Die Sträucher sehen schon recht kahl aus, ein paar Bohnen sind aber noch zu finden. Es ist typisch für Anfang Dezember, denn die Erntesaison der Kaffeebohnen im Kafa-Biosphärenreservat im Südwesten Äthiopiens beginnt jedes Jahr Ende September und endet im Dezember. „Es war eine gute Saison. Wir haben viel ernten können und sind zufrieden“, sagt Solomon Mamo gegenüber dieser Zeitung.

Kaffee: Lebensgrundlage und Zukunft der Äthiopier

Der 48-Jährige ist Waldkaffeebauer nahe dem Ort Gimbo, unweit der äthiopischen Stadt Bonga – im Herzen eines der wichtigsten Kaffeeanbaugebiete des ostafrikanischen Landes. „Kaffee war schon immer und ist die Basis von unserem Leben, das von meiner Familie und von mir“, sagt Solomon. Er selbst hat schon als Kind bei der Ernte der Kaffeebohnen mitgeholfen, was er von seinen drei Söhnen und drei Töchtern ebenfalls erwartet – „wenn sie alt genug sind, um helfen zu können.“

Kaffeebauern in Bonga, Äthiopien

Solomon Mamo steht auf einem seiner Kaffeeanbaugebiete. Auf einem seiner Felder von einem Hektar Größe arbeiten bis zu zehn Männer und Frauen parallel, um die Kaffeebohnen zu ernten.
© Jan Weber | Jan Weber

Er besitzt Anbauflächen mit einer Gesamtgröße von etwa dreieinhalb Hektar. Um zu veranschaulichen, wie viel Geld man bei der Ernte verdient, lädt er auf ein etwa ein Hektar großes Gebiet ein. Parallel ernten dort während der Saison jeden Tag zehn Menschen – fünf Familienmitglieder und fünf externe Tagelöhner. Der Waldkaffeebauer verkauft ein Kilo grüne, ungeröstete Kaffeebohnen für 300 Birr, umgerechnet etwa 1,64 Euro. Die Tagelöhner werden pro gesammelten Kilogramm bezahlt: 10 Birr zahlt er pro Kilo, umgerechnet etwa 5,5 Cent – ihr Gesamtverdienst hängt von der individuellen Schnelligkeit beim Sammeln ab.

Das Anbaugebiet von Familie Mamo ist uneben, hügelig und zum Teil schwer zugänglich – genau wie bei den meisten anderen Kaffeebauern in der Region. Eine Begebenheit, die dem 48-Jährigen und allen, deren Lebensunterhalt vom Kaffeeanbau abhängig ist, schon sehr bald Probleme bereiten wird. Die Anforderungen der Entwaldungsverordnung der Europäischen Union (European Union Deforestation Regulation, kurz EUDR) lösen bereits jetzt viele Reaktionen in Äthiopien aus. „Wenn wir den europäischen Markt nicht mehr beliefern können, könnten wir unsere Lebensgrundlage verlieren und das löst großen Stress in uns aus“, sagt Solomon Mamo gegenüber dieser Zeitung.

Kaffeebauern in Bonga, Äthiopien

Kaffeebauern bringen ihre Lieferung in das äthiopische Bonga. Nach der zweiten Phase des Trocknens werden die Bohnen zu einer Rösterei in die Hauptstadt Addis Abeba gebracht.
© Jan Weber | Jan Weber

EU-Verordnung: Viel Arbeit trotz einjährigem Aufschub

Planmäßig sollte die Entwaldungsverordnung am 30. Dezember dieses Jahres für große und mittlere Unternehmen in Kraft treten – dieser Stichtag wurde kürzlich nach Verhandlungen zwischen dem Europäischen Parlament, dem Rat und der Europäischen Kommission um genau ein Jahr verschoben. Kleine Unternehmen bekommen sogar einen Aufschub bis Ende Juni 2027. Die EU-Verordnung sieht vor, dass Unternehmen ihre Lieferketten auf Nachhaltigkeit prüfen und sicherstellen, dass ihre Produkte entwaldungsfrei sind. Bestimmte Produkte und Rohstoffe, die mit Entwaldung zu tun haben oder mit Waldbeschädigung in Verbindung stehen, sollen nicht länger Teil des EU-Binnenmarkts sein.

Das Ziel der EUDR sind die weltweite Eindämmung der Entwaldung sowie die Transparenz und Nachverfolgbarkeit der Produkte. Durch das Nachweisen des geografischen Standortes der Rohstoffe und der Bedingungen des Erntens soll sichergestellt werden, dass es nicht zur Entwaldung beigetragen hat. Um die Verordnung einhalten zu können, ist neben der sorgfältigen Planung der Überprüfung auch der Einsatz einer Software zur Datenerfassung nötig – was den vielen Kleinbauern in Äthiopien Schwierigkeiten bereitet.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba arbeiten rund 4,3 Millionen Menschen im Land direkt im Kaffeesektor – und fast alle von ihnen als Kleinbauern, ohne direkt an den Lieferketten beteiligt zu sein. Der wirtschaftliche Zweig macht etwa 30 Prozent der Geldmenge des gesamten Landes aus.

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Arabica-Bohnen: Deutschland als wichtigster Kaffeeabnehmer von Äthiopien

Bei allen Kaffeebohnen, die aus Äthiopien nach Deutschland importiert werden, handelt es sich um die Sorte Arabica-Kaffee. Nach den Angaben der GIZ deckt der äthiopische Kaffee rund drei Prozent des Kaffees auf dem deutschen Markt ab, während diese Menge aber 90 Prozent des produzierten Kaffees in Äthiopien entspricht. Dementsprechend sind sowohl die Kleinbauern, als auch die Vertreter aus der Politik und der Wirtschaft sehr daran interessiert, den Auflagen der EUDR gerecht zu werden. In Brasilien beispielsweise sei die Umsetzung viel einfacher, da die Kaffeebohnen dort in riesigen Firmen verarbeitet werden – Äthiopien habe es viel schwerer.

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Solomon Mamo ist Teil einer Kooperation aus vielen Kaffeebauern aus der Region rund um das Kafa-Biosphärenreservat. Die „Kafa Forest Coffee Farmers Cooperative Union“ (KCFU) steht für die Rechte ihrer Mitglieder ein und ist bemüht, sie so gut es geht bei der Umsetzung der EUDR-Auflagen zu unterstützen. „Wir müssen zu jedem, der Kaffee produziert, gehen und die Flächen kontrollieren. Das kostet Zeit, Geld und ist sehr herausfordernd“, sagt Fisseha Alamu, der Zertifizierungsbeauftragte der KCFU.

Kaffeebauern in Bonga, Äthiopien

Die Bohnen von über 300 Kaffeebauern werden im äthiopischen Gimbo getrocknet.
© Jan Weber | Jan Weber

Man müsse jede Steigung auf den Böden der Bauern kontrollieren und benötige dafür dringend GPS-Systeme. Da dafür nicht nur neue Geräte angeschafft werden müssten, sondern auch geschulte Prüfer durch sämtliche Kaffeeregionen geschickt werden müssten, zieht Fisseha Alamu ein nüchternes Fazit: „Der Preis für Kaffee wird wohl steigen müssen, wenn wir das alles umsetzen.“ Von der EUDR und deren Konzept habe man bereits vor zwei Jahren gehört, die äthiopische Regierung hätte aber recht spät mit dem Handeln begonnen.

Entwaldungsverordnung: Fehlende Technologie und begrenztes Verständnis

Seit August dieses Jahres ist der Zertifizierungsbeauftragte unterwegs und gibt sowohl den Bauern als auch den Prüfern Trainings. Eine App soll das Eintragen der GPS-Daten vereinfachen. Das Problem ist: „Vielen Kaffeebauern fehlt das Verständnis und sie haben bislang kaum bis keine Berührungspunkte mit Technologie gehabt“, sagt Abebe Magnetschu, der Geschäftsführer der KCFU, gegenüber dieser Zeitung. Zertifikate seien die eine Herausforderung, die andere, dass Prüfer immer wieder aufs Neue losgehen und die Flächen inspizieren müssten.

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Obwohl es noch einige ungelöste Probleme gibt und viel Arbeit auf die Kleinbauern und die Vertreter der KCFU zukommt, gibt es auch Lob für die Verordnung: „Die Entwaldung zu stoppen ist gut für die Umwelt, das liegt natürlich auch in unserem Interesse“, sagt Fisseha Alamu.

Kaffeebauern in Bonga, Äthiopien

Fisseha Alamu ist Zertifizierungsbeauftragter der Kafa Forest Coffee Farmers Cooperative Union.
© FMG | Jan Weber

Im Landwirtschaftsministerium in Addis Abeba geht man den aktuellen Herausforderungen gelassener entgegen: „Wir können nicht tolerieren, dass unsere Wälder kaputtgehen und versichern, dass hier keine Entwaldung stattfindet. Im Gegenteil. Wir nehmen das sehr ernst und werden der Verordnung nachkommen“, sagt Professor Eyasu Elias, Staatsminister für Natürliche Ressourcen, gegenüber dieser Zeitung. Man habe die Kapazitäten dafür und sei sehr selbstbewusst – auch Kolumbien möchte man hinter sich lassen und nach Brasilien zum zweitgrößten Exporteur für Kaffee in der Welt aufsteigen.

Hinweis: Diese Reportage entstand im Rahmen einer Recherchereise von journalists.network.