Nein, Adipositas ist kein Lifestyle-Problem: Ein bisschen Sport und Ernährungsumstellung – das reicht in der Regel nicht aus. Eigentlich logisch, denn das Gehirn steuert die Nahrungsaufnahme – und nicht alles davon lässt sich bewusst kontrollieren. „Die Menschheit ist evolutionär darauf konditioniert, auf Reserve zu essen“, erklärte Professor Dr. Matthias Laudes vom Uniklinikum Schleswig-Holstein im Herbst 2025 auf dem Europäischen Gesundheitskongress München. Ein Gehirn, das verzögert auf Sättigungssignale reagiert, konnte in größeren Hungerphasen, wie es sie in der Menschheitsgeschichte immer wieder gab, ein Überlebensvorteil sein. Bis heute ist das in unseren Genen verankert – bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Schon deshalb ist Adipositas eine komplexe Erkrankung. Neben genetischer Veranlagung können unter anderem biologische, sozioökonomische, psychologische und umgebungsbedingte Faktoren eine Rolle dabei spielen, ob, wann und wie diese Erkrankung entsteht.

In der EU sind rund 15 Prozent der 18- bis 64-Jährigen betroffen; unter den 65- bis 74-Jährigen sind es sogar 20 Prozent – jede:r Fünfte. Bis 2030 könnten mehr als 30 Prozent aller Menschen in Europa mit Adipositas leben. „Die direkten und indirekten Kosten für die Gesundheitssysteme werden dann auf bis zu 1,597 Milliarden Euro geschätzt – falls keine holistischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden“, schreibt EFPIA in „A Blueprint for Action to address Obesity in the European Union“. Adipositas kann zahlreiche Folgeerkrankungen nach sich ziehen.

Adipositas: Gesundheitskompetenz verbessernAdipositas-Prävention größer denkenAdipositas: Diskriminierung und Stigma. Foto: iStock.com / SeventyFour

„Trotz der umfassenden wissenschaftlichen Anerkennung von Adipositas als multifaktorielle chronische Erkrankung und trotz der Evidenz zu ihren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen wird sie weiterhin als individuelle Verantwortung heruntergespielt, anstatt als Herausforderung für die öffentliche Gesundheit und das System verstanden zu werden“, kritisiert EFPIA.

„Gewichtsbezogene Vorurteile, Stigma und Diskriminierung tragen außerdem zu schlechterer mentaler Verfassung von Menschen mit Adipositas bei“. Langfristig ist Stigmatisierung potenziell mit einem 60 Prozent höheren Sterblichkeitsrisiko verbunden, heißt es. Aus Sicht von EFPIA ist es dringend notwendig, die Gesundheitskompetenz zu erhöhen – also mehr über die Erkrankung aufzuklären, mehr Wissen, mehr Daten zu generieren. Der Pharmaverband rät der Europäischen Kommission zum Beispiel zu einem EU-geförderten Projekt, das Best Practices entwickelt – also Wege findet, um das Wissen über die vielschichtigen Ursachen und Auswirkungen der Erkrankung zu den Menschen in ganz Europa zu bringen.

Adipositas-Prävention größer denken

Luft nach oben ist auch im Bereich Prävention: Programme zur allgemeinen Gesundheitsförderung seien weiterhin wichtig – aber sie allein reichen nicht aus, betont EFPIA. Im Gegenteil: Gerade, weil die Erkrankung durch vielfältige Faktoren verursacht wird, die weit über individuellen Lebensstil, gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung hinausgehen, könnte es sogar stigmatisierend sein, wenn Prävention nicht weiter gedacht wird. Dazu braucht es mehr Forschung.

Adipositas-Prävention größer denkenFolgeerkrankungen verhindern: Regelmäßige Gesundheitschecks & Beratungsangebote. Foto: ©iStock.com/golfcphoto

Liegt eine Adipositas bereits vor, gilt es, sie möglichst früh zu diagnostizieren – um Folgeerkrankungen und frühzeitige Sterblichkeit zu verhindern. „Regelmäßige Gesundheitschecks und Beratungsangebote bei qualifiziertem und gut ausgestattetem Gesundheitsfachpersonal“ könnten dazu beitragen – Stigma und Vorurteile verhindern das jedoch zu oft. Problematisch ist auch, wenn der Fokus in der Diagnostik vor allem auf dem Body-Mass-Index (BMI) liegt: Längst weiß die Wissenschaft, dass er nur in Verbindung mit anderen Maßstäben – wie Körperzusammensetzung, genetische und metabolische Faktoren und weitere chronische Erkrankungen – wirklich aussagekräftig ist. Denn erst so lässt sich ein umfassenderes Bild vom Zustand und den gesundheitlichen Risiken der Patient:innen ableiten. EFPIA rät den EU-Mitgliedsstaaten, in ihrer Primärversorgung zielgerichtete Gesundheitschecks für Hochrisikogruppen zu Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu implementieren.

Menschen mit Adipositas: Chronisch unterversorgt

Adipositas werde „chronisch unzureichend behandelt und schlecht gemanagt“, stellt EFPIA fest. Zu oft werden Betroffene nicht bzw. erst spät im Krankheitsverlauf an die entsprechenden Fachpersonen überwiesen. Primärversorger:innen seien häufig „nicht ausreichend ausgestattet“, um „Adipositas einschätzen, vorbeugen und managen zu können“, heißt es im Bericht.

Menschen mit Adipositas: Chronisch unterversorgtAdipositas: Moderne, multidisziplinäre Versorgung ermöglichen. Foto: iStock.com/Halfpoint

Was es braucht: klare Patientenpfade – angefangen bei der Prävention über die Therapie bis hin zur Nachsorge – die eine moderne, multidisziplinäre Versorgung ermöglichen. Dazu gehört laut EFPIA der Auf- und Ausbau von Zentren, in denen Expert:innen aus Primärversorgung, Ernährungswissenschaft, Ergo- und Physiotherapie, Psychologie, Endokrinologie, Chirurgie, Kardiologie, Orthopäde und Gastroenterologie zusammenarbeiten. Auch für eine Standardisierung der medizinischen Leitlinien über alle EU-Mitgliedsstaaten hinweg spricht sich der Pharmaverband aus; außerdem müsse sichergestellt werden, dass evidenzbasierte Therapien und andere Angebote für die Betroffenen auch tatsächlich verfügbar sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Dezember 2025 eine erste Leitlinie mit Empfehlungen zum Einsatz von sogenannten Inkretin-Agonisten bei Adipositas veröffentlicht. Sie erkenne an, „dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, die mit einer umfassenden und lebenslangen Versorgung behandelt werden kann“, sagt WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die medikamentöse Behandlung werde „diese globale Gesundheitskrise zwar nicht allein lösen können“ – aber sie könne Millionen Betroffenen helfen, die Erkrankung zu bewältigen und Folgeschäden zu reduzieren.

Die Fakten sind eindeutig, resümiert EFPIA: „Rapide steigende Adipositas-Raten zeigen, dass der derzeitige Ansatz versagt und Millionen von EU-Bürger:innen im Stich lässt.“ Die Zeit drängt, das zu ändern – für eine „gesündere und gerechtere Zukunft“ aller. Europa muss Adipositas endlich ernst nehmen.