Der Festsaal des Rathauses Charlottenburg ist bis auf den letzten Stuhl besetzt an diesem Montagvormittag. Die Podiumsdiskussion beginnt mit einer Frage ins Publikum: Wer arbeitet an den bezirklichen Musikschulen? Die meisten Hände gehen hoch. Wer sitzt in der Verwaltung? Nur wenige. Und wer ist Honorarkraft? Wieder viele Hände – deutlich mehr als bei den Festangestellten. Als die Frage aufkommt, wer weiterhin auf Honorarbasis bleiben wolle, stehen am Ende zwei Hände allein im Raum. Der Rest sehnt sich nach Sicherheit und einer Festanstellung.

Das Fachgespräch des Landesmusikrats Berlin steht im Schatten des Herrenberg-Urteils und der Debatte um Scheinselbstständigkeit. Im Doppelhaushalt 2026/27 wurden vier Millionen Euro eingestellt, um Festanstellungen an den Musikschulen zu ermöglichen. Erstmals seit langer Zeit wieder Geld für diesen Zweck. Doch im Saal ist schnell klar, dass es nicht für alle reicht.

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Was ist das Herrenberg-Urteil?

Seit dem Herrenberg-Urteil vom 28. Juni 2022 hat sich die Debatte an Musikschulen verschärft: Das Bundessozialgericht stellte in einem konkreten Fall fest, dass die üblichen Arbeitsbedingungen von Honorarlehrkräften häufig keine echte Selbstständigkeit, sondern abhängige Beschäftigung bedeuten – juristisch also Scheinselbstständigkeit. Folge: Musikschulen müssten solche Lehrkräfte grundsätzlich sozialversicherungspflichtig beschäftigen. Auslöser war eine Prüfung der Deutschen Rentenversicherung in Herrenberg, die das Beschäftigungsverhältnis als sozialversicherungspflichtig bewertete.

Bekommen alle Musiklehrer perspektivisch eine Festanstellung?

Moderator Chris Berghäuser, Vorsitzender des Berliner Musikschulbeirates, erinnert daran, wie sehr der Unterricht über Jahre auf Honorare gebaut wurde und wie mühsam der Ausbau fester Stellen bis heute bleibt.

Dennis Haustein (CDU), Sprecher für Bürgerschaftliches Engagement im Abgeordnetenhaus, sagt, die vier Millionen seien auch Ergebnis des Drucks aus der Szene: durch die Menschen, die im Saal sitzen. Jetzt müsse das Geld schnell „auf die Straße“. Melanie Kühnemann-Grunow (SPD), kulturpolitische Sprecherin, spricht von einem Stufenplan: Der Schritt sei wichtig, weil ursprünglich keine Mittel vorgesehen gewesen seien. Ziel bleibe, dass alle, die eine Festanstellung wollen, perspektivisch eine bekommen.

Berlin ist eben nicht Dortmund

Doch wer stellt ein und nach welchen Regeln? Staatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski (Kultur) verweist auf die Bezirke. Die Festanstellungen machten die Bezirke, nicht der Senat; man wolle gemeinsam vorgehen und nichts von oben diktieren. Parameter wie die Orientierung an Jahreswochenstunden seien relevant. Ende Januar sollen die Bezirke dazu beraten, anschließend müssten die Musikschulen ausschreiben. Am Ende, so Richter-Kotowski, müssten die Musikschulen reguläre Ausschreibungen machen. Berlin sei eben nicht Dortmund: Dort gibt es eine Musikschule, hier zwölf – und damit zwölf Verfahren, zwölf Personalhaushalte, zwölf unterschiedliche Ausgangslagen.

Richter-Kotowski betont, Verfahren ließen sich „schlank“ gestalten, indem Erfahrung ausdrücklich in den Ausschreibungen berücksichtigt werde; das könne zügig gehen. Gleichzeitig sagt sie offen: Nicht alle Honorarkräfte werden in Festanstellung kommen. Und falls die vier Millionen 2026 nicht vollständig abfließen, müsse geklärt werden, ob Mittel ins Folgejahr übertragen werden können.

Zum Gespräch im Rathaus Charlottenburg sind zahlreiche Menschen erschienen.

Zum Gespräch im Rathaus Charlottenburg sind zahlreiche Menschen erschienen.Sinem Koyuncu

Zunächst nur 200 Festanstellungen möglich

Dann wird über Zahlen gesprochen: Rund 1700 Honorarkräfte deckten in Berlin etwa 77 Prozent des Musikschulangebots ab. Für einen Umbau bräuchte es schätzungsweise 700 bis 800 Stellen, die in Festanstellungen überführt werden müssten. Mit den jetzigen Mitteln seien zunächst rund 200 möglich. Als im Saal „100 Prozent Festanstellung“ gefordert wird, gibt es Applaus. Haustein formulierte dennoch ein politisches Ziel: Bis 2029 solle Berlin bei 80 Prozent Festanstellungen sein. Kühnemann-Grunow sagt, erste Festanstellungen könnten im ersten Quartal beginnen; Haustein drängt auf die nächsten zwei bis drei Monate. Nicht erst im Sommer, wie viele bangende Musiklehrer im Publikum befürchten.

Nach dem Podium werden die Sätze schärfer. Theda Weber-Lucks, fest angestellte Lehrerin an der Leo-Kestenberg-Musikschule in Tempelhof-Schöneberg, nennt die vier Millionen im Gespräch mit der Berliner Zeitung „einen richtigen Schritt“. Dennoch sei es nur „einen Bruchteil“ dessen, was gebraucht werde. „Diese vier Millionen müssen sofort ausgegeben werden“, fordert sie, und parallel brauche es einen Plan: weitere Mittel, klare Perspektiven für die vielen Honorarkräfte, die zunächst leer ausgehen.

Theda Weber-Lucks ist fest angestellte Musiklehrerin.

Theda Weber-Lucks ist fest angestellte Musiklehrerin.Sinem Koyuncu

„Ohne Musikschulen haben wir auch keine Hochkultur“

Ihr fehlt „eine Vision“: Musikschulen seien soziale Räume und ein seit Jahrzehnten funktionierendes Netzwerk, das gerade in einer vielfältigen Stadt Zusammenhalt schaffe. Statt alte Strukturen zu zerschlagen und neue Fonds zu erfinden, müsse Berlin hier investieren und verlässlicher werden, etwa durch ein Musikschulfördergesetz. „Ohne Musikschulen haben wir auch keine Hochkultur“, sagt Weber-Lucks.

Adriana Balboa erzählt, was passiert, wenn Stabilität fehlt. Sie war über 30 Jahre lang Honorarkraft und wurde im Sommer 2024 „von einem auf den anderen Tag“ gekündigt. Berlin habe jahrzehntelang „ein Auge zugedrückt“, sagt sie, obwohl das Beschäftigungsbild vieler Lehrkräfte dem entspreche, was Gerichte und Rentenversicherung als abhängige Arbeit bewerten. Es heiße, der Wille sei da, aber nicht genug Geld – Balboa widerspricht: Geld sei da, nur würden andere Prioritäten gesetzt. Über allem stehe die Angst vor Januar 2027: Was passiert, wenn man bis dahin keine Festanstellung bekommt? Arbeitslosigkeit sei für viele kein theoretisches Risiko.

Udine Barge (l.) und Adriana Balboa (r.) finden klare Worte im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Udine Barge (l.) und Adriana Balboa (r.) finden klare Worte im Gespräch mit der Berliner Zeitung.Sinem Koyuncu

Vollzeit gearbeitet und Zwillinge alleinerziehend großgezogen

Was diese Angst konkret bedeutet, beschreibt Udine Barge, Honorarkraft seit 35 Jahren und ebenfalls an der Leo-Kestenberg-Musikschule: eine „Verzichtserklärung“, wie sie es nennt. Barge erklärt, was aus ihrer Sicht dahintersteckt: „Wir verzichten darauf, angestellt zu werden, wir verzichten darauf, dass wir sozial abgesichert arbeiten möchten.“ Man unterschreibe damit, „dass wir als Honorarkraft sofort kündbar sind“, dass Krankmelderechte eingeschränkt seien und kein Arbeitslosengeld entstehe. Warum unterschreiben? „Man muss unterschreiben, weil man sonst nicht mehr arbeiten darf“, sagt Barge.

Barge erzählt von einer Biografie, die viele Honorarkräfte teilen: Sie habe Vollzeit gearbeitet, Zwillinge alleinerziehend großgezogen, und sie habe bei der Rentenversicherung einen Antrag gestellt, dem stattgegeben worden sei – sie habe eine Bescheinigung, „dass ich seit 34 Jahren scheinselbstständig bin“. Genau deshalb sei die Unterschrift für sie ein No-Go. Sie habe sie nur eingeschränkt geleistet: „bloß auf ein Jahr in die Zukunft und nicht rückwirkend“.

Und dann kommt ein Satz von Barge, der im Podium nicht weiter von den Rednern beachtet wurde, aber in den Köpfen womöglich aller Anwesenden schwebte: „Mit einer Vollzeitbeschäftigung habe ich jetzt eine Rente von 850 Euro.“ Sie müsse weiterarbeiten, auch nach Renteneintritt. Als Rentnerin werde sie weiter unterrichten. „Eine riesen Ungerechtigkeit“, sagt Barge. „Und deshalb bin ich auch erzürnt, wie die Politiker darüber reden.“