Hamburg erzielt beim Klimaschutz Fortschritte, doch ein Sektor droht die Gesamtbilanz zu bremsen: der Verkehr. Der Senat zeigt sich zuversichtlich, Opposition und Verbände sprechen dagegen von Schönrechnerei und warnen vor wachsenden Risiken.
Bis 2030 will Hamburg seine CO₂-Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um 70 Prozent senken. So steht es im Klimaplan der Stadt. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sieht Hamburg dabei weiterhin auf Kurs – auch wenn der Weg schwieriger wird. Bisher wurden rund 43 Prozent eingespart, erstmals liegt Hamburg damit auf Augenhöhe mit Schleswig-Holstein und leicht vor dem Bund. Das geht aus dem neuen Zwischenbericht hervor, den der Senat am Dienstag vorgestellt hat.
Bis Ende 2023 lag die Reduktion demnach bei 42,9 Prozent – ein Plus von 6,4 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Tschentscher sprach von einem „bemerkenswerten Ergebnis“, verwies aber zugleich auf große strukturelle Unterschiede zwischen den Sektoren. Vor allem die Dekarbonisierung der Fernwärme, effizientere Gebäude und ein saubererer Strommix hätten den jüngsten Sprung ermöglicht. Auch die Industrie hat stark geliefert (minus 48,7 Prozent), ebenso Gewerbe, Handel und Dienstleistungen (minus 45,7 Prozent).
Während Tschentscher und Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) die „signifikanten Fortschritte“ betonten, rückte ein Problemsektor in den Fokus: der Verkehr. Dort liegt Hamburg erst bei 37,8 Prozent Emissionsreduktion – zu wenig, um die 2030er Ziele zu erreichen. Tschentscher warnte vor „Panikmache“, mahnte aber zugleich „größere Anstrengungen“, insbesondere beim Umstieg auf Elektrofahrzeuge.
In Hamburg sind aktuell rund 800.000 Pkw zugelassen, davon nur rund 70.000 bis 75.000 elektrisch. Fegebank sprach vom „größten Hebel“, denn für die Klimaziele bräuchte es jährlich rund 30 Prozent mehr E‑Neuzulassungen. Ohne strengere Vorgaben aus Berlin und Brüssel sei das jedoch kaum erreichbar.
Im Gebäudesektor und in der Industrie sieht der Bürgermeister bessere Perspektiven. Tschentscher verwies auf technologische Fortschritte, auf die städtischen Fernwärmeprojekte und auf Industriebetriebe, die ihre Emissionen bereits deutlich gesenkt haben – teils aufgrund von Transformation, teils wegen geringerer Produktion. Wichtig sei jedoch, so der Bürgermeister, dass Hamburgs Industrie wettbewerbsfähig bleibe: Emissionsverlagerungen ins Ausland würden dem Klima schaden, nicht nutzen.
Ob Hamburg die selbst gesetzte Marke – minus 70 Prozent bis 2030 – erreicht, ließ Tschentscher offen. Die Vorgabe sei „ambitioniert, aber erreichbar“, wenn die bundespolitischen Rahmenbedingungen stimmten. Große Sprünge könnten nur noch über Strukturprojekte kommen: die Abschaltung der Kohlekraftwerke, der Netzausbau, Fortschritte beim Wasserstoff.
Im Sommer plant die Stadt erstmals eine sogenannte Schätzbilanz vorzulegen – ein zentrales Element des Klimaentscheids. Damit sollen Fortschritte schneller sichtbar werden als bisher. Die Initiatoren hatten die jährlichen Schätzungen gefordert, weil Hamburg seine Klimadaten bislang immer erst mit rund zwei Jahren Verzögerung veröffentlichte.
Mit dem Zukunftsentscheid im Oktober 2025 stimmten die Hamburgerinnen und Hamburger dafür, die Klimaneutralität um fünf Jahre vorzuziehen – von 2045 auf 2040. Tschentscher sprach am Dienstag davon, dass der Entscheid die bisherigen Anstrengungen „verschärfe“, aber nicht widerspreche: Klimapolitik müsse weiterhin sozialverträglich bleiben und wirtschaftliche Belastungen abfedern. „Klimaschutz, wirtschaftliche Stärke und soziale Sicherheit gehören zusammen“, betonte er.
Die neue Pflicht zur jährlichen Schätzbilanz erhöht jedoch den politischen Druck. Schon jetzt erwartet der Senat, dass die Reduktion 2024 geringer ausfallen wird als 2023.
Vor allem die CDU stellte sich am Dienstag frontal gegen die Selbsteinschätzung des Senats. Umweltpolitiker Sandro Kappe warf Tschentscher „Schönrechnerei“ vor und erklärte, weder das 2045‑Ziel noch das vorgezogene 2040‑Ziel seien mit den bisherigen Maßnahmen erreichbar. Seit 2020 seien nur 6000 Wärmepumpen gefördert worden, tatsächlich bräuchte es mehr als 63.000 bis 2030. Beim Photovoltaik-Ausbau (PV-Ausbau) auf städtischen Gebäuden komme Hamburg kaum voran.
Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zieht eine kritische Bilanz. Der Bericht zeige ein „deutliches Vollzugsdefizit“, so Landeschefin Sabine Sommer. Besonders im Verkehr reiche eine reine Antriebswende nicht aus; Hamburg brauche weniger Autoverkehr. Der PV‑Ausbau auf öffentlichen Gebäuden verlaufe schleppend, die Sanierungsrate sei zu niedrig, Planungen zur Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) seien riskant und verzögerten echte Reduktionen.
Die Linksfraktion kritisiert vor allem den Gebäudesektor. Stephan Jersch sieht „viel ungenutztes Potenzial“ bei Sanierungen und PV. Verkehrspolitikerin Heike Sudmann nannte den Kurs des Senats ein „Prinzip Hoffnung“, das beim E‑Auto nicht funktioniere. Hamburg müsse den Nahverkehr massiv stärken und Busspuren und Straßenbahn priorisieren.
Deutlich positiver äußerte sich die Grüne Fraktion. Rosa Domm sieht in den 43 Prozent Emissionsreduktion einen Erfolg „ambitionierter Klimapolitik“. Bis 2030 müssten die Emissionen jedoch „fast halbiert“ werden – das erfordere mehr erneuerbare Wärme und eine beschleunigte Mobilitätswende.