Er kam im Sommer 2019, nun trennen sich die Wege. Mit dem Abgang von Silas Katompa geht beim VfB Stuttgart eine besondere Geschichte zu Ende.

Mit emotionalen Momenten war es zuletzt ja so eine Sache bei Silas Katompa. Wer als Fußballer nur trainiert und quasi nie mitmachen darf, wenn es ernst wird, der sieht seinen Job vermutlich eher nüchtern. In wenigen Wochen allerdings könnte sich das ändern mit den großen Gefühlen beim Stürmer aus dem Kongo.

Silas Katompa wechselt vom VfB Stuttgart zum 1. FSV Mainz 05 – und am 6., 7. oder 8. März treffen eben jene beiden Teams in Mainz aufeinander. Das erste Treffen mit der sportlichen Vergangenheit ist stets etwas Besonderes. Eine Woche danach wird es wieder Emotionen geben – diesmal vermutlich aber eher von den Fans des SV Werder Bremen.

Mit den Mainzern tritt Silas Katompa dann im Weserstadion an – und genau dort sorgte der Angreifer vor rund fünf Jahren für eine Situation, die die einen (die Fans des VfB) abgefeiert haben. Die den anderen (den Bremern) dagegen die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat.

Silas hatte ein Missverständnis der Bremer zwischen Torhüter und Abwehrspieler ausgenutzt, den Ball stibitzt und sich auf den Weg zum verwaisten Werder-Tor gemacht. Ehe er den Ball schlussendlich über die Linie beförderte, verlangsamte Silas Katompa aufreizend sein Tempo – was im hohen Norden gar nicht gut ankam. Unsportlich nannten sie das Ganze, Sven Mislintat dagegen versuchte, die Nummer herunterzuspielen.

„Wir sollten die Kirche im Dorf lassen“, sagte der damalige Sportdirektor des VfB, „er hat weder den Ball viermal hochgehalten, noch einen Fallrückzieher auf der Linie und einen Moonwalk gemacht.“ Dafür in seiner Zeit beim VfB andere aufregende Dinge.

Denkwürdige Szenen in Bremen Ende 2020 – Silas erzürnt die Werderaner mit seinem Tor. Foto: Pressefoto Baumann

Im Spätsommer 2019 begann die besondere Beziehung des afrikanischen Fußballers mit dem schwäbischen Bundesligisten, der damals den Neuaufbau nach dem Abstieg plante. Für Aufsehen sorgte der Baumeister Sven Mislintat, als er einen acht Millionen teuren Neuzugang aus der zweiten französischen Liga präsentierte. „Es ist uns gelungen, einen jungen, sehr talentierten Stürmer langfristig an den VfB zu binden“, sagte der Sportchef damals. Und war einige Monate später noch mehr begeistert von seinem Transfer.

„Du siehst seinen Körper, du verstehst seine Geschichte, du weißt, dass da noch ganz viel drinsteckt an Verbesserungspotenzial“, erinnerte er sich in einem Podcast von „Kicker“ und DAZN an die Anbahnung des Deals, „dann triffst du ihn – und es sitzt menschlich einfach eine Vollgranate vor dir. Ein ruhiger, bescheidener, total fokussierter junger Mann mit einem klaren Ziel.“ Das er beeindruckend verfolgte.

Zum Aufstieg steuerte Silas Katompa sieben Tore und acht Vorlagen bei. Und als der VfB in der ersten Saison nach der Bundesliga-Rückkehr souverän den Klassenverbleib schaffte, hatte auch der Kongolese entscheidenden Anteil. 25 Spiele, elf Tore, fünf Assists, sein Marktwert stieg auf 25 Millionen Euro, die Fans liebten ihn und sein ansteckendes Lachen – ehe im März 2021 sein Kreuzband riss. Und es noch kniffliger wurde für den jungen Fußballer.

Im Juni 2021 ging der VfB mit einer im Business bis dahin einmaligen Stellungnahme an die Öffentlichkeit – und machte klar: Silas Wamangituka, als der er nach Stuttgart gekommen war, ist ein anderer als gedacht. Ein Jahr älter namens Silas Katompa Mvumpa. Sein früherer Berater, wurde bekannt gemacht, sei für den Identitätswechsel verantwortlich, Silas habe das selbst beim Verein angezeigt – Mislintat zeigte sich schockiert.

„Silas ist jung und unerfahren – und mit dem Vertrauen, das er in seinen damaligen Berater gefasst hatte, ist er in Paris in ein klares Abhängigkeitsverhältnis gedriftet“, erklärt der Sportdirektor. Sein Fazit: „Er geriet immer mehr in die Fänge des Vermittlers.“ Und: „Wenn man das mit der Überschrift Menschenhandel beschreibt, kommt man dem Thema relativ nahe.“

Irgendwann sank der Stern des Kongolesen

Silas Katompa brachte das Ganze eine kurze Sperre und Gerichtstermine ein, er musste letztlich Sozialstunden leisten. Sportlich kehrte er in der Saison 2022/2023 noch einmal so richtig zurück auf die Bühne Bundesliga. 30 Einsätze, fünf Tore. Dazu der Treffer im Relegationsrückspiel in Hamburg. Dann aber sank der Stern des Mannes mit dem breiten Grinsen.

Der VfB marschierte in Richtung Champions League, Silas Katompa spielte dabei aber nur noch eine Nebenrolle, meist über Teileinsätze. Die Stars hießen nun Serhou Guirassy und Deniz Undav, auf den Außenbahnen wirbelten Jamie Leweling und Chris Führich. Der Cheftrainer Sebastian Hoeneß war nicht unbedingt ein Freund der Spielweise des heute 27-Jährigen. Logische Folge: die Leihe zu Roter Stern Belgrad im Sommer 2024.

Für die Serben trumpfte Silas Katompa in der Champions League auf – ausgerechnet mit seinem Treffer gegen den VfB. Im Laufe der Saison verletzte er sich, kehrte als Rekonvaleszent nach Stuttgart zurück, wo er zuletzt zwar wieder mit dem Team trainierte, aber keine Zukunft mehr sah.

2023 war sein Vertrag noch einmal verlängert worden, im Sommer 2026 läuft er aus – weshalb Spieler und Verein nun schon im Winter eine Lösung suchten, die Silas Katompa mehr Spielzeit und dem VfB noch ein bisschen Geld bringt. Am Neckar endet damit ein besonderes Kapitel – was zumindest beim einen oder anderen Fan zu ein wenig Trennungsschmerz führen wird. „Er wird uns aufgrund seiner außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten und wegen seiner positiven Art in guter Erinnerung bleiben“, sagt zum Abschied der heutige VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Und keine Sorge: Man sieht sich ja bald wieder.