Geboren wird diese Idee im Juli 2022 zwischen Wandbrettern voller Konservengläser und Müslipackungen in der Wohnküche von Andy Ebert. An einem langen Holztisch sitzen damals die Bewohnerinnen und Bewohner des Mietshauses in der Wörthstraße 8 beisammen und sind in heller Aufregung. Denn nur wenige Tage zuvor ist eine von ihnen durch eine Bekannte auf eine Anzeige in einem Immobilienportal hingewiesen worden – mit den Worten: „Das ist doch euer Haus!“

6,5 Millionen Euro: Das ist seinerzeit die Summe, die der Eigentümer für das Anwesen nahe dem Bordeauxplatz in Haidhausen aufruft. Oder genau genommen: für eine Hälfte des Hauses, denn die andere gehört seiner Schwester. Für die 14 Parteien in der Wörthstraße, die damals Mieten von gerade mal sechs bis zwölf Euro je Quadratmeter bezahlen, bedeutet diese Annonce drohendes Unheil.

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Schließlich kennt nahezu jeder in München – und gerade in Haidhausen – Geschichten von alten Häusern, die erst verkauft und dann renoviert werden, worauf der neue Besitzer die Mieten auf ein Niveau hebt, das Normalverdiener in den Ruin treibt. Gentrifizierung heißt das dann, und die Furcht vor einer solchen Verdrängung liegt zu dieser Zeit auch in der Ebert’schen Wohnküche in der Luft. Und so wird dort eine Idee geboren: Die Mieterinnen und Mieter wollen ihr Haus kurzerhand selbst kaufen.

Dreieinhalb Jahre später ist dieser kühne Plan tatsächlich Realität geworden. Im Februar sind die Verträge unterzeichnet worden, und erst vor wenigen Wochen habe man den Kaufpreis in Höhe von 4,2 Millionen Euro überwiesen, berichtet Katrin Göbel. Sie wohnt seit mehr als 35 Jahren in dem Haus in der Wörthstraße und betreibt dort überdies mit einer Mitbewohnerin einen Laden im Erdgeschoss. „Das Zittern ist jetzt weg“, sagt Katrin Göbel erleichtert. „Dieses Angsthaben vor dem, was vielleicht kommen könnte.“

Für Katrin Göbel und Andy Ebert endet eine hochemotionale Zeit: Sie besitzen nun ein Haus, statt es zu mieten.Für Katrin Göbel und Andy Ebert endet eine hochemotionale Zeit: Sie besitzen nun ein Haus, statt es zu mieten. (Foto: Stephan Rumpf)

Wobei, das sagt sie auch: „Die dreieinhalb Jahre waren voller Hochs und Tiefs. Wir waren oft am Rande des Hinschmeißens.“ Dabei ist der Elan anfangs groß bei einer Hausgemeinschaft, die sich schon zuvor gut verstanden habe, sagt Andy Ebert. Der Informatiker spricht ruhig, leise und meist in druckreifen Sätzen. Doch wenn er ans Jahr 2023 zurückdenkt und an die emotionale Zeit, die die Bewohnerinnen und Bewohner durchlebten, dann greift das auch ihn sichtlich an. „Wir alle haben schlecht geschlafen, und ich bin viele Nächte wachgelegen“, sagt Ebert. „Wir haben damals ja mit absurden Beträgen hantiert. Und ich habe mich immer wieder gefragt: Andy, treibst du das vielleicht in die falsche Richtung?“

Kurz nach dem ersten Treffen in seiner Wohnküche kontaktiert Ebert im Namen der Hausgemeinschaft die Eigentümer des 1894 errichteten Gebäudes – und bekommt eine ermutigende Rückmeldung. So zeigt sich die Schwester bereit, ihre Haushälfte einer Stiftung zu übergeben, die soziale und kulturelle Zwecke fördert. Derweil stellt ihr Bruder den Mieterinnen und Mietern in Aussicht, dass sie seinen Anteil für fünf Millionen Euro erwerben können. „Ab dann war’s nur noch eine Frage der Finanzierung“, sagt Ebert – wieder ruhig und leise, was so gar nicht zu der gewaltigen Herausforderung passt, die er da umschreibt.

Historisches Ambiente: das Treppenhaus in der Wörthstraße 8.Historisches Ambiente: das Treppenhaus in der Wörthstraße 8. (Foto: Stephan Rumpf)

Um sie zu bewältigen, wählt die Hausgemeinschaft den Weg über ein Syndikat, was für Laien erst mal nach Verbrechen und Mafia klingt. Tatsächlich ist das Mietshäuser-Syndikat aber eine nicht kommerzielle Initiative aus Freiburg, die Menschen dabei unterstützt, gemeinschaftlich eine Immobilie zu kaufen oder zu bauen. Mehr als 200 Hausprojekte sind auf diesem Wege deutschlandweit umgesetzt worden. In München jedoch nur zwei – in der Ligsalzstraße im Westend sowie in der Görzer Straße in Ramersdorf.

Im Falle von „Wörth 8“ – so nennt die Hausgemeinschaft den Verein, den sie eigens für das Projekt gründet – wollen die Mieterinnen und Mieter ihr Gebäude kaufen und den Grund von der Stiftung per Erbbaurecht pachten. Hierzu gründen sie eine GmbH, in die das Mietshäuser-Syndikat als zweiter Gesellschafter einsteigt – vor allem als Sicherheit, um zu verhindern, dass die Immobilie dereinst doch noch verkauft wird.

Zur Finanzierung dieses Vorhabens wirbt „Wörth 8“ ab 2023 um Direktkredite, was zu Beginn jedoch schleppend anläuft. „Anfangs waren es fast nur Angehörige und Freunde, die das Projekt unterstützt haben“, sagt Ebert. „Wir lagen im mittleren sechsstelligen Bereich, sodass drei Millionen Euro utopisch schienen.“ Zudem kommt es im Frühjahr 2023 zu einer Spaltung der Hausgemeinschaft; mehrere Parteien steigen aus dem Projekt aus. Zu diesem Zeitpunkt sei das Vorhaben auf der Kippe gestanden, sagt Ebert. „Da hatten wir eine depressive Phase.“

Dank der Berichterstattung ist der Bekanntheitsgrad von Wörth 8 immens gewachsen

Andy Ebert

Doch dann geschieht Zweierlei. Zum einen werden die Medien auf „Wörth 8“ aufmerksam, worauf bundesweit über das „Leuchtturmprojekt“ in Haidhausen berichtet wird. In der Folge steigt die Zahl der Direktkredite sprunghaft an. Heute sind es mehr als 200 Menschen, die fast 2,8 Millionen Euro an Darlehen für das Projekt bereitgestellt haben. „Wir haben gemerkt, dass wir unser Ziel nur erreichen können, wenn wir an die breite Öffentlichkeit gehen“, sagt Ebert. „Dank der Berichterstattung ist der Bekanntheitsgrad von Wörth 8 immens gewachsen, und das hat uns geholfen.“

Zum anderen beschließt im August 2023 der Stadtrat, das Vorhaben der Mietergemeinschaft in Haidhausen mit 1,25 Millionen Euro zu unterstützen. Im Gegenzug werden fünf Wohnungen im Haus zu gefördertem Wohnraum, der an Menschen mit geringem Einkommen vermietet wird. Dieses Modell ist damals ausdrücklich als Pilotprojekt gedacht. Inzwischen jedoch hat das Rathaus aufgrund der angespannten Haushaltslage die zugehörige Förderung auf Eis gelegt. „Heute hätten wir keine Chance, eine solche Unterstützung durch die Stadt zu bekommen“, sagt Katrin Göbel. „Wir hatten also auch Glück, mit unserem Projekt genau den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.“

Schon von außen ist zu sehen: Hier bestimmen die Bewohner.Schon von außen ist zu sehen: Hier bestimmen die Bewohner. (Foto: Stephan Rumpf)

Dank der Förderung aus dem Rathaus, den vielen Direktkrediten und eines Bankdarlehens kann die Hausgemeinschaft die Finanzierung stemmen und die Immobilie kaufen. Als sie beim Notar gesessen seien, um die Verträge zu unterschreiben, „da war bei uns allen die Erleichterung riesig“, erzählt Katrin Göbel. Mittlerweile führt „Wörth 8“ das Haus in Selbstverwaltung. Nachdem vier lange leer stehende Wohnungen saniert worden sind, sollen dort Anfang des Jahres neue Mieter einziehen. Die Auswahl hat der Verein getroffen. „Wobei wir natürlich darauf geachtet haben, jemanden reinzunehmen, der sich auch in das Projekt einbringen will und Lust hat, bei uns mitzumachen“, sagt Katrin Göbel.

Zwar ist die durchschnittliche Miete in dem Haus von zuvor zehn auf nunmehr zwölf Euro gestiegen. Doch auch dank eines solidarischen Modells jenseits fixer Quadratmeterpreise hätten alle Parteien im Haus verbleiben können, sagt Andy Ebert. „Das war uns sehr wichtig.“

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Bleibt die Frage, was die Schlüssel zum Erfolg waren bei „Wörth 8“. Was ist dort anders gelaufen als bei zig anderen Hausgemeinschaften in München, deren Abwehrkampf wider die Gentrifizierung oftmals nicht übers Gedankenstadium hinausgekommen sind?

Rückblickend seien vorrangig drei Faktoren entscheidend gewesen, sagt Ebert. Erstens habe es die Hausgemeinschaft mit Eigentümern zu tun gehabt, die ihren Plänen offen gegenübergestanden seien und obendrein Geduld bewiesen hätten. Zweitens habe „Wörth 8“ den richtigen Zeitpunkt erwischt und das Projekt einen Nerv getroffen. Und schließlich drittens: „Wir haben als Hausgemeinschaft zusammengehalten“, betont Ebert. „Ohne das hätte es nicht funktioniert.“