Es gibt Momente, in denen Kunst noch im Werdegang ist. Die hier vorgestellten Newcomerinnen gehören einer neuen Generation an und diese betritt nun die Bühne der Kulturszene. Sie sind neugierig, genreoffen und haben einen scharfen Blick für die Themen unserer Zeit, weshalb sie exemplarisch für eine frische Dynamik stehen. Ihre Arbeiten verhandeln Fragen von Herkunft, Körper, Erinnerung und Zugehörigkeit und zeigen, wie kraftvoll junge künstlerische Positionen heute gesellschaftliche Debatten mitprägen können.

Lou Medeot: Eine neue Stimme der jungen luxemburgischen Fotografie

von Marc Thill

Für Lou Medeot war 2025 ein entscheidendes Jahr: Neben einer Gruppenausstellung in Ljubljana wurde die junge Fotografin für die fünfte Ausgabe der „Young Luxembourgish Artists” in der Galerie Indépendance der BIL ausgewählt. Dies ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass ihre Stimme in der zeitgenössischen Fotografie an Resonanz gewinnt. Als Künstlerin, die zwischen Ländern, Erinnerungen und Bildräumen pendelt, behauptet Medeot, geboren 1997 in Luxemburg, ihren Platz in der aufstrebenden jungen Generation. Sie lebt und arbeitet in Amsterdam und Den Haag, wo sie seit 2023 Fotografie an der renommierten Royal Academy of Art (KABK) studiert. Der ungewöhnliche Weg von einem Bachelor in Physiotherapie hin zur künstlerischen Fotografie hat ihren fotografischen Blick ein wenig geprägt.

Fotografin Lou Medeot entwickelte ihre künstlerische Sprache stets weiter. Foto: Chris Karaba

Medeots Arbeiten bewegen sich an den Schnittstellen von Archiv und persönlichem Gedächtnis. Sie interessiert sich für jene Momente, in denen Vertrautes brüchig wird und sich die Suche nach Zugehörigkeit in stillen, körperlich spürbaren Bildern niederschlägt. Mit „Paper Town“ hat sie eine fotografische Erkundung des Begriffs „Zuhause“ entwickelt: eines Ortes, der zugleich real und imaginär, greifbar und doch verloren sowie dauerhaft und flüchtig ist. Ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung des Weggehens untersucht sie, wie Erinnerungen Räume formen – und wie die Konstruktion dieser inneren Landschaften ein Zurück in die Vergangenheit zugleich herbeisehnt und unmöglich macht.

Im Begleitheft der Ausstellung „Young Luxembourgish Artists“ schreibt Medeot: „Der Ort, an dem ich mich wohlfühlen werde, wird erst existieren, wenn ich ihn erschaffen habe.“ Es ist ein programmatischer Satz, der die Haltung einer Künstlerin markiert, die ihre eigene künstlerische Sprache als stetig im Entstehen begriffen sieht.

Shania Kraemer: Luxemburgischer Frauenrap im Emanzipationsmantel

von Nora Schloesser

Frech, provokativ und direkt: Als zukünftige Luxemburger Ikkimel würde Shania Kraemer sich zwar nicht bezeichnen, aber einige Parallelen sind da. „Aura“ heißt ihre Debütsingle, in der die 26-Jährige unter ihrem Künstlernamen Shani Baby auf Luxemburgisch rappt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihr Produzent: kein anderer als der Rapper Turnup Tun, der sie auch dazu ermutigt hat, ihre Musik öffentlich zu machen.

Auf Instagram zeigt sich die junge Frau vor der Kamera, fährt mit ihren Rollschuhen über das Vëlodukt in Esch/Alzette und rappt dabei. Singen ist für Shania Kraemer nicht neu: Bereits im Teenageralter hat sie Songs anderer Künstler nachperformt, sich dabei aufgenommen und diese Videos in den sozialen Medien geteilt. Nun schreibt sie ihre eigenen Texte. Texte, für die sie auf Social Media bereits reichlich Hasskommentare erhalten hat. Vor allem von Männern.

Shania Kraemer zählt zu den wenigen Frauen in der hiesigen Musikbranche, die auf Luxemburgisch rappen. Foto: Christophe Olinger

Inspiration holt sie sich bei weltbekannten Rapperinnen und Rappern. Künstlerinnen wie Shirin David, Nicki Minaj und Layla Boe hört sie privat besonders gerne. Shania Kraemer versucht sich in einem männerdominierten Musikgenre in Luxemburg durchzusetzen und möchte Klischees aus dem Rap umkehren. „Bei mir wird die Frau nicht sexualisiert“, unterstreicht die Musikerin.

Bisher gab es für sie erst einen Liveauftritt, doch die Rapperin hofft auf mehr. Über etwas Bühnenerfahrung verfügt die 26-Jährige dennoch: Schließlich hat sie vor einigen Jahren gemodelt und war 2019 beim Wettbewerb „Miss & Mister Grande Région“ dabei. Über das kommende Jahr wird Shania Kramer nach und nach einzelne Songs veröffentlichen. Ihr Ziel sei es zunächst einmal, ihre musikalische Richtung, ihren ganz persönlichen Stil zu finden und ihren Namen, Shani Baby, bekannt zu machen.

Lara Grogan: Die Singer-Songwriterin erzählt alte Sagen neu

von Marc Thill

Für Lara Grogan nahm der Weg in die Kunst soeben erst seinen Anfang. Die 22-jährige Singer-Songwriterin, die an der Musikhochschule in Köln studiert und mit der Musik von Joni Mitchell, Simon & Garfunkel, den Beatles und Carole King aufgewachsen ist, durfte letztes Jahr erstmals im Rocklab in Esch/Alzette auftreten. Dort gab sie Einblick in ihr neuestes Projekt. Bislang waren ihre Songs und Texte zutiefst persönlich – ein Spiegel ihrer eigenen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen. Nun aber hat sie sich ein Thema gesetzt, die Legenden Luxemburgs, und dazu ihre eigenen Lieder komponiert und getextet.

Sängerin Lara Grogan wandelt wie selbstverständlich zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen. Foto: Marc Wilwert

Dass Lara Grogan ihre eigenen Geschichten erzählt, ist kein Zufall. Mit elf Jahren hat sie ihr erstes Lied geschrieben und seitdem immer wieder neue Songs am Klavier improvisiert, Ideen auf dem Handy festgehalten und Fragmente weiterentwickelt. Ihre musikalische Familie und ihre Mehrsprachigkeit haben sie geprägt: Englisch, Russisch, Luxemburgisch, Deutsch, Französisch – Grogan bewegt sich ganz selbstverständlich zwischen verschiedenen Kulturen und Welten.

Ihr erstes Album „The Sculptor“ ist genau das Ergebnis dieser Mischung aus Beobachtungen, Empfindungen und Lebensmomenten. Der Titelsong, inspiriert von Benedict Wells‘ Roman „Vom Ende der Einsamkeit“, brachte ihr 2023 einen Platz im Halbfinale des UK Songwriting Contest ein. Grogan stand auch regelmäßig beim Screaming Fields Song Contest auf der Bühne und hat dort auch schon einige Preise gewonnen.

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Maïté Seimetz: Wo Design, Kunst und Architektur verschmelzen

von Michael Juchmes

„Mach doch etwas, auf das du später aufbauen kannst, das Sicherheit bietet!“ Maïté Seimetz wird diesen Satz während ihrer Schullaufbahn sicherlich mehrfach gehört und auch ähnliche Gedanken gehegt haben. Die 30-jährige Luxemburgerin, die ihren Stil irgendwo zwischen Design und Kunst verortet, hat daher zunächst einen vermeintlich sicheren Weg eingeschlagen, einen „legitimen Weg“, wie sie es selbst nennt. Sie absolvierte ein Studium der Architektur in England, den Masterabschluss der renommierten Bartlett School of Architecture, einer Londoner Universität, hat sie in der Tasche. Eigentlich der perfekte Start für eine Karriere als Architektin … doch es geht auch anders.

Maïté Seimetz arbeitet nach dem Architekturstudium als Künstlerin. Ihre neue Wahlheimat: Paris. Foto: Chris Karaba

Das Studium in England, das experimenteller, freier war als vergleichbare Bildungsgänge in Deutschland oder Frankreich, bereitete sie auf das vor, was nach einem kurzen Zwischenstopp in Luxemburg folgen sollte: ein Leben als Künstlerin, ein Leben als kreative Gestalterin. Ihr liebstes Werkzeug ist mittlerweile der 3D-Drucker, den sie schon während ihrer Ausbildung kennenlernte. Mithilfe dieses wunderlichen Apparats fertigt Maïté Seimetz Objekte, die einerseits funktional erscheinen, andererseits etwas auslösen sollen: Gefühle, Reaktionen. Wer die Stühle, Spiegel oder anderen Gegenstände aus ihrer Feder betrachtet – jüngst etwa möglich bei der fünften Ausstellung der Young Luxembourgish Artists –, findet sich in einer anderen Welt wieder. Oder in einer anderen Zeit? Als Inspiration nennt sie den „Alien“-Vater HR Giger, was sich nicht von der Hand weisen lässt, außerdem Science-Fiction im Allgemeinen, auch Mangas.

In ihrer Wahlheimat Paris lässt die junge Künstlerin ihrer Fantasie freien Lauf, fertigt Gegenstände in kleinen Serien. Dabei sind nicht nur im Hinblick auf Ideen keine Grenzen vorhanden, auch größentechnisch ist einiges möglich. „Wie bei einer Assemblage kann ich einzelne 3D-Elemente zu großen Objekten zusammenfügen“, erklärt sie. Hier erkennt man die Architektin in ihr. Stein auf Stein entstehen ihre Werke. Übrigens aus einem Material mit einem hohen Holzanteil. Das klingt nach Nachhaltigkeit – auch aus eigenem Interesse: „Ich habe für diesen Stoff schon beinahe eine Obsession entwickelt.“

Alicia Cano: Kreative Passion für den Hip-Hop-Dance

von Daniel Conrad

Es brach einfach aus ihr heraus: Zwar hatte Alicia Cano ihren Bachelor in Rechtswissenschaften in der Tasche, aber damit wollte sie sich nicht zufrieden geben. Da ist diese Kreativität, diese Kraft, die sie schon als junges Mädchen für sich gewonnen hat. Im Alter von fünf Jahren hat sie erste Tanzerfahrungen gesammelt – damals bekam sie Flamenco-Stunden in ihrer Heimat Spanien. Das sei Teil des Lebens dort gewesen; ob in der Familie, der Kultur generell oder im Alltag. Und seither hat sie die Passion für das Tanzen und den kreativen Ausdruck mit dem Körper nicht losgelassen.

Die gebürtige Spanierin Alicia Cano hat in Luxemburg ihren kreativen Lebensmittelpunkt gefunden. Foto: Christophe Olinger

Später entdeckte sie weitere Genres für sich, erst den Jazz-, dann den Hip-Hop-Dance. Die Lust am sogenannten Popping, die Selbstbehauptung und der Gemeinschaftsgeist, die im Hip-Hop stecken, sollten Teil ihres Lebens bleiben. Das Tanzen half ihr bei vielen Herausforderungen und in stressigen Momenten, das innere Gleichgewicht zu bewahren. Denn der Start im Großherzogtum, so erinnert sie sich an die tränenreichen Anfänge, war alles andere als einfach. „Naiv“, wie sie selbst sagt, sei sie zum Studium nach Luxemburg aufgebrochen. Und das war alles andere als einfach: „Meine erste Woche hier war furchtbar: Ich hatte in beiden Ohren eine Entzündung, ich konnte kaum etwas hören. Alles war auf Französisch – und das Fachliche musste ich alles erlernen.“ 

Ihre andere kreative Sprache nahm aber neben dem Jura-Studium parallel ebenso immer weiter Raum ein. Und ein Entschluss reifte so lange, bis sie ihn wirklich umsetzte: „In Barcelona habe ich dann einen Master in Tanz und Choreografie gemacht.“ Die Leidenschaft rückte aus dem „Nebenbei“ ins Zentrum ihres Lebens und wurde durch dieses Studium noch stärker untermauert. Zeitgenössische Ansätze flossen ein. „Doch die Wurzeln im Hip-Hop sind immer noch in meiner Tanzsprache spürbar.“

Und heute? Wieder zurück im Großherzogtum arbeitet sie zunächst auch noch als juristische Angestellte. Doch inzwischen setzt sie ganz auf die Choreografie und das kreative Lehren. „Ein großer Teil meiner kreativen Arbeit ist für mich wirklich mit der Verbindung zu Menschen, mit pädagogischer und sozialer Arbeit verknüpft. Und das ist so wunderbar.“ Besonders am Herzen liegt ihr, den künstlerischen Wert von Hip-Hop sichtbar zu machen und die scheinbare Grenze zwischen „elitärer“ zeitgenössischer Kunst und „bloßer Unterhaltung“ aufzubrechen.​ Selbstbewusst stellt sie sich auch als Frau in der sonst eher von Männern dominierten Hip-Hop-Welt.