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In der österreichischen Gemeinde Mürzzuschlag sorgen die Heiligen Drei Könige für intensive Diskussionen: Grund dafür ist das Aussehen der Sternsinger.

Mürzzuschlag – Anfang des Jahres ziehen traditionell die Sternsinger, als Heilige Drei Könige verkleidet, von Haus zu Haus und spenden im Namen der Kirche ihren Segen. Die Sternsinger sammeln Spenden für Kinderprojekte in Not leidenden Ländern und sind ein Symbol für Solidarität und Nächstenliebe. In der Steiermark sorgt diese Tradition aktuell allerdings für erhitzte Gemüter, ähnlich dem Aufschrei über ein Brot in Österreich mit dem „N-Wort“.

Die Tradition einen der Heiligen Drei Könige schwarz zu schminken empfinden viele Menschen inzwischen als überholt und verletzend.Die Tradition, einen der Heiligen Drei Könige schwarz zu schminken, empfinden viele Menschen inzwischen als überholt und verletzend. (Symboldbild) © 
IMAGO / Funke Foto Services / picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt

Denn oft werden die Sternsinger mit Schwarz, Rot und Gelb geschminkt, um die drei damals bekannten Erdteile Asien, Europa und Afrika zu repräsentieren, wobei der schwarze König für Afrika stand. Besonders das sogenannte Blackfacing, bei dem weiße Menschen sich das Gesicht schwarz anmalen, wird inzwischen kritisiert.

Geschminkte Sternsinger: Kindermissionswerk warnt vor Rassismus-Gefahr

Die Begründung: Diese Praxis hat historische Wurzeln in rassistischen Darstellungen und kann schwarze Menschen verletzen. Auch das deutsche Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ argumentiert klar gegen die Schmink-Praxis. Die Organisation begründet ihre Haltung mit gesellschaftlichen Veränderungen: „Weil die Gleichung von Hautfarbe und Herkunft nicht mehr aufgeht: Schwarze Menschen kommen nicht automatisch aus Afrika“, heißt es auf der Homepage.

Der Empfehlung, die Kinder nicht mehr zu schminken, haben sich etliche weitere kirchliche Institutionen angeschlossen. Auch die österreichische Jungschar und nahezu alle Diözesen halten diesen Brauch für nicht mehr zeitgemäß. Dennoch gehen die rund 85 Sternsinger in Mürzzuschlag einem Bericht der Kleinen Zeitung zufolge mit schwarz angemaltem Gesicht von Haus zu Haus.

Die steirische Gemeinde widersetzt sich damit offenbar bewusst den Empfehlungen der eigenen Organisation. Sie erhält dafür aber teils auch Unterstützung aus der Bevölkerung. Einige Hausbesitzer in der Region hätten dem Online-Bericht zufolge den Sternsingern mitgeteilt, dass sie ihre Türen nur für geschminkte Gruppen öffnen würden.

Heftige Diskussion um Schmink-Tradition bei Sternsingern

Die Thematik sorgt auch in den sozialen Netzwerken für erhitzte Gemüter. Unter dem Post, den die Kleine Zeitung auf ihrem Facebook-Account zu ihrem Artikel veröffentlicht hat, wird emotional diskutiert. Auch dort heißt es in einem Kommentar: „Ich mache meine Tür nicht mehr auf, seit sich der Melchior nicht mehr schminken darf“, schreibt eine Userin und fügt hinzu: „Ich bin mit dieser Tradition aufgewachsen.“ Einige User sehen gerade die Abkehr vom Schminken als diskriminierend. „Man könnte es auch anders sehen – man schließt die Vielfalt aus – es waren nun nicht mal alles Weiße bei Jesus im Stall.“

Ebenso viele Kommentierende sehen das ganz anders. Viele kritisieren das Festhalten an veralteten Brauchtümern. „Traditionen, die lebendig sind, verändern sich nun einmal laufend. Sternsingen schaut heute anders aus als in den 50er Jahren“, gibt ein User zu Bedenken. Wieder andere berichten aus ihrer eigenen Erfahrung als Sternsinger und darüber, dass die wenigsten Kinder sich schwarz anmalen wollten.

Auf Anfrage von Merkur.de von Ippen.Media gab es bisher weder von der Gemeinde noch von der Pfarre Mürzzuschlag eine Stellungnahme. Der Fall Mürzzuschlag zeigt exemplarisch die Spannungen zwischen jahrhundertealter Tradition und gesellschaftlichem Wandel auf. Auch der Name eines beliebten Getränks auf Weihnachtsmärkten soll geändert werden. Für das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und viele weitere Institutionen stellt die Abkehr vom Schminken alles andere als die Abkehr von Tradition dar.

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Auf der Homepage heißt es dazu: „Aber ‚Tradieren‘ heißt: Überliefertes weiterführen. Es heißt nicht: Das Gleiche immer wieder genauso machen, wie es gemacht wurde. So werden unsere Gottesdienste heute anders gefeiert als vor 50 oder vor 500 Jahren. Dennoch sind sie im guten Sinne ‚traditionell‘“. In Deutschland nehmen immer mehr Pfarrgemeinden Abstand von der Schmink-Praxis. (Quellen: sternsinger.de, kleinezeitung.at, Kleine Zeitung auf Facebook, www.jungschar.at) (va)

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