Berlin – Es ist die dritte Nacht in der Blackout-Zone, bei minus fünf Grad. Am Wannsee sind die meisten Villen dunkel, nur hinter einzelnen Fenstern brennen Kerzen, manche haben Generatoren im Garten. Oben kreist ein Hubschrauber – um Einbrecher abzuschrecken, glauben Anwohner.
Der Rechtsanwalt Friedrich (61) hält es hier mit seiner Frau Simone (50) und den drei Kindern aus. Der Kamin in dem schönen Altbau der Familie brennt auf Hochtouren. Wenn sie durchs Haus gehen, tragen sie eine Stirnlampe. Friedrich hat gerade Diesel gekauft, um den bisher unbenutzten Generator anzuschmeißen. „Den habe ich damals zu Beginn des Ukrainekriegs gekauft“, sagt er.

Friedrich (61) befüllt seinen Dieselgenerator
Foto: Til Biermann
In der „Ghosttown“
Am Kamin spricht das Ehepaar über die Zeit im Blackout. Simone sagt: „Wir sind froh, dass wir den Kamin haben. Eine Freundin hat den Begriff ,Ghosttown‘ benutzt, das passt.“ Friedrich: „Es ist kurios, ich war gerade in Potsdam tanken, da ist alles normal.“ Simone: „Es macht ziemlich nachdenklich, wenn man merkt, wie verletzlich die Infrastruktur ist. Am Samstag gab es nicht mal Mobilfunk.“ Friedrich: „Ich war überrascht, dass es fast eine Woche dauern soll. Dann denke ich, 1000 Kilometer südöstlich in der Ukraine haben die das alle paar Tage und da ist kein Baumarkt um die Ecke.“
Das Ehepaar glaubt, dass Russland hinter dem Angriff auf die Berliner Infrastruktur stecken könnte, das glauben viele hier. Friedrich sagt zum Bekennerschreiben einer linken Gruppe: „Auch jemand, der Putin gedungen ist, kann sich als linke Kadergruppe ausgeben.“ Simone: „Es zeigt: Wie wehrhaft sind wir eigentlich? Es gab ja auch den ganzen Sommer über diese Drohnensichtungen.“

Die Baustelle am Teltowkanal in Lichterfelde. Hier wurde das Berliner Stromnetz beschädigt
Foto: Til Biermann
Mittelmeer statt Wannsee
Ein anderer Wannseer, der anonym bleiben will, ist mit seiner kleinen Familie einfach kurzfristig auf eine Mittelmeerinsel geflogen. Zypern statt Wannsee. Er schreibt per WhatsApp: „Bei den Hotelpreisen in Berlin komme ich so günstiger weg. Und hier ist es warm. Ich kann die Zeit per Homeoffice arbeiten, hier habe ich wenigstens Internetempfang.“
Er ärgert sich über das Angebot der Energiesenatorin Franziska Giffey (47), dass Betroffene für 70 Euro die Nacht in Hotels unterkommen können. Das sei keine wirkliche Hilfe. Er schreibt: „Für alle, die von außerhalb kommen und nicht verstehen, was in Berlin gerade abgeht! Wir haben keinen Strom, Heizung, Mobilfunknetz und kein Internet. Die Straßen sind dunkel! Die Stadt bietet uns jetzt zum ,Sonderpreis‘ von 70 Euro die Nacht Hotelzimmer an. Das ist ein Schnapper, oder?“
Generatoren aus ganz Deutschland
Giffey hatte mehr Hilfe vom Bund gefordert und tatsächlich werden jetzt immer mehr Notstrom-Generatoren aus ganz Deutschland nach Berlin geliefert. Der ehrenamtliche THW-Gruppenführer Yannic Winkler (25), im Alltag Polizist, befüllt mit seiner Truppe die Generatoren mit Diesel. Er sagt: „Ich war schon überrascht, wie empfindlich unsere Infrastruktur ist. Aber die Strukturen dahinter funktionieren. Wir üben beim Technischen Hilfswerk einmal die Woche. Ich bin seit 15 Jahren dabei, genau für solche Situationen haben wir trainiert.“

THW-Gruppenführer Yannic Winkler (25)
Foto: Til Biermann
Licht für die Brandstelle
Benny (48) und Chris (46) spazieren mit ihrem Kangal-Mischling Aramis (3) an dem Generator vorbei. Chris sagt: „Wir kommen gut klar, sind gut vorbereitet gewesen. Wir hatten schon ein Stromaggregat. Wir haben es geschafft, die Heizungselektronik mit dem Generator zu verbinden. Dabei hat ein Freund geholfen, der sich mit der Elektrik auskennt. Man hilft sich.“

Benny (48), Chris (46) und ihr Hund Aramis (3)
Foto: Til Biermann
Während sich die Anwohner selbst helfen, zieht sich die Behebung der Ursache noch hin: An der Brandstelle am Teltower Kanal wird – so sieht es zumindest aus – auch nachts gearbeitet, ein Team vom THW sorgt für Licht. Bis Donnerstag soll der Stromausfall dauern.