Zum Ende des vergangenen Jahres war Frank Hiller, der Vorstandschef der Baywa AG, voller Optimismus, was die Zukunft des angeschlagenen Agrarkonzerns angeht. „Wir liegen beim operativen Geschäft voll im Sanierungsplan“, sagte der Manager im Gespräch mit der F.A.Z. Mitte November. Nach einer eilig einberufenen Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstagnachmittag, in der es ausschließlich um die Top-Personalie ging, ist jedoch klar: Den noch drei Jahre laufenden Sanierungsplan wird Hiller womöglich nicht mehr bis zum Ende begleiten. Der Aufsichtsrat sprach Hiller am Abend nicht das Vertrauen aus – wollte ihn aber auch nicht abberufen. Es sei keine Entscheidung getroffen worden, hieß es im Umfeld des Konzerns am Abend.
Hiller ist erst seit zehn Monaten im Amt. Der 59 Jahre alte frühere Deutz-Chef besitzt einen Dreijahresvertrag. Gemeinsam mit dem zuvor an Bord geholten Sanierer Michael Baur, der von der Beratungsfirma Alix kam, sollte Hiller den Konzernumbau bis Ende 2028 abschließen. Dann, so der Plan, wird der 1923 als „Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften“ gegründete Mischkonzern ein deutlich kleineres Unternehmen sein, das auf vier Säulen stehen muss: dem Agrarhandel, der Landwirtschaftstechnik, dem Bauwesen und dem Handel mit fossilen Brennstoffen.
Die Baywa hatte unter dem langjährigen Vorstandschef Klaus Josef Lutz einen ungezügelten Expansionskurs eingeschlagen. Binnen 15 Jahren wurden internationale Firmen und Beteiligungen auf Pump zusammengekauft und so fast sieben Milliarden Euro Schulden angehäuft. Als die Zinsen stiegen, konnte die Baywa vor gut eineinhalb Jahren die Pleite nur mit Hilfe der Gläubigerbanken und zwei Großaktionären abwenden. Das Krisenjahr 2024 endete mit einem Verlust von 1,6 Milliarden Euro.
Der zuerst angeworbene Baur und der im März dazugeholte Hiller wurden mit den Aufräumarbeiten betraut und entwarfen ein neues Zielbild für eine „gesundgeschrumpfte“ Baywa, die noch rund 15.000 Mitarbeiter beschäftigen soll, knapp zwei Drittel des heutigen Personalbestands. Doch damit hörten die Gemeinsamkeiten der beiden Manager schon auf, heißt es im Umfeld des Konzerns. Immer wieder soll es zwischen dem CEO und dem CRO zu Unstimmigkeiten, Kompetenzgerangel und Eifersüchteleien gekommen sein.
Zurück bleibt ein beschädigter Vorstandschef
Die Disharmonie im Vorstand blieb dem Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Georg Scheller, früher Vorstandschef der Volks- und Raiffeisenbank Bamberg-Forchheim, nicht verborgen. Recht bald schlug das Pendel zugunsten Baurs aus. Schon vor Weihnachten soll in dem Kontrollgremium der Plan gereift sein, sich von Hiller zu trennen – die Frage war nur, ob er abberufen werden soll oder eine Trennung im gegenseitigen Einvernehmen gelingt. Unter diesen Vorzeichen rief Chefkontrolleur Scheller die Aufsichtsräte an dem bayerischen Feiertag zusammen. Weder zu der einen noch zu der anderen Entscheidung konnte man sich durchringen. Zurück bleibt ein Vorstandsvorsitzender, der nun beschädigt ist.
Anders als Baur ist Hiller im Aufsichtsrat nicht unumstritten. Hiller soll sich in Teilen des Kontrollgremiums unbeliebt gemacht haben, weil er früh auf eine rasche Aufarbeitung der Baywa-Krise gedrängt hat. Im August vorigen Jahres hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die ehemaligen Baywa-Vorstände um Hillers Vorgänger Marcus Pöllinger eingeleitet. Die Behörde geht dem Verdacht nach, ob die Vorstände im Jahresabschluss 2023 die Finanzlage falsch dargestellt haben. Von den Untersuchungen betroffen ist auch die für die Geschäftsbereiche Agrar und Energie zuständige Vorständin Marlen Wienert, deren Vertrag unabhängig davon kürzlich vom Aufsichtsrat bis März 2028 verlängert wurde. Zudem prüft die Finanzaufsicht Bafin den Jahresabschluss, und die Abschlussprüferaufsicht Apas hat ein berufsaufsichtliches Verfahren gegen die damaligen Wirtschaftsprüfer von PwC eingeleitet.
Auch der Aufsichtsrat gerät in die Kritik
Woran sich die Kritik an Hiller genau entzündet hat, dazu wurde nach der Aufsichtsratssitzung noch nichts bekannt. Der gebürtige Schwabe hatte bis Februar 2022 fünf Jahre lang den Motorenhersteller Deutz als Vorstandsvorsitzender geführt. Nach einem Streit um die Besetzung des Vorstands hatte ihn der Aufsichtsrat dort abberufen. Hiller ging später als Vorstandschef zu Big Dutchman, einem Hersteller von Fütterungsanlagen und Stallungssystemen mit Sitz im niedersächsischen Vechta.
Unklar ist, wie Hiller nach dieser Sitzung bei der Baywa weitermachen kann. Unklar ist auch, wie es im Aufsichtsrat weitergehen soll. Denn längst steht das Gremium in der Kritik der Anteilseigner, zumal es überwiegend mit jenen Kontrolleuren besetzt ist, die noch zu Zeiten des langjährigen Baywa-Chefs Lutz in ihre Ämter kamen, darunter die CSU-Politikerin Monika Hohlmeier, und Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbands. Beide gehören dem Gremium schon seit 2013 an und haben die wilde Expansion von Lutz begleitet. Zwar hat sich Scheller für eine Neubesetzung des Aufsichtsrats ausgesprochen, um verloren gegangenes Vertrauen in den börsennotierten Konzern wiederherzustellen. Aber bislang ist ihm das nicht so recht gelungen. Auf der Hauptversammlung im vergangenen August nannte eine Aktionärsvertreterin den Grund für die Beharrungskräfte in dem Gremium: Die Aufsichtsräte, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), säßen auf ihren Stühlen „wie mit Pattex festgeklebt.“