Man kommt ja schon lange kaum mehr hinterher, bei dem Tempo, in dem die Jazzrausch Bigband neue Projekte aus der Hüfte schießt. Ob nun mit dem von ihr quasi erfundenen Großformat-Techno-Jazz oder anderen Genre-überschreitenden Experimenten. In den bald zwölf Jahren ihres Bestehens sind mehr als ein Dutzend Alben entstanden und noch viel mehr Programme. Keine Bigband der Welt hat so viele Auftritte pro Jahr bestritten. Und inzwischen profitiert man natürlich auch von der Rolle als Hausband des Bergson. Das hat die Umtriebigkeit des Band- und Bergson-Leaders Roman Sladek und die Produktivität des Chefkomponisten Leonhard Kuhn noch befördert.
Erst vor kurzem hat man zusammen mit den klassischen Musikern der Bergson Phil „Eine Technosinfonie“ aus der Taufe gehoben, die auch noch im Januar (10. und 11.) und Februar (6. und 7.) blockweise jeweils zwei Mal am Tag zu sehen ist. Ende Oktober kam das neue Album „For Heaven’s Sake“ heraus, ein immersiver Rave für Bigband und Kirchenorgel, mit dem man durch die Kirchen zieht (aber es auch am 7. März im Bergson spielen wird). Und jetzt hat man schon wieder etwas Neues ausgetüftelt: „Goethe’s Breakdown“ heißt das Programm, das am 8. Januar im Bergson Premiere hat.
Wobei: Völlig neu ist das nicht. „Das gab es schon einmal,“ erzählt Sladek, „wir haben es nur nie wieder gespielt.“ Zum großen Münchner Faust-Festival, bei dem 2018 mehr als 200 Institutionen beteiligt waren, entstand „Seelenrausch“. Ein musikalisch-literarischer Zwitter, den Leonhard Kuhn als Komponist und Antonia Dering als Textbearbeiterin aus dem Faust Teil Eins destillierten. Visuell angereichert mit den Projektionen der Videokünstler Gregor Hösler, Proximal und VJ Sicovaja. Fünf Mal hat man es damals gespielt, vier Mal im Harry Klein, einmal im Volkstheater.
Ein zweieinhalbstündiges Mega-Projekt war dieses Technojazz-Hörspiel, geboren aus einer „Mischung aus Größenwahn und intrinsischer Motivation“, wie Sladek scherzhaft sagt. „Wir dachten uns damals, wenn die Staatsoper, die Philharmoniker und der Gasteig zu diesem Thema etwas machen, dann wollen wir auch etwas beitragen, künstlerisch, musikalisch, inhaltlich. Aus unserer Perspektive.“ Und die war eine durchaus kritische Sichtung: „Denn eigentlich ist das ja eine problematische Geschichte,“ findet Sladek. „Ein alter Mann, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um ein junges Mädchen zu kriegen. Aus heutiger sensibilisierter Sicht ist das schwierig. Obwohl er so ein literarischer Leuchtturm geworden ist, ist es von uns also keine reine Verbeugung vor dem Faust, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung.“
In 15 Szenen hatte Kuhn seine durchgehende Komposition unterteilt. Mit Gesangsparts und gesprochenem Text wurde der Ablauf des Stücks und die jeweilige Stimmung sozusagen aufgearbeitet. Ein Projekt, das die Beteiligten nie ganz los ließ, obwohl nach dem Faust-Festival ja erst einmal wieder Schluss war. „Das ist die einzige Produktion, die wir nicht aufgenommen und veröffentlicht haben. Auch, weil der Bearbeitungsprozess bei diesem epischen Werk gigantisch gewesen wäre. Irgendwann war dann auch der Moment vorbei, wo wir sonst sagen, das hauen wir jetzt raus. Aber wir merken seitdem bei allen neueren Stücken, wie sehr uns diese Sache geprägt hat, gerade weil sie so intensiv Zusammenhänge herstellt. Es ist also ein ständiger Kampf mit dieser Produktion geblieben. Wir haben es jetzt noch mal für uns gespielt, und ich habe Leonhard im Zuge der Programmgestaltung fürs Bergson gebeten, diese Geschichte noch einmal neu anzufassen.“
Deutlich verschlankt wird das Stück nun daherkommen, aus gut 150 Minuten wurden 80. Schon alleine, um die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums nicht zu überdehnen. Komplex genug ist es geblieben, aber „ich bin mit der Dramaturgie jetzt extrem happy“, sagt Sladek. Mit dem Titel „Goethe’s Breakdown“ reiht man sich auch wieder in die Band-Historie ein. Hat man doch schon diverse Klassiker unter diesem Signet bearbeitet, ausgehend von „Bruckner’s Breakdown“ 2016 über „Beethoven’s Breakdown“ im Beethoven-, aber leider auch Corona-Jahr 2020 bis zu „Mahler’s Breakdown“ 2023 und zuletzt „Brahms‘ Breakdown“ im abgelaufenen Jahr.
Freilich merkt man, dass die Jazzrausch-Fanbase mit einem Goethe-Konzept noch etwas fremdelt. Während die nach wie vor gespielten Erfolgsprogramme „Bergsons Rise“ – zur Eröffnung des Bergson entstanden – und das Best-of „Bangers Only“ meist lange vorher ausverkauft sind, gibt es für „Goethe’s Breakdown“ im Elektra noch reichlich Karten. Obwohl bislang nur der eine Termin am 8. Januar angesetzt ist.
Etwas ebenfalls Einmaliges – und ebenfalls leicht Größenwahnsinniges – hat Sladek mit seiner Truppe auch schon wieder im März vor: Zum zwölfjährigen Bestehen der Band gibt es „12 Years – 12 Hours – One Rave“, also einen Abend, an dem man zwölf Stunden am Stück spielt. Und zwar pro Stunde aus einem anderen Programm, mit Auszügen aus dem bald erscheinenden neuen Album „Euphoria“. Die Schlagzahl der Jazzrausch Bigband bleibt also gewohnt hoch.
Jazzrausch Bigband: „Goethe’s Breakdown“, Donnerstag, 8. Januar, 19.30 Uhr, Bergson, www.bergson.com