Berlin – Seit Samstag sind in Berlin Tausende Haushalte ohne Strom. Ein linksextremistischer Anschlag hat gleich drei Stadtteile lahmgelegt – und die Reparatur wird noch Tage dauern. Droht auch in anderen Städten ein so großer Blackout?

„Grundsätzlich ist die deutsche Stromversorgung sehr sicher“, betont ein Sprecher der Bundesnetzagentur auf BILD-Anfrage. Er verweist auf die Statistik: Rein rechnerisch war 2024 jeder Haushalt 11,7 Minuten von einem Stromausfall betroffen.

Experte: Verwundbarkeit auch in anderen Städten“

Dr. Frank Umbach (63), Experte für Energiesicherheit, sieht das kritischer. Zwar stehe Berlin besonders im Fokus, vor allem bei linksextremen Gruppen. Aber: „Die Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur gibt es auch in anderen Städten“, sagt er zu BILD. Das liege am mangelnden Schutz von Anlagen und Leitungen. Politik und Privatwirtschaft, die für 80 Prozent der sensiblen Einrichtungen zuständig seien, müssten enger zusammenarbeiten und in Sicherheit investieren. „Aber Politik und Wirtschaft schrecken vor den hohen Kosten zurück.“ Umbach fordert, Hauptstromleitungen wie den Nord-Süd-Link unterirdisch zu verlegen – obwohl dies bis zu fünfmal teurer ist als oberirdische Trassen. Früher seien Leitungen verbuddelt worden, um das Landschaftsbild nicht zu beeinträchtigen. „Jetzt sind es sicherheitspolitische Gründe.“

Dr. Frank Umbach (63)

Dr. Frank Umbach (63)

Foto: IMAGO/Oryk HAIST

Zur Person

Dr. Frank Umbach (63) ist ein deutscher Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Energiesicherheit und Sicherheitspolitik. Seit 2014 arbeitet er als Forschungsleiter des Europäischen Cluster für Klima-, Energie- und Ressourcensicherheit (EUCERS) an der Universität Bonn. Außerdem ist er als Gastprofessor am European Interdisciplinary Studies Department des College of Europe in Warschau tätig.

Netzkarten im Internet „auf dem Silbertablett“

Kerstin Andreae vom Bundesverband der Energie– und Wasserwirtschaft kritisiert, dass Karten von Stromnetzen im Internet zu finden sind. Netzbetreiber seien rechtlich verpflichtet, ihre Infrastruktur „quasi auf dem Silbertablett“ zu präsentieren. „Was heute online verfügbar ist, wird nur schwerlich wieder zu löschen sein.“ Deshalb müssten Transparenzpflichten mit Bezug zur kritischen Infrastruktur geprüft werden.

Wolfgang Weber (57), Geschäftsführer des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI), fordert: „Umspannwerke und Schaltanlagen sollten mit modernster Zugangskontrolle, Videoüberwachung und auch Sicherheitsdiensten geschützt werden.“

So sieht es in den Städten aus

Wie wahrscheinlich ist ein tagelanger Stromausfall? BILD fragte nach.

• In vielen Städten unterscheidet sich die Netzarchitektur von der in Berlin. „Ein Ausfall in dieser Dimension über einen solch langen Zeitraum erscheint in Leipzig weniger wahrscheinlich“, sagt ein Stadtwerke-Sprecher.

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• Die Netzdienste Rhein-Main GmbH betont: „Größtenteils redundante Systeme gewährleisten in Frankfurt eine hohe Versorgungszuverlässigkeit.“

• Auch in Hamburg verläuft das Netz engmaschiger und an vielen Stellen parallel. „Im Schadensfall können wir deswegen durch Umleiten der Energieströme in der Regel schneller wieder die Stromversorgung herstellen. Neue Kabel müssten wir nicht verlegen“, so Axel Schröder, Sprecher der Hamburger Energienetze GmbH, zu BILD.

• Ähnlich erklärt es ein Sprecher des Energieversorgers enercity aus Hannover: Auch bei Ausfall einzelner Komponenten wie großen Leitungen oder Transformatoren funktioniere das System „stabil und sicher“.

• In München sind die Versorgungsnetze der Stadtwerke so angelegt, dass beim Ausfall „andere Teile die Versorgung übernehmen können“.

• Susanne Fabry, Vorstand Netze der RheinEnergie AG, erklärt: „Köln verfügt über ein engmaschiges Stromnetz mit vielen Einspeisepunkten und Querverbindungen.“ Das schaffe Widerstandsfähigkeit gegen Störungen.

Mehr zum Thema

• EWE Netz versorgt den Nordwesten Niedersachsens (u a. Oldenburg). Das rund 80.000 Kilometer lange Mittelspannungsnetz sei zu 100 Prozent unterirdisch. „Das bietet bereits einen hohen Schutz gegen äußere Einflüsse“, erklärt ein Sprecher.

• Der Netzbetreiber SachsenNetze (u. a. Dresden) teilt mit, bei Überwachung, Zutrittskontrollen, Schließanlagen und Zäunen aufgestockt zu haben.

• Thomas Pietsch, Sprecher der Geschäftsführung der SWM Magdeburg, verweist auf Betriebskonzepte und regelmäßige Übungen, um den Ernstfall zu proben.

• Auch die Stadtwerke Erfurt betonen, Notfallpläne regelmäßig zu überprüfen.

• Die MVV Netze GmbH verweist auf „ein klar definiertes Krisenmanagement“ in enger Abstimmung mit der Stadt Mannheim und relevanten Akteuren.

• Bei einem längeren Stromausfall gibt es in Nürnberg 43 „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ als Anlaufstellen für Bürger, darunter Feuerwehrhäuser und Polizeistationen, berichtet ein Stadtsprecher.

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Quelle: BILD06.01.2026