), Tochter Vanessa (32) ist nicht mitgekommen zu diesem Termin. Die Familie ist sich aber einig. Sie möchte auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen: Organspende.

Ich kenne meinen Vater, der hätte nichts dagegen gehabt.

Viviane Goralski , Die Tochter hat mitentschieden, dass die Organe ihres Vaters gespendet werden

Als Heikes Mann für hirntot erklärt wird, fragen die Ärzte sie, ob es einen Organspendeausweis gibt. „Den hatten wir nicht. Aber die Ärzte haben uns dann erklärt, dass die Organe auch gespendet werden können, wenn sich die Familie einig ist“, erzählt sie.

Die Mutter und die zwei Töchter schauen sich im Krankenhaus kurz an, dann entscheiden sie: Das machen wir.

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Bochumer spendet vier Organe, rettet vier Menschenleben

„Ich kenne meinen Vater, der hätte nichts dagegen gehabt“, sagt Viviane. „Für mich war es nur noch der Körper, und warum soll er dann nicht noch Menschen retten?“, meint Heike.

Ihr Mann spendet vier Organe: die Leber, beide Nieren und die Lunge. Vier Menschenleben werden so gerettet. Der Leichnam wird nach der Organspende verbrannt. Einen Teil der Asche trägt Viviane nun in einer Kette um den Hals.

„Es war ein Schicksalsschlag. Er war kerngesund, ist immer mit dem Fahrrad gefahren, das war seine große Leidenschaft. Drei Tage zuvor haben wir noch Hochzeitstag gefeiert“, sagt Heike.

Bergmannsheil in Bochum verhält sich „würdevoll“

Vor der Rückfahrt von der Arbeitsstelle in Witten trinkt ihr Mann einen Kaffee mit der Chefin. Dann macht er sich auf den Weg und stürzt kurz bevor er ankommt. „Wir wollen auch allen danken, die ihm nach seinem Sturz geholfen haben. Er wurde reanimiert, einmal hat es wohl geklappt, ihn zurückzuholen“, berichtet Viviane.

Die Polizei, die Ärzte, alle seien hilfsbereit gewesen. „Das Bergmannsheil hat uns den Abschied erleichtert, sich sehr würdevoll verhalten“, erzählt Heike. „Die Ärzte haben sich viel Zeit für uns genommen. Der Teddy meiner Tochter durfte bis zur Einäscherung neben meinem Mann liegen.“

Diese Texte haben viele Menschen interessiert

Heike und Viviane haben einen Organspendeausweis beantragt. Viviane wird sich sogar ein Tattoo stechen lassen, das symbolisiert, dass sie bereit ist, ihre Organe zu spenden. Das Motiv zeigt einen Halbkreis, der mit einem weiteren Halbkreis zu einem ganzen Kreis ergänzt wird. Damit Ärzte aber ganz sicher sein können, braucht es einen offiziellen Spendeausweis.

Viele Menschen warten auf ein Organ

Etwa 9000 Menschen warten Schätzungen zufolge in Deutschland auf ein Organ. „Ich würde jedem empfehlen, sich einen Organspendeausweis ausstellen zu lassen“, sagt Viviane. „Für mich ist es ein kleiner Trost, dass mein Vater anderen Menschen geholfen hat. Für mich lebt er so weiter.“